Krankenpflegerinnen bei der Arbeit.
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BerlinAuf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie gab es Applaus und jede Menge warme Worte für die stillen Helden der Corona-Krise: die Ärztinnen und Ärzte und vor allem die zahlreichen Krankenschwestern. Schnell wurde der Ruf laut, insbesondere die systemrelevanten Pflegeberufe auch finanziell besserzustellen. Passiert ist seitdem nicht viel. Jetzt droht die Gewerkschaft Verdi mit Warnstreiks.

Berliner Zeitung: Frau Habekost, sind Sie enttäuscht darüber, dass Sie jetzt wieder für Ihre Rechte auf die Straße müssen?

Silvia Habekost: Ich habe nichts anderes erwartet. Die Haltung der Arbeitgeber, dass kein Geld da ist und wir deswegen im öffentlichen Dienst auf Gehaltserhöhungen verzichten sollen, wo im Frühjahr noch geklatscht wurde – das ist ein ziemlicher Hohn. Es wird doch gesagt, das Beschäftigte in der Pflege aufgewertet werden müssen.

Ende September soll es für einige Beschäftigte aus Krankenhäusern Prämien geben. Ist das angemessen?

Wir wollen keine Prämien, wir wollen eine dauerhafte Aufwertung unserer Berufe. Immerhin sind wir Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dafür muss doch Geld da sein. Die Krise in den Krankenhäusern war auch vorher schon da. Corona verdeutlicht nur, wie sehr uns auf die Füße fällt, dass es zu wenig Pflegepersonal gibt. Wäre es zu einer Situation wie in Frankreich, Spanien oder Italien gekommen, hätten wir wahrscheinlich genügend Betten, aber zu wenig Personal gehabt. Und jetzt sollen die Beschäftigtenvertretungen der Krankenhäuser entscheiden, wer dieses Extra-Geld bekommt? Das kann doch nicht sein.

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Seit 32 Jahren in der Pflege

Silvia Habekost, Jahrgang 1962, ist Krankenpflegerin im Vivantes Klinikum Friedrichshain. Ihr Examen machte sie 1985, seit 1988 ist sie ohne Unterbrechung im Beruf tätig. Im Rahmen der Tarifverhandlungen und Streiks der öffentlich Beschäftigten planen auch Krankenhausangestellte in Berlin, „in naher Zukunft“ in den Warnstreik zu treten.

Was ist daran problematisch?

Es reicht nicht für alle. Es muss eine eindeutige politische Vorgabe geben, wer dieses Geld bekommt. Ganz ehrlich: Ich will keine Prämie, ich will vernünftig bezahlt werden. Man hätte im März direkt sagen sollen, alle kriegen vernünftige Tarifverträge und die Pflege noch 500 Euro obendrauf. Und zwar für immer und für alle. Man könnte auch aufheben, dass wir Steuern für die Nacht-, Spät- und Wochenendschichten bezahlen müssen. Wir machen unsere Gesundheit kaputt im Schichtdienst. Und von dem wenigen Geld, das wir dafür kriegen, geht dann fast die Hälfte wieder ab.

Sind denn die Schichten ausreichend besetzt?

Nein, und auch das war vor Corona nicht besser. Als viele Betten freigehalten wurden und Operationen verschoben wurden, hatten wir kurz das Gefühl, jetzt so arbeiten zu können, wie wir gerne wollen. Als die Zahl der Patienten wieder stieg, wurde die Situation teilweise schlimmer, weil das Leihpersonal eingespart wurde. Und es wurde die Möglichkeit geschaffen, 12-Stunden Schichten zu machen. Das ist mit Schutzkleidung erst recht anstrengend.

Was ist so anstrengend daran, in Schutzkleidung zu arbeiten?

Sie tragen doch auch Maske, oder? Mit den richtig dicken Masken, das sind die FFP3-Masken, kriegt man schlecht Luft. Dann muss man noch die Augen schützen, Schutzkittel und Handschuhe tragen. Das ist einfach warm. Man schwitzt also, kann aber zwischendurch nicht trinken, dazu muss man nämlich alles ausziehen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie heute?

Es geht zurück in den Normalbetrieb. Und die Patientenzahlen steigen. Auch im Operationsbereich: Auch da fehlen Kapazitäten. Viele Eingriffe werden deshalb in die Nächte und Wochenenden gelegt. Ich kann verstehen, dass jetzt die Patientinnen und Patienten drankommen wollen, deren Eingriffe verschoben wurden. Aber es passieren ja auch weiterhin Unfälle, zum Beispiel. Das Gleichgewicht zwischen planbaren OPs und Notfällen war und ist sehr anstrengend.

Und wie ist die Stimmung unter den Beschäftigten?

Naja, wir mobilisieren für einen Streik – die Bereitschaft ist sehr groß. Und das Verständnis auch. Auch von Ärztinnen und Ärzten, die schließlich nicht unter den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst fallen. Die verstehen, dass das einfach nötig ist.

Erwarten Sie Verständnis aus der Öffentlichkeit?

Ja. Es wird sich zeigen, wie die Reaktionen von Patientinnen und Patienten oder Angehörigen sind. Ob sie verstehen, dass wir schlicht kein anderes Mittel mehr haben.

Wie blicken Sie heute auf die „Applauswochen“ zurück?

Also ich fand das befremdlich. Es ging ja um Dinge, die wir seit langem sagen. Und dazu kam, dass auch Beschäftigte im Einzelhandel betroffen waren oder die, die Pakete ausliefern. Die arbeiten für einen Hungerlohn und haben noch weniger Lobby. Für die fordert auch niemand mehr Löhne oder klatscht. Das macht mich wütend.

Es geht also um Wertschätzung?

Genau. Um zweierlei: die finanzielle Wertschätzung und die Arbeitsbedingungen. Drei Viertel meiner Kolleginnen und Kollegen haben ihre Arbeitszeit aus Belastungsgründen reduziert. Viele verlassen den Beruf ganz. Deswegen brauchen wir einen Personalschlüssel. Auf der Intensivstation hieße das zum Beispiel, dass eine Pflegekraft maximal zwei Patienten versorgen darf.

Sie rennen also von einem Bett zum nächsten und schaffen es trotzdem nicht zu allen?

Genau. In den Operationssälen zum Beispiel. Das ist, als würde man im Supermarkt acht Kassen öffnen, aber nur vier mit Leuten besetzen. Und bei uns geht es dann um Menschenleben. Wenn dann noch Notfälle kommen, muss man sich entscheiden, was man zuerst macht. Und da kann man sich nie sicher sein. Man hat immer das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Das halten ganz viele nicht aus. Mit über 30 Jahren im Beruf bin ich die Ausnahme. Aber auch das ist nichts Neues.

Und was kommt mit dem Winter auf Sie zu?

Die Angst ist nicht mehr so groß. Wir wissen jetzt besser, wie wir uns schützen können. Aber wir werden mit einem hohen Krankenstand zu tun haben. Weil auch wir bei jedem Husten oder Schnupfen zu Hause bleiben müssen. Und das wird sicher nicht weniger werden.