Wie wichtig Sprache ist für unser aller Zusammenleben, erfuhr ich beim Besuch des im Sommer eröffneten Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Kreuzberg.

Dort stoppte ich überrascht vor einem Glaskasten, in dem eine Broschüre zur Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitssprachen von 1992 ausgelegt ist. Gundula Bavendamm, Direktorin des Dokumentationszentrums, erklärt: „Dieses sorgfältig ausgewählte Ausstellungsstück führt ins Zentrum unseres Themas. Wir beschäftigen uns mit den Ursachen von Flucht und Vertreibung, aber auch mit zivilisatorischen Gegenkonzepten.“

Wie kommt es dazu, dass es eine so große Zahl von Vertriebenen und Flüchtlingen gab und immer noch gibt? „Besonders kulturelle Minderheiten sind verstärkt gefährdet, diskriminiert und verfolgt zu werden.“ Kennzeichen von Minderheiten sind ihre eigenen Sprachen, dazu zählt die Charta in Deutschland Ober- und Untersorbisch (Brandenburg/Sachsen), Romanes (Sprache der Sinti und Roma), Saterfrisisch (Niedersachsen) und Nordfriesisch (Schleswig-Holstein).

Macht weiter mit dem Berlinern, lasst nicht ab

Nun ist das Berlinische eine Mundart, keine eigene Sprache, und trotzdem schützenswert. Denn sie wird nach meiner Erfahrung häufig nur noch von Menschen mit ostdeutscher Herkunft verwendet. In West-Deutschland und West-Berlin sprachen wir nur selten und wenn, dann zum reinen Amüsement, so.  Bavendamm meint: „Die Farben von Sprachen und besonders die von Minderheiten gelten zu lassen und zu schützen, indem man dafür sorgt, dass man sie im Unterricht erlernen und anwenden kann, ist ein hoher Wert. Es dient dem Erhalt der Vielfalt, was stark machen kann gegenüber vielen Einflussmöglichkeiten.“

Es dauerte lange, bis Sprache, dieser wichtige Teil der Identität einer kulturellen Gruppe, wirklich ernst genommen wurde. „Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich ein Bewusstsein für die Bedeutung von Minderheiten und ihrer Sprachen, das durch den Ersten Weltkrieg weiter wuchs. Aber die Tragweite einer völkerrechtlichen Vereinbarung zum Schutz von Sprachen kultureller Minoritäten, wie ihn die Charta festschrieb, ist gerade erst 30 Jahre alt.“