Die Maskenpflicht erschwert das Leben von vielen chronisch kranker Menschen.
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BerlinAns Maske-Tragen haben sich mittlerweile viele gewöhnt – dass sie nun zusätzlich im Büro Vorschrift ist, müssen manche erst noch lernen. Aber wie sieht es aus, wenn man gar keine Maske tragen darf, aus gesundheitlichen Gründen? Schwierig, davon kann Agnes Zeitler aus Berlin berichten.  

Man kapselt sich automatisch ab, damit man in Ruhe gelassen wird.

Agnes Zeitler 

Die 66-jährige Berlinerin ist schwer lungenkrank. Als der Arzt das Attest ausstellte, dass sie aus medizinischen Gründen keinen Mundschutz tragen darf, packte sie es damals noch zuversichtlich in eine Klarsichthülle. Wenn sie fortan das Haus verließ, zeigte sie es ungefragt vor – ob in der Apotheke oder im Supermarkt. „Viele kennen mich und lassen mich nach wie vor rein“, sagt sie. Doch es gab in den vergangenen Wochen auch andere Situationen. „Ich werde manchmal regelrecht angefeindet und diskriminiert, weil ich keine Maske trage.“

Mit diesem Problem ist Zeitler nicht alleine. In der Stadt steigen die Infektionszahlen und damit die Ängste und Vorsichtsmaßnahmen. Für Menschen wie sie bedeutet das mitunter noch mehr Ausgrenzung. Doch einen Mundschutz kann sie nicht tragen – wie viele andere auch nicht. Die 66-Jährige ist seit Jahren schwer lungenkrank, kann kaum atmen. Manchmal schafft sie es zu Fuß um einen Häuserblock, ohne nach Luft japsend stehen zu bleiben. Manchmal muss sie nach zwei Metern wieder umkehren. 

Agnes Zeitler hat seit Corona ihr Leben umgestellt. Sie meidet große Menschenansammlungen, geht in kein Einkaufscenter mehr. Meistens fährt sie früh morgens mit dem Auto zum Supermarkt, vieles bestellt sie aber auch im Internet. „Ich sehe zu, dass ich draußen nichts sage, um keine Aerosole auszustoßen. Man kapselt sich automatisch ab, damit man in Ruhe gelassen wird. Es war zeitweise sehr erniedrigend und ich habe die Stimmung als sehr gereizt empfunden.“

Jüngst wies ein Orthopäde Agnes Zeitler ab, weil sie ohne Maske nicht ins Wartezimmer dürfe. „In dem Moment dachte ich entsetzt, was ist, wenn ich nun ein Notfall wäre? Ich kann verstehen, dass Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen, aber man hätte mich ja vielleicht separat setzen können. Da fühlt man sich als kranker Mensch ausgegrenzt.“ Am Ende wurde eine Lösung gefunden: Sie bekam dann das Rezept ohne Anwesenheitspflicht in der Praxis.

Wütend machte sie in der vergangenen Zeit, dass Ärzte Blanko-Atteste an Nicht-Kranke ausgestellt hatten – in vielen Fällen an Corona-Gegner. „Das finde ich fahrlässig. Menschen, die auf ein Attest angewiesen sind, haben es damit noch schwerer, ernst genommen zu werden, dass sie den Mundschutz wirklich nicht tragen dürfen.“

Seit Corona erhielt die Antidiskriminierungsstelle 1000 Anfragen 

Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes liefen seit Ausbruch von Corona 1000 Anfragen ein. Menschen meldeten sich, die sich wie Agnes Zeitler erniedrigt fühlten, weil sie von der Maskenpflicht befreit sind. Laut Infektionsschutzverordnung fallen darunter unter anderem chronisch Kranke, Behinderte, Gehörlose und Taubstumme. Andere beklagten Diskriminierung wegen ihrer asiatischen Herkunft. Der Pressesprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Sebastian Bickerich: „Ratsuchende berichten vielfach davon, dass sie in der Öffentlichkeit rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind und für die Pandemie verantwortlich gemacht werden. Betroffene berichten auch von Hassbotschaften am Arbeitsplatz, verweigerten Dienstleistungen oder Terminabsagen beim Arzt, weil sie – vermeintlich – einen chinesischen Migrationshintergrund haben.“

Außerdem melden sich Menschen mit Behinderung, die sich seit Corona stärker ungleich behandelt fühlen – mit Blick auf die gesellschaftliche Teilhabe. Dominik Peter vom Berliner Behindertenverband warnt: „Viele befürchten einen zweiten Lockdown und dass sie dann noch weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Die Vereinsamung ist durch Corona stärker geworden. Das macht uns am meisten Sorge.“

Agnes Zeitler gehört nicht zu denjenigen, die sich offiziell beschwert haben. Sie weiß, dass viele ihre Pflicht tun – gerade in den Geschäften –, um andere zu schützen. Und oft auch gar nicht wissen würden, dass manche von der Maskenpflicht befreit sind. „Und ich habe auch sehr viel Hilfe erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Ich habe mich sehr eingeschränkt. Trotzdem will man selbstständig bleiben.

Agnes Zeitler 

Sie würde sich aber wünschen, dass sie ebenso wieder mehr am Leben teilnehmen kann und mehr Rücksicht genommen wird. „Bislang habe ich mein eigenständiges Leben ziemlich gut gemeistert“, sagt sie. Corona habe sie ebenso in den Griff bekommen. „Meistens jedenfalls. Der Alltag war schwieriger, ich bin sehr eingeschränkt. Trotzdem will man selbstständig bleiben und einen Rosenkohl oder ein Stück Fleisch mal selbst aussuchen. Das ist auch Lebensqualität. Ich kann doch nicht nur noch in meiner Wohnung sitzen. Ich habe glücklicherweise einen großen Freundeskreis, der mich weitgehend unterstützt – und sei es nur, mit mir zu telefonieren. Das bringt etwas Farbe in den Alltag.“

Sie ärgert es, dass viele zu locker mit dem Virus umgehen, Partys feiern, und damit andere in Gefahr bringen. „Wir brauchen mehr Verständnis füreinander, sonst sind bald noch mehr infiziert.“

Was wünscht sie sich? „Dass ich mich nicht anstecke, denn Corona ist und bleibt gefährlich. Gerade für Risikopatienten wie mich. Ich muss aber auch darauf achten, dass ich mich bewege, sonst werde ich krank, weil meine Muskulatur abbaut. Ich muss wenigstens 20 Minuten im Wald oder an einem See spazieren gehen können.“ Und das am besten ohne, dass ihr jemand vorwirft, keine Maske zu tragen.