„Ich werde dich umbringen. Ich werde dich nicht in Deutschland leben lassen“

Vor dem Landgericht Berlin läuft der Prozess um den gewaltsamen Tod der sechsfachen Mutter Zohra G. Zeugenaussagen legen nahe: Es war eine Tat mit Ansage.

Gul A. soll seine Ex-Frau auf offener Straße in Pankow mit einem Messer attackiert und getötet haben.
Gul A. soll seine Ex-Frau auf offener Straße in Pankow mit einem Messer attackiert und getötet haben.Pressefoto Wagner

„Ich werde dich umbringen. Ich werde dich nicht in Deutschland leben lassen.“ Mit diesen Worten hatte Gul A. seine einstige Ehefrau Zohra G. Ende Februar des vergangenen Jahres offenbar bedroht. Sie solle die Anzeige gegen ihn wegen häuslicher Gewalt fallen lassen, sonst werde er ihr mit einem Messer die Kehle aufschlitzen, soll der 42 Jahre alte Mann zwei Wochen später geäußert haben, als er Zohra G. offenbar in einem Park vor der Flüchtlingsunterkunft aufgelauert hatte. Sieben Wochen später war die Mutter von sechs Kindern tot, ermordet – mutmaßlich von ihrem Ex-Ehemann. Sie wurde erstochen, ihre Kehle mit einem Messer aufgeschlitzt.

Die Drohungen, die Gul A. ausgestoßen haben soll, sind an diesem Dienstag Thema im Prozess um den gewaltsamen Tod der 31-jährigen Frau aus Afghanistan. Polizeibeamte werden als Zeugen befragt. Sie waren nach mutmaßlichen Gewalttaten des angeklagten Gul A. in die Flüchtlingsunterkunft in Pankow gerufen worden, wo Zohra G. und Gul A. zusammen mit ihren sechs Kindern seit ihrer Flucht nach Deutschland gelebt hatten. In zwei Zimmern, in denen man sich kaum aus dem Weg gehen konnte.

Auch eine Kriminalbeamtin ist an diesem Verhandlungstag als Zeugin geladen. Sie war mit den Ermittlungen zu den Gewalttaten gegen die später getötete Frau befasst. Am 17. März hatte sie Zohra G. vernommen, die geschilderten Drohungen vom Kehle-Durchschneiden und „Nicht-leben-lassen-Wollen“ notiert, die Gul A. ausgestoßen haben soll. Zohra G. habe diese Worte ihres Ex-Mannes ernst genommen, erklärt die 43-jährige Kriminalistin. „Und sie hat ihrem einstigen Mann eine solche Tat auch zugetraut.“

Gul A., der Vater der gemeinsamen sechs Kinder, sitzt wie an all den anderen Verhandlungstagen zuvor mit versteinerter Miene auf der Anklagebank hinter Panzerglas. Er muss sich seit Ende November wegen Mordes vor einer Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts verantworten. Laut Anklage hatte er am Vormittag des 29. April dieses Jahres seiner getrennt von ihm lebenden Ehefrau Zohra G. aufgelauert, um sie zu töten.

An der Mühlen-, Ecke Maximilianstraße in Pankow soll Gul A. die 31-Jährige vor den Augen zahlreicher Zeugen mit einem Messer attackiert, ihr mindestens 13 Stiche und Schnitte zugefügt und ihr dann die Kehle durchtrennt haben. Er konnte wenig später am Tatort festgenommen werden. Gul A. habe sich in seinem Stolz und seiner Ehre verletzt gefühlt, heißt es in der Anklage zum Motiv der Tat. Zudem habe er seine Frau wegen ihrer angeblichen Kontakte zu anderen Männern bestrafen wollen – und weil er seine Kinder nicht mehr so häufig sehen konnte.

Zwei Anzeigen wegen häuslicher Gewalt gegen Gul A.

Zohra G. hatte zweimal Anzeige gegen ihren Ehemann erstattet, weil er sie geschlagen und bedroht haben soll – in der Nacht zum 27. Februar und am 12. März. Im Heim hatte Gul A. seit Ende Februar Hausverbot. Einen Monat vor ihrem Tod hatte sich Zohra G. nach islamischem Recht von ihrem Mann scheiden lassen.

In ihrer polizeilichen Vernehmung äußerte Zohra G., dass ihr erst im Deutschkurs die Augen geöffnet wurden. Dort sei ihr klar geworden, dass sie sich nicht alles von ihrem Ehemann gefallen lassen müsste. „14 Jahre wurde ich tags von ihm gemartert und nachts vergewaltigt“, wird vor Gericht aus ihrer Vernehmung zitiert. „Er betrachtete seine Frau als Besitz“, sagt die Kriminalbeamtin. Vom Kontrollwahn des Angeklagten ist die Rede. Und von Beleidigungen. So soll Gul A. seine Frau häufig als Hure bezeichnet haben. Zohra G. hatte im Flüchtlingsheim einen anderen Mann kennengelernt.

Hätte die Polizei den Tod der Frau verhindern können, ja, sogar verhindern müssen, wenn sie von den Drohungen wusste? Diese Überlegung steht an diesem ersten Verhandlungstag im neuen Jahr im Raum. Und so sind wohl auch die hartnäckigen Fragen zu verstehen, denen sich die Kriminalbeamtin stellen muss.

Ob sie Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussage von Zohra G. gehabt habe, will Udo Grönheit von der Beamtin wissen. Der Anwalt vertritt im Prozess die Kinder der ermordeten Frau, die Nebenkläger sind. „Daran hatte ich keine Zweifel“, antwortet die Kriminalistin. Warum sie keinen Haftbefehl gegen Gul A. erwirkt habe wegen Verdunklungsgefahr, fragt Grönheit weiter. Schließlich habe der Angeklagte einer Zeugin mit Gewalt gedroht, sollte sie die Anzeige nicht zurückziehen. Es habe keine Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten gegeben, gibt die Kriminalistin Auskunft.

Es ist Bernd Miczajka, der Vorsitzende Richter, der einschreitet und erklärt: Es komme ihm so vor, als untersuche man hier im Saal die Verantwortlichkeit der Polizeibeamtin für den Tod der Zohra G. und nicht die des Angeklagten. Es gehe aber nicht darum, was die Zeugin zu verantworten habe. Gegen die Kriminalistin war nach dem Tod von Zohra G. kein Verfahren eingeleitet worden. 

Zohra G. wollte richterlichen Beschluss erwirken

Doch tat die Polizei überhaupt etwas, nachdem die Drohungen bekannt waren? Die Zeugin berichtet, dass sie Zohra G. empfohlen habe, die Unterkunft – wenn überhaupt – nur noch in Begleitung eines anderen Erwachsenen zu verlassen. Ein Wechsel des Wohnortes sei nicht sinnvoll erschienen, weil die beiden ältesten Kinder noch telefonischen Kontakt zu ihrem Vater gehabt hätten – und die neue Bleibe von Mutter und Kindern dem Ex-Mann und Vater auf diesem Wege schnell bekannt geworden wäre.

Die Beamtin berichtet, dass sie das Jugendamt ebenso informiert habe wie die Sozialarbeiterin in der Flüchtlingsunterkunft. Zohra G. habe sie dringend nahegelegt, einen Gerichtsbeschluss gegen ihren Mann für ein Annäherungsverbot zu erwirken. Dieser Beschluss war in Arbeit, als die sechsfache Mutter getötet wurde.