Berlin - Wenn in wenigen Tagen die Internationale Gartenausstellung in Berlin eröffnet, geht es um mehr als Blümchengucken. Das rund 100 Hektar große IGA-Gelände steht für den Versuch, dem wachsenden Häusermeer in der Mitte der Hauptstadt für die Zukunft eine kräftige grüne Lunge am östlichen Stadtrand entgegen zu setzen. Damit will Berlin Modell für Städte sein, die sich durch Zuzug verdichten müssen. Nach dem Blumenzauber soll viel von der IGA bleiben - auch eine Seilbahn als Infrastruktur-Test für Großsiedlungen.

Doch zuerst kommt die große Schau unter dem Motto „Ein Mehr aus Farben“. Bei der IGA im Außenbezirk Marzahn-Hellerdorf erwarten die Planer vom 13. April bis Mitte Oktober rund zwei Millionen Besucher. Das Gartenparadies liegt eine halbe U-Bahn-Stunde vom Alexanderplatz entfernt. Nahe der aufgehübschten Station Kienberg startet die nagelneue Seilbahn. Damit können Gäste in Gondeln über das Gartenschau-Gelände schweben, manche Kabinen haben Glasböden. Von oben ist unter anderem die futuristische Aussichtsplattform „Wolkenhain“ zu sehen, bevor Besucher an den Gärten der Welt ankommen.

Diese Gärten sind seit den 1990er Jahren entstanden und nun Herz und Anker der gesamten Anlage. Sie entführen mit Pflanzen und Architektur nach China, Japan, Bali oder in den Orient, neu hinzugekommen sind ein englischer Garten und eine größere Tropenhalle. So dicht nebeneinander im Park sind sie einmalig in Deutschland. All das wird bleiben, wenn die IGA vorbei ist.

Till Rehwaldt, Präsident des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, reicht jetzt schon ein Blick in den Berliner Mauerpark. Dann ahnt er, wie sehr die wachsende Hauptstadt mit 3,6 Millionen Einwohnern neue Grünflächen und Freiräume braucht. Von Riesenschaukeln bis zum Flohmarkt ist im Mauerpark vieles zu finden. Nur Rasenflächen und Grün sehen im beliebten Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg oft so kläglich aus wie die abgeliebten Stofftiere der vielen Kiez-Kinder.

Die Innenstadt ist begrenzt

In Berlin herrscht nach Jahren des Leerstands Wohnungsmangel, Baulücken schwinden und Gartenkolonien schrumpfen. „Die Berliner Innenstadt ist begrenzt“, sagt Rehwaldt. Das Ausweichen mit Parkanlagen an die Peripherie bringe Entlastung.

Die Großsiedlungen Marzahn und Hellerdorf, Ende der 1970er Jahre als ostdeutsche Platte pur erbaut, muten als Standort für eine Gartenschau auf den ersten Blick gewagt an. Wer hier selbst als Berliner nicht hin muss, kennt den Bezirk mit 260.000 Einwohnern meist nur vom Hörensagen und Klischees: von rassistischen Attacken über den Verein „Arche“ gegen Kinderarmut bis hin zur Prollcomedy-Figur Cindy aus Marzahn. Im jüngsten Berliner Sozialstrukturatlas liegt Marzahn-Hellerdorf auf dem neunten Rang aller zwölf Bezirke - unter Durchschnitt.

Schluss mit dem Negativ-Image

Doch viele Bewohner leben trotzdem gern hier, manche haben ihre Platte gekauft. „Ich hoffe, dass die Ausstellung hilft, das Negativ-Image des Bezirkes abzustreifen“, sagt IGA-Geschäftsführer Christoph Schmidt.
Für Gartenschauen mit internationaler Ausrichtung ist ein Anwachsen in Stadtteilen mit sozialen Problemzonen nicht völlig neu - das war schon 2013 in Hamburg so. Auf einer Elbinsel im Stadtteil Wilhelmsburg wurden 70 Millionen Euro in einen neuen Park investiert. Allerdings endete die Schau mit einem Defizit von rund 37 Millionen Euro.

„Die städtebauliche Langzeitwirkung lässt sich nicht immer in Metern oder Geld messen“, sagt Landschaftsarchitekt Rehwaldt. „Die Erfahrung ist, dass sich die Investition in dauerhafte Anlagen mit Qualität auszahlen.“ Darum gehe es letztendlich – und nicht um den kurzen Zauber.

Erhoffte Einnahmen: 30 Millionen Euro

In Berlin schießt das Land nach Angaben der Planer fast zehn Millionen Euro zur IGA hinzu, Investitionen aus verschiedensten Töpfen belaufen sich um die 100 Millionen Euro. Die Hauptstadt rechnet mit Einnahmen in Höhe von 30 Millionen Euro - aus Ticketverkauf, Sponsoring, Marketing und Verpachtungen. Anders als bei der jüngsten Bundesgartenschau 2015 im nahen Havelland, die auf einem Schuldenberg von zwölf Millionen Euro sitzen blieb, gibt Rehwaldt dem Berliner Finanzkonzept Chancen.

„Die Lage spielt eine große Rolle. In dicht besiedelten und prosperierenden Regionen wie Koblenz war die Bundesgartenschau ein großer Erfolg“, zählt er auf. Auch Dortmund habe von seiner Lage mitten im Ballungsraum Ruhgebiet profitiert. „In Marzahn ist es ideal, dass es mit den Gärten der Welt ein vorhandenes Parkgelände gibt, das Besucher nicht enttäuscht“. Dazu kämen neue Anlagen und städtebauliche Benefits wie Brücken und Radwege. „Das ist eine gute Kombination aus Alt und Neu.“

Von Anfang an gewollt war diese Konzept allerdings nicht. Die IGA am Stadtrand ist eine Notlösung. Beworben hatte sich Berlin mit dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Feld. Eine starke Bürgerinitiative, die das Feld mit Klauen und Zähnen verteidigt, ließen die Blütenträume zum Risiko werden. 2012 schwenkte der Senat überraschend Richtung Osten um.

Für Marzahn-Hellersdorf schließt sich damit ein Kreis. Schon bei der Planung der Großsiedlungen in der DDR sollte mittendrin eine gepflegte große Grünanlage entstehen. „Nun wird vollendet, was man sich vor 30 Jahren gedacht hat, dazu mit neuen Verbindungen zwischen den beiden Großsiedlungen und besserer Anbindung an den Nahverkehr“, ergänzt Landschaftplaner Rehwaldt. Seilbahn inklusive - als Versuch mindestens bis 2020. (Ulrike von Leszcynski, dpa)