Wie gestalten wir die Welt von morgen? Diese Frage beschäftigt die 60 jungen Menschen, die zu einem Abendessen der besonderen Art in den Wedding gekommen sind. Die Kommunikationsberatung Wigwam hat zum Ideendinner geladen. Das Menü – gelbe Beete, rote Quinoa, bunte Saftbar – ist eher nebensächlich. Viel wichtiger sind die brennenden Fragen unserer Zeit.

Es gibt sechs Tische, an jedem wird ein anderes Thema besprochen. Klingelt das Glöckchen, wird der Tisch gewechselt. Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei dreißig Jahren. Hier, in einem Ladengeschäft in der Prinzenallee 76, engagiert sich fast jeder beruflich für den gesellschaftlichen Wandel – ob mit politischen Guerilla-Aktionen gegen Shell und Google, durch die Vermittlung von WG-Zimmern an Flüchtlinge, oder, ganz solide, in der Wurstproduktion.

Initiativen aus der Bevölkerung sind ausdrücklich erwünscht. Das am vergangenen Donnerstag eröffnete „Wettbureau“ soll ein „Raum für Begegnung und Veränderung“ sein. Diskussionsreihen, Kulturveranstaltungen und Workshops sollen hier stattfinden. „Endlich haben wir einen Raum im Kiez, wo wir uns mit den Menschen im Wedding austauschen können. Jeder, der etwas bewegen will, ist willkommen“, sagt Matthias Rieger, einer der drei Geschäftsführer von Wigwam.

Debatten statt Lagerkämpfe

Das Ideendinner ist in vollem Gang. Die Teilnehmer argumentieren und gestikulieren, an manchen Tischen stehend, an anderen sitzend. Rauhes Papier dient als Tischdecke, die Themen stehen mit Filzstift und Neon-Klebeband darauf. Zwei Kerzen und eine Hand voll Besteck in einem Einweckglas sind das Einzige, was hier an ein Dinner im traditionellen Sinne erinnert.

Das Thema an Tisch fünf ist brandaktuell. Es geht um die Proteste des Berliner Vereins „Campact“ gegen das transatlantische Freihandels-Abkommen TTIP zwischen der EU und den USA. Maike Gosch, Volljuristin und Strategieberaterin für Nichtregierungsorganisationen (NGOs), ist aufgebracht: „Es kann nicht sein, dass die Großkonzerne den Bevölkerungen diktieren, was gut für sie sein soll! Die Befürworter glauben ja, dass TTIP Wohlstand und Fortschritt bringen wird.

Aber es ist ein Trugschluss, zu denken, das System könne langfristig bestehen, wenn es auf der Ausbeutung von Mensch und Natur basiert. Und das tut es – schon seit der Kolonialzeit.“ Gleichzeitig wünscht sich Maike Gosch, die öffentliche Debatte über TTIP würde nicht als Lagerkampf ausgetragen: „Was wir brauchen, ist eine fachliche und sachliche Debatte auf hohem Niveau, mit dem Ziel eines gesamten, volkswirtschaftlichen Nutzens.“

Das Glöckchen klingelt. Am Nebentisch sitzt Hendrik Haase, Blogger, Aktivist und Künstler – besser bekannt als „Wurstsack“. Für ihn ist die Wurst eine Systemfrage: „Wenn du dich tiefer mit dem Thema Essen beschäftigst, merkst du, was heute alles kaputt geht: Metzgersterben, Bäckersterben, all die Landwirte, die aufgeben... Klar kann man das ,Strukturwandel’ nennen. Für mich ist es ein Verlust von Identität und kulinarischem Weltkulturerbe“, sagt der 30-jährige gelernte Kommunikationsdesigner.

Haase bietet regelmäßig in der Markthalle Neun (in der Kreuzberger Eisenbahnstraße) Wurst und Bier an, nächstes Mal am 8. Februar. Der Kniff: An seinem Stand können Besucher ihre Wurst selbst herstellen. Er kritzelt auf Papier, wie es geht: „Man nehme Brät, frische Kräuter, einen Darm, einen Filter – fertig ist die Wurst. Das finden die Leute spannend. Der Wunsch ist da, die Dinge zu verstehen. Wir brechen diese hochkomplexe Welt auf eine Wurst herunter. Und dann kommt sie auf den Grill, und schmeckt auch noch geil“, sagt er.

Mal kocht er mit Muslimen aus einer Weddinger Moschee, mal bringt er Kindern bei, wie man Wurst herstellt. „Ich will machen, anstatt zu reden. Das neue Wettbureau sehe ich als Labor für Experimente. Gelebte Forschung im spannendsten Bezirk von Berlin.“

Das Private ist politisch

Dass es in den Diskussionen nicht um die eigene Profilierung geht – wird schnell klar und macht das Treffen sympathisch.Wieder klingelt das Glöckchen. An Tisch sechs ist man sich einig: Das Private ist politisch. „Unserer Generation wird ständig vorgeworfen, wir würden uns ins Private zurückziehen. Das regt mich total auf“, sagt Maike Janssen, ebenfalls Geschäftsführerin von Wigwam. „Dabei sieht man doch hier, wie viele junge Menschen versuchen, Alternativen aufzubauen. Und das hier ist erst der Anfang.“

An diesem Ort in Wedding ist von einer „Generation Merkel“ (Spiegel), die die Welt als alternativlos betrachtet und sich lieber ins Private zurückzieht, jedenfalls keine Spur. Vielmehr stellen sich hier spannende Fragen: Entsteht in Berlin, im Epizentrum Europas, womöglich eine neue Bewegung junger Bürger, die ihre Systemkritik nicht beleidigt in hasserfüllten Schweigemärschen vor sich herschiebt, sondern lieber die Dinge neu denken will? Die gesellschaftlich verträglicher, gerechter, sinnvoller handeln möchte?

Zweifellos zeigt das „Weddinger Wettbureau“, dass sich Werte verschieben. Dass Menschen etwas unternehmen, um ihren Kindern diese Ego-Konsum-Ausbeutungs-Gesellschaft nicht mehr zumuten zu müssen. Dass eine Bewegung nicht nur Anklagen, sondern auch Alternativen, nicht nur Fragen, sondern auch Antworten einbringen kann.