Maria Weber ist wütend. So wütend, dass sie nicht länger über ihre Armut schweigt, Politiker anruft, anschreibt und als @RosaLin99535919 unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen mehrmals täglich twittert. „Die ganze Wut habe ich vorher in meinem Körper herumgetragen. Die haue ich jetzt da rein“, sagt sie. Doch ihr Gesicht zeigt sie dabei nicht.

Wütend ist Weber vor allem über bürokratische Hürden. Und darüber, dass sie siebzig Prozent ihres Lohns abgeben muss. Bei der Erwerbsminderungsrente gibt es, anders als bei Hartz IV, keinen Freibetrag. Weber hat wenig in die Rentenkasse eingezahlt, war zunächst im Ausland, kurz vor ihrer Diagnose wollte sie eine Ausbildung zur Gärtnerin beginnen. Die Rente wird deshalb mit der Grundsicherung aufgestockt, insgesamt erhält sie 850 Euro monatlich.

Die 48-Jährige geht beim Treffen auf der Friedrichstraße offenherzig auf uns zu, plaudert mit der Fotografin. Die Interviewfragen sind überflüssig, das Gespräch ergibt sich wie von selbst. Wegen einer Blutabnahme kommt Weber etwas später. Seit über zwanzig Jahren leidet sie unter der rheumatischen Autoimmunerkrankung Lupus.

Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen twittern seit dem 12. Mai Menschen über ihre Lebensrealität. Sie erzählen, wie es ist, arbeitsunfähig zu sein, weil die Eltern sie geschlagen oder missbraucht haben. Wie viel Kraft es kostet, mit Multipler Sklerose zur Tafel zu gehen. Die Betroffenen rechnen im Detail vor, dass ihnen nicht genug Geld zum Essen bleibt, weil sie Medikamente oder einen neuen Personalausweis bezahlen mussten.

Inzwischen beginnen die User sich zu vernetzen und starten politische Aktionen: Mit einem offenen Brief, einem Flashmob in verschiedenen deutschen Städten und einer Online-Petition wenden sie sich an Politik und Öffentlichkeit.

Sind arme Menschen faul?

Beim Hashtag #IchBinArmutsbetroffen geht es um einen Tabubruch, darum, die Scham abzulegen. Trotzdem hadert Weber lange damit, ihren echten Namen veröffentlicht zu sehen. Auf einem der Parklets in der Friedrichstraße sitzend sagt sie, sie überlege noch.

Mehrere Tage dachte sie darüber nach und entscheidet sich eine Nacht nach dem Interview schließlich dagegen, ihren echten Namen zu nennen. Der neue Arbeitgeber, die gut verdienenden Freunde, mögliche Hasskommentare – Maria Weber hat Angst vor den Reaktionen.

Und das mit gutem Grund. Etwa die Hälfte der Bevölkerung glaubt, dass arme Menschen sich auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen. Darstellungen von Langzeitarbeitslosen in Fernsehen und Medienberichten festigen Vorurteile und Stigmatisierung oft. Die Bild schuf mit „Florida-Rolf“ eine Projektionsfigur für den  Hass auf Arme, und auf RTL 2 läuft seit 17 Staffeln eine Serie über Familien, die von der Grundsicherung leben, die allen Ernstes „Hartz und herzlich“ heißt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018/19 haben immer mehr Menschen ein abwertendes Bild von Langzeitarbeitslosen in der Bevölkerung: faul, egoistisch, selbst schuld.

Auch arme Menschen verinnerlichen diese Haltung und zweifeln an sich: „Kann ich wirklich nicht arbeiten?“, hat sich Weber nach der Diagnose ihrer Autoimmunerkrankung gefragt. Sie war jung, in ihren Zwanzigern, und hatte eine Ausbildung zur Eventmanagerin begonnen. Das war eine Maßnahme nach dem Sozialgesetzbuch zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Heute sagt sie, das sei damals „zu viel Arbeit“ gewesen, ihre Krankheit habe sich deshalb verschlimmert. Im zweiten Jahr musste sie abbrechen.

Heute hat Weber zwei verschiedene Jobs als Stadtführerin, doch sie verdient weniger als sie aus der Rentenkasse bekommt. Dass sie arbeitet, erhöht den bürokratischen Aufwand, von ihrem Lohn bleiben ihr dreißig Prozent. Ihre Wohnung in Tempelhof hat sie mithilfe einer Genossenschaft bekommen, als sie für die Chemotherapie in der Charité nach Berlin zog. „Schon ein komisches Gefühl, dass ich nie wieder umziehen kann“, sagt sie. Weber glaubt, dass sie wegen der Mietpreisentwicklung als chronisch Kranke keine Wohnung mehr bekommen würde.

Wohlgefühl in Ostberlin

In einer dicken gelben Mappe bewahrt Weber all die Briefe auf, die sie als Antwort auf die Anträge für die Erwerbsminderungsrente erhalten hat: Bescheide, falsche Bescheide, Untätigkeitsklagen, dazwischen „immerhin“ Entschuldigungsbriefe, weil Unterlagen verschwinden. Immer wieder musste die Stadtführerin Widerspruch einlegen. Sie deutet auf die Unterlagen und sagt: „Das macht krank!“

Diese Folgekosten würden nicht mitgerechnet, sagt Weber. So rutschen Langzeitarbeitslose häufig in einen Teufelskreis, in dem Existenzangst zu Dauerstress führt und die Leistungsfähigkeit senkt. Hinzu kommt: Menschen aus wohlhabenden Familien dürfen scheitern. Studium abgebrochen? Am Aktienmarkt oder im Casino verzockt? Nicht in die Rentenkasse eingezahlt? Das Familiennetz fängt reiche Erben meist auf, Arbeiterkinder nicht.

Webers Eltern sind Landwirte, sie ist in Bayern aufgewachsen. Doch unter Ostdeutschen in Oberschöneweide, da fühle sie sich am wohlsten. „Sie teilen dieselbe Erfahrung und werden nie erben“, sagt sie. „Ich fühle mich ihnen näher als dem westdeutschen Bildungsbürgertum.“

Wenn Maria Weber einen Obdachlosen sieht, denkt sie an die Hintergründe, die sie nicht kennt. Es gehe ihr in erster Linie darum, politisch etwas zu verändern. Dafür geht sie an die Öffentlichkeit: in sozialen Medien, vor dem Willy-Brandt-Haus und in der Zeitung. Das passt nicht ganz zusammen: In der Öffentlichkeit für seine Positionen eintreten, aber dann nicht den Namen nennen? „Fürs Erste wäre das zu viel“, schreibt sie nach dem Interview per SMS. „Aber vielleicht wachse ich noch rein.“