Ihr Blick geht sofort nach oben. Renate Schimetzek schaut den langsam aufwärts schwebenden Kabinen der Seilbahn auf der Internationalen Gartenausstellung (IGA) nach. Gleich neben dem Eingang Kienbergpark in der Hellersdorfer Straße fahren sie los, zum Aussichtspunkt auf dem Kienberg und dann weiter in den zentralen Ausstellungsbereich der Gartenschau. „Das sind ja richtige Kabinen und nicht nur kleine Gondeln mit einem Dach drüber“, sagt sie. „Ganz anders als damals!“

Mit Seilbahnen in ihrer Heimatstadt kennt die 84-Jährige sich aus. Denn bereits 1957 wurde eine Seilbahn in Berlin eröffnet – auf dem Gelände der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Tiergarten. Und schon damals kam Renate Schimetzek auf das Ausstellungsgelände, um es in einer der Gondeln aus der Vogelperspektive anzuschauen.

Auf der IBA vor genau 60 Jahren wurden die Bauten verschiedener Architekten vorgestellt, die an einer Neugestaltung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hansaviertels mitgearbeitet hatten. 35 Arbeiten waren es insgesamt. Die Seilbahn hatte ein Ingenieur aus dem Allgäu entworfen, sie war das erste Werk, das im Mai 1957 eingeweiht wurde.

Die Gondelstrecke führte durch das heutige Hansaviertel, vorbei am Oscar-Niemeyer-Haus. Damals befand sich das achtstöckige Gebäude an der Altonaer Straße noch im Rohbau. Eine der ersten, die später hier einzogen, war Renate Schimetzek. Bis heute lebt sie in einer der 78 Wohnungen, die anlässlich der IBA entworfen worden waren.

Es war leicht, die unternehmenslustige Rentnerin für einen Ausflug mit der neuen Seilbahn in Marzahn zu begeistern. Am Vormittag ist es hier noch nicht so voll, und sie kann gleich die erste Kabine nehmen. Eine fünfköpfige Familie steigt mit ein, bis zu zehn Personen können zusammen fahren. Behaglich lehnt sich Schimetzek auf der Sitzbank zurück.

„Damals konnte man nur zu zweit fahren, dafür aber mit den Beinen baumeln. Und man hatte einen Sicherheitsgurt, damit man nicht rausfällt“, erzählt sie. Das ist heute nicht mehr nötig: Die von dem Südtiroler Bergbahn-Hersteller Leitner gebauten Kabinen sind umschlossen von verdunkelten Scheiben. In ungefähr 25 Metern Höhe schweben die Passagiere darin aufwärts zum 102 Meter hohen Gipfel des Kienbergs, wo man aussteigen kann.

Renate Schimetzek war lange nicht mehr in den Gärten der Welt und ist beeindruckt von der Gestaltung des Geländes. Damals führte die Seilbahn vom Bunkerberg Bahnhof Zoo bis zum S-Bahnhof Bellevue, erinnert sie sich. „Das war auch toll, so über die Spree hinwegzuschweben, über den Kanal, über die Altonaer Straße und am Schwedenhaus vorbei über den normalen Straßenverkehr.“ Ihren Gondelnachbarn gefällt die Fahrt auch: „Eine Seilbahn in der Stadt, richtig schön absurd, das passt gut zu Berlin“, meinen sie.

Mehr Komfort und mehr Platz

Heute, 60 Jahre nach der IBA, ist Berlin eine verkehrstechnisch gut ausgebaute Stadt, in der sich ein touristisches Highlight an das andere reiht. Es ist eine Stadt, in der eine Seilbahn das i-Tüpfelchen einer Gartenausstellung sein, aber kaum für großes Aufsehen sorgen kann. 1957 war das anders: Der Reichstag war eine Ruine, im Tiergarten standen nur noch wenige alte Bäume, und Kinder spielten noch in den Trümmern, erzählt Schimetzek. „Es fuhren noch nicht mal alle Bahnen wieder, da war die Seilbahn einfach eine Sensation.“

Der Komfort der neuen Seilbahn gefällt ihr gut, die Sitzbänke lassen sich einfach hochklappen, um Platz für Kinderwagen und Rollstühle zu schaffen. „Damals einen Rollator mitzunehmen in die Gondel wäre ja undenkbar gewesen“, sagt sie und kichert ein bisschen. Die Fahrt endet nach eineinhalb Kilometern und knapp sieben Minuten an der zweiten Station „Gärten der Welt“.

Preis ist im Eintritt enhalten

Bis zu 3000 Ausstellungsbesucher können pro Stunde und Richtung mit der Seilbahn fahren – so oft sie wollen, der Preis ist im Eintritt enthalten. „Das finde ich toll, dass man hin- und herfahren kann“, sagt Renate Schimetzek. „Man kann sich Wege sparen, wenn man schlecht zu Fuß ist, und es macht ja auch einfach Spaß.“

Im Herbst 1958 wurde die Seilbahn nach dem Ende der Bauausstellung wieder abgebaut. Die Betriebszeit der IGA-Seilbahn ist auf drei Jahre nach dem Ende der Gartenschau begrenzt, doch im Vertrag gibt es eine Option auf Verlängerung. Der Betreiber hat eine Konzession bis 2033. Renate Schimetzek würde sich freuen, wenn die Seilbahn Berlin diesmal erhalten bleibt.