Die Deutschen seien Kinomuffel, meldeten Medien vor einigen Tagen. Eine Umfrage hat ergeben, dass bundesweit immer weniger Menschen ins Kino gingen, nur noch anderthalb Mal pro Jahr, rein statistisch gesehen. Das sei der niedrigste Stand seit 1992, war zu lesen. In Berlin ist von diesem Abwärtstrend nichts zu erkennen, etwa 2,6 Mal gehen die Berliner im Durchschnitt pro Jahr ins Kino. Die Zahl der Besucher und der Kinos hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert, die Umsätze der Kinobetreiber steigen.

Saal mit 52 Plätzen

In Neukölln hat kürzlich sogar ein neues Kino eröffnet, und unweit davon haben Filmfreunde soeben Geld für ein weiteres neues Kinoprojekt gespendet. „Il Kino“, Das Kino, steht auf dem kleinen Schild über dem unauffällig gestalteten Eingang zum Ladenlokal in der Nansenstraße 22, nahe dem Maybachufer an der Grenze zu Kreuzberg. Früher gab es dort eine Bäckerei. Der Verkaufsraum ist nun ein Café mit Bar im italienischen Stil: An den Wänden hängen Plakate italienischer Filme. In der früheren Backstube im Hinterhaus befindet sich der neue Kinosaal mit 52 Plätzen. Die Polstersitze stammen aus einer englischen Militärkaserne. Und wo einst der Backofen stand, hängt nun die Leinwand.

Im November 2014 hat das „Il Kino“ eröffnet, damals kamen nur wenige Zuschauer. „Jetzt werden es immer mehr“, sagt Daniel Wuschansky. Der Drehbuchautor für Fernsehserien betreibt gemeinsam mit der italienischen Dokumentarfilmerin Carla Molino und dem norwegischen Grafiker Kristian S. Palshaugen das Kino und das Café. Die Filmemacherin Carla Molino erzählt, sie habe früher selbst oft nach passenden Orten gesucht, an denen sie ihre Filme zeigen könne, die keinen Platz in großen Kinos und Multiplexen fanden. Im Februar 2011 eröffnete sie mit Freunden und Kollegen in Rom das Programmkino „Il Kino“. Drei Jahre später kam der Berliner Ableger in Neukölln hinzu.

Die Crew zeigt alle Filme in Originalton, mit deutschen oder englischen Untertiteln. Die Auswahl erfolgt nach Lust und Laune. „Wir müssen die Filme schön finden, sie sollen besonders sein“, sagt Carla Molino. Auf dem Kinoplan stehen spanische Kurzfilme, der polnische Film „Ida“ und deutsche Serien wie „Die zweite Heimat“. Die Betreiber sagen, ihr Kino passe gut ins heutige Nord-Neukölln, in jenen hippen Teil an der Grenze zu Kreuzberg, wo die Sprache, die man auf den Straßen und in den Kneipen hört, überwiegend englisch ist.

Zum Konzept gehört, die Besucher mit Filmen zu überraschen, „von denen man nicht denken würde, dass man sie mag“, sagt Carla Molino. „Wir zeigen aber auch Filme, die du sonst niemals in einem Kino sehen würdest.“ Etwa 200.000 Euro haben die Betreiber in den Umbau mit modernen Sound- und Digitalanlage investiert. Sie arbeiten noch in ihre Jobs und wechseln sich mit ihren Diensten und Schichten im Kino ab.

So wenig heute im „Il Kino“ an eine frühere Bäckerei erinnert, so deutlicher sind die Spuren der Vergangenheit einige Straßenzüge weiter zu erkennen: Rosa Wände! Der geräumige Eckladen an der Weserstraße, Ecke Wildenbruchstraße war früher ein Bordell, davor ein Einkaufsladen, auch für Tabak. Der Schriftzug „Zigarre II“ ist noch zu sehen, darüber kleben Plakate, auf den der Kopfe eines Wolfes zu sehen ist. Wolf Gang steht darauf.

Der Wolf steht für ein weiteres neues Kinoprojekt, das Berliner Filmemacher und Leute aus der Filmbranche in dem 360 Quadratmeter großen Laden einrichten wollen: Zwei modern ausgestattete Vorführsäle mit je 50 Sitzen sowie Räume für Ausstellungen, Workshops, Experimentalprojekte und Schnittplätze werden entstehen. „Der gängige Kinofilm bekommt dort ebenso seinen Platz wie der Film, der meist nur einmalige Festivalvorführungen bekommt und dessen Potenzial ungesehen verblassen würde“, sagt Verena von Stackelberg.

Die 37-Jährige Gründerin des Projekts und Geschäftsführerin hat Medienkunst, Fotografie und Film studiert, war Veranstaltungschefin, Arthouse-Filmverleiherin, Programmmacherin und Berlinale-Beraterin. Jetzt will sie mit weiteren Filmfreunden ein Kino nach ihren Vorstellungen eröffnen. Sie sagt, mit der neuen Digitaltechnik sei es endlich an der Zeit, die neuen Möglichkeiten des Kinos auszuprobieren. Rund 500.000 Euro, so der Finanzierungsplan, braucht das Kino-Projekt. Mehr als 800 Unterstützer haben bisher 55.000 Euro in einer Crowdfounding-Aktion gespendet. Das neue Kino soll eine Mischung sein aus Programmkino und Kinemathek. Verena von Stackelberg sagt, der Kollektivgedanke sei ebenso wichtig wie Mitbestimmung und Zugehörigkeit. „Kino muss ein Gemeinschaftsprojekt sein.“ Also nicht nur Filme ansehen, sondern auch diskutieren, produzieren und experimentieren. Und das Programm nach allen Wünschen zusammenstellen, auch denen der Nachbarn.

Umgestülpte Bierkästen

Etwa 20 Regisseure, Produzenten und Kinofreunde gehörten anfangs zu den Unterstützern, etwa die Brüder und Low-Budget-Filmemacher Lass, Produzentin und Regisseurin Caroline Kirberg, Regisseur und Buchhändler Stephan Geene sowie der Filmemacher Thomas Arslan und weitere Regisseure, Autoren und Produzenten. Sie bilden die Wolf Gang, manche, etwa Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen organisierten schon thematische Filmabende im neuen Quartier – die Zuschauer saßen auf umgestülpten Bierkästen, im Vorraum stand eine schnell zusammengezimmerten Bar. „Das Rudel wird größer“, sagt Verena von Stackelberg. Der Umbau des früheren Puffs soll nun schnell beginnen, alle Genehmigungen liegen vor, im Winter 2015 soll das Kino eröffnen.

Und Verena von Stackelberg weiß schon, welchen Film sie sich im neuen Kino als erstes anschauen möchte: „Das ewige Märchen“, ein russischer Zeichentrickfilm von Juri Norstein. Den habe sie wohl schon an die 30 Mal gesehen, sagt sie. Doch welches Kino würde den Film heute noch ins Programm nehmen? Sicher nur das Wolf.