Über mehrere Jahre hinweg ist Berlins U-Bahn-Flotte so gut wie nicht gewachsen. Doch jetzt ist endlich ein Zuwachs in Sicht, den die Fahrgäste spüren werden. Nicht mehr lange, dann nehmen elf Züge mit je vier Wagen nach und nach den Betrieb auf. Dank eines ungewöhnlichen Konzepts können sie auf Strecken fahren, für die sie ursprünglich gar nicht konstruiert worden sind. Über erste Details hat die Berliner Zeitung bereits berichtet. Am Dienstag wurden nun die ersten umgerüsteten Wagen vorgestellt – und weitere Einzelheiten bekannt. So steht der Zeitplan fest: Im Herbst soll der Einsatz beginnen.

Die Zahl der Berliner wächst, aber der Wagenpark der U-Bahn ist kaum mitgewachsen – weil der Senat zu lange Sparen verordnet hatte. Mehr als ein Jahrzehnt ist es her, dass die U-Bahn neue Serienfahrzeuge erhielt, obwohl die Zahl der Fahrgäste immer weiter zunimmt. „Heute beträgt das Durchschnittsalter der U-Bahn-Fahrzeuge in Berlin zirka 30 Jahre“, so BVG-Vorstandschefin Sigrid Nikutta am Dienstag.

Schräge Bleche gegen Bierflaschen

Um den Mangel zu lindern, beschloss das Landesunternehmen sogar, Oldtimer von 1956, 1958 und 1969 zu reaktivieren. Ein Wagen aus dem Jahr 1986 soll im Juli folgen, als Attraktion auf der U 5 für die Besucher der Internationalen Gartenausstellung (IGA) in Marzahn.

Zwar hat die BVG inzwischen beim Berliner Hersteller Stadler Pankow neue U-Bahnen bestellt. Doch sie sind für die schmalen Tunnel der Linien U 1 bis U 4 geplant – auf den anderen Linien, die breitere Tunnel haben, ist aber ebenfalls immer mehr los. Kämen die U-Bahnen auf diesen Strecken zum Einsatz, würden zwischen den Wagen und den Bahnsteigkanten gefährliche Lücken klaffen. Was also tun?

Not macht erfinderisch. In diesem Fall heißt die Lösung: Blumenbretter. „Das war meine Idee“, sagte Hans-Christian Kaiser, bis vor kurzem U-Bahn-Chef. Blumenbretter – so nennen Insider die seitlichen Anbauten, mit denen die neuen U-Bahnen in den Türschwellenbereichen versehen werden. Frei nach dem Motto: Brücken statt Lücken.

Am Dienstag wurden erstmals die Spaltüberbrückungen gezeigt, die jeder neue Wagen links und rechts angebaut bekommt – 17,5 Zentimeter breite Bleche aus Aluminium. Dank der seitlichen Schwellen sind die Bahnen nun 2,65 Meter breit – genauso breit wie die regulären U-Bahnen für die Großprofilstrecken. Lücke geschlossen.

Wie sich jetzt zeigte, ist es bei diesen waagerechten Blechen nicht geblieben. In Berlin müssen Planer alle Eventualitäten berücksichtigen – auch den Fall, dass jemand etwas auf die Bleche legt, was dann später ins Gleis fällt und sich verhakt. „Damit da keiner eine Bierflasche draufstellen kann, wurden außerdem Verdrängungskörper angebracht“, so Nicole Grummini, die Nachfolgerin des „U-Bahn-Kaisers“. Dabei handelt es sich um schräge Bleche an den Türen. Gefahr gebannt.

Nur auf der U 5, woanders nicht

Der erste umgerüstete Zug, Nummer 1027, soll nach Test- und Abnahmefahrten ab Oktober Fahrgäste befördern. Weitere zehn Vier-Wagen-Einheiten folgen. „Ende des Jahres sollten alle da sein“, hieß es.

Die U 5 zwischen Alexanderplatz und Hönow wird das Einsatzgebiet der Blumenbretter-Züge sein. Es ist übrigens nicht das erste Mal, sagte Kaiser. „1945 bis 1967, als die Strecke noch in Friedrichsfelde endete, waren dort schon mal solche Züge unterwegs.“ Die Baureihe AIK schloss damals eine Lücke: 120 Berliner Großprofilwagen waren nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationsgut nach Moskau gebracht worden.

Allerdings sind nicht nur auf der U 5 die Züge voll, auch auf anderen Strecken. Doch klar wurde am Dienstag auch: „Wir können die umgerüsteten Bahnen nur auf der U 5 einsetzen, weil dort noch alle Bahnsteige mit 120 Metern für Acht-Wagen-Einheiten lang genug sind“, so Kaiser. Auf den Linien U 6 bis U 9 gebe es Bahnsteige, die kürzer sind. Manche waren früher ebenfalls 120 Meter lang, wurden aber verkürzt– oder sie hatten von Anfang an eine geringere Länge. Durch den Zuwachs auf der U 5 werden aber Wagen für andere Strecken frei – unterm Strich profitieren die Kunden.

27 weitere Serienfahrzeuge sollen folgen

Inzwischen hat die BVG ein großes Beschaffungsverfahren in Gang gesetzt. Außer 117 Straßenbahnen will sie 1050 U-Bahn-Wagen ordern – davon 704 für die Großprofillinien U 5 bis U 9. 2021 sollen die ersten Züge kommen. Die Blumenbretter werden dann entfernt.

Zwar wäre es besser gewesen, wenn die BVG kontinuierlich Züge gekauft hätte, so Florian Schulz vom Fahrgastverband IGEB. „Doch wir sind froh, dass in Berlin so viel Kreativität möglich ist.“ Wirtschafts-Staatssekretär Henner Bunde (CDU) lobte Stadler: „Ein Berliner Unternehmen zeigt, wie man Herausforderungen kurzfristig mit Innovationen begegnen kann.“ Der Senat fördert den Zugkauf mit 58 Millionen Euro. Danach folgen 27 weitere Serienfahrzeuge der Baureihe IK, ebenfalls mit jeweils vier Wagen.

Hans-Christian Kaiser hatte übrigens ursprünglich eine andere Lösung für das Fahrzeugproblem im Blick. In Geheimverhandlungen sprach er mit der Hamburger Hochbahn darüber, ob sie einige Exemplare der Baureihe DT5 entbehren könnte. Auch ihr Einsatz wäre ein Fest für die vielen Berliner Bahnfans und Hobbyfotografen geworden.