Berlin - Vor allem Jüngere, die an die Universität gehen, haben oft Heimweh. Und vermissen die Nähe der Familie, während sie sich doch gleichzeitig von deren Umarmung lösen wollen. Auch deswegen, nicht nur aus ökonomischen Gründen, erfreuten sich Studentenhäuser und –dörfer immer schon großer Beliebtheit. Wie jenes in Schlachtensee, das der Senat lange abreißen wollte und jetzt, nachdem es durch eine Bürgerinitiative gerettet wurde, als Meisterstück des Denkmalschutzes preist.

Nun ja. Gehen wir nach Adlershof. Dort entstand nach den Plänen des Berliner Büros „Die Zusammenarbeiter“ ein neues Studentendorf. Seine zehn Häuser sind nicht luftig-frei im Wald verteilt wie jenes in Schlachtensee, sondern streng um zwei Innenhöfe herum angelegt. Für acht der Häuser sind Wohngemeinschaften geplant, zwei konventionell mit vielen kleinen Zimmern für Selbstversorger versehen, die eine winzige Küchenzeile eingebaut haben.

Klösterlicher Standard

Nach außen zeigen sich die Häuser von fast plattenbauartiger Kargheit, aber die dreieckig vorstoßenden, mit Holzplanken verkleideten Erker, hinter denen sich die fest eingebauten Schreibtische befinden, lockern das Antlitz auf. Zudem sind immer zwei Häuser zusammengebunden durch balkonartige Luftgänge, was reizvolle Durchblicke und viele Begegnungen möglich macht. Auch innen herrscht Schlichtheit.

In den Wohngemeinschaften dominiert die zentrale Wohn- und Kochhalle. Wirklich eine Halle, mit eingestellten, kräftig farbig gestrichenen Rundpfeilern, bis zum Fußboden reichenden Fenstern und einer Möblierung, wie sie, in anderem Stil, schon in den Studentenhäusern des Mittelalters zu finden war: Großer Tisch mit Stühlen drum herum. Auch in den Zimmern herrscht klösterliche Standardisierung, vielleicht sind sie etwas zu weißlastig für manche Bewohner gestrichen.

Lernen, nicht herumlungern

Es gibt fest eingebaute Bücherregale, weiße Kugellampen, harten Boden und Kastenbett. Man soll lernen, nicht herumlungern, ist die Botschaft. Allerdings, arbeitsphysiologisch ist noch einiges zu lernen, die Tische sind zu schmal für Bildschirme und Drucker. Und einen Hauch breiter dürften die Betten schon sein. Vor allem aber: Der zentrale Wohn- und Küchenbereich macht die Etagen auch hellhörig. Hier wird nicht nur gelernt, sondern auch soziale Disziplin gefordert. Man kann nur entweder zusammen oder gar nicht feiern.

Ganz anders in der 1961 nach Plänen Peter Poelzigs und Klaus Ernsts geplanten Studentenwohnanlage Siegmunds Hof. 15 Bauten, die einst als Symbol einer aufgeklärten, demokratischen Studentenschaft galten, inzwischen unter Denkmalschutz stehen.

Tomaten aus dem Garten

Hier wurde nach den Plänen von Baupiloten Architekten und in enger Zusammenarbeit mit den aktuellen Bewohnern und dem Studentenwerk ein erstes Haus saniert, davor ein Garten angelegt, ein mit bunten Sitzflächen ausgestatteter Stadtplatz und ein „Freiluftwohnzimmer“. Ökologisches Selbstbewusstsein muss früh trainiert werden. Und warum sollen Studierende nicht auch Tomaten und Kräuter ziehen können?

Die sehr kleinen Zimmer der Nachkriegszeit im Erdgeschoss blieben erhalten – auch historisches Bewusstsein muss gelernt werden! In den darüber liegenden Etagen aber wurden sie zusammengelegt, teils sogar wie kleine Atelierwohnungen über zwei Geschosse mit eigenen Bädern. Hinter der glatten Fassade entstanden so regelrechte Raumwunder.

Trotzdem gibt es auch weiter gemeinsame Räume, wobei jetzt die einst ganz funktional abgetrennten Küchen und die Wohnbereiche genauso wie in Adlershof zusammengelegt wurden. Eine Überlagerung von Geschichte, Modernität und Ökologie, die auch manchem normalen Wohnhaus der Nachkriegsmoderne als Vorbild dienen kann.