Die Website Trip Advisor mag’s vollmundig: Sie sei das größte Reisebewertungsportal der Welt steht da. Hotels, Orte, Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt Restaurants werden dort von Touristen aus aller Welt mit Kommentaren bewertet. Allein für Berlin gibt es über 6000 Restaurantbewertungen. Restaurants, die auf den vorderen Plätzen stehen, hängen sich diese Auszeichnung gerne ins Schaufenster. Gastro-Kritiker kann generell jeder Besucher werden, auch Fotos des Restaurantbesuchs können eingestellt werden.

Berlins einschlägige Gourmet-Tempel wie das VAU, Tim Raue, Hugos, Fischers Fritz oder Altes Zollhaus, um nur einige zu nennen, sind nicht auf den vorderen Plätzen im Trip-Advisor-Ranking zu finden. Lediglich das Restaurant Heising, das französische Küche im großbürgerlichen Ambiente der Kaiserzeit serviert, ist unter den ersten zehn Plätzen, mit über 550 Fünf-Sterne-Bewertungen, vertreten. Ansonsten scheint bei Trip Advisor vor allen Dingen ein günstiges Preisleistungsverhältnis ausschlaggebend zu sein.

Kampfpreise statt Qualität

Das Kingston an der Simon-Dach-Straße liegt am Freitag auf Platz 5 041 der Restaurants in Berlin, und damit am untersten Ende der bewerteten Lokalitäten. Ist es wirklich so schlecht? Von den 31 Bewertungen stufen 23 das Restaurant als „ungenügend“, also Note 6, ein. Zwischen den unzähligen Restaurants der Simon-Dach-Straße fällt es erst einmal weder positiv noch negativ auf.

Die unterschiedlichen Stühle und Tische sehen zwar aus, als ob sie vom Sperrmüll kommen, doch kann dies auch Absicht sein, viele Restaurants in Berlin setzen auf diesen vermeintlich lockeren Stil? Die Toilette verfügt über volle Seifenspender, die Papierhandtücher sind reichlich. Der Service: Das Personal, drei Männer, lächeln die Gäste freundlich an, Bestellungen werden flink und sorgfältig durchgeführt. Wo ist die vielzitierte Schlechtheit? Warum „Nicht noch einmal!“, wie der User Jupiter87 warnt?

Es ist das Essen. Die Pasta ist fad und fettig. An mehreren Tischen sieht man Gäste lustlos in großen Nudeltellern herumstochern, einige Teller bleiben halbvoll stehen und werden dann von einem freundlichen Kellner abgeräumt. Ein Grund sind sicherlich die Kampfpreise: Pasta und Pizza werden ab 4,50 Euro angeboten. Bei solchen Endpreisen sind qualitativ hochwertige Zutaten schwer zu bekommen. Von „Katastrophe“, „noch nie so schlecht gegessen“, „Essen fade, ohne Geschmack“ bis „widerlicher Gestank im Gastraum“ reichen die Kommentare auf Trip Advisor; ein Besucher beschwert sich gar, dass er 14 Euro Wechselgeld nicht zurückbekommen habe.

Normalerweise haben Gaststätten auf diesem Niveau keine lange Überlebenschance, doch der Trubel an der Simon-Dach-Straße beschert viele Erstbesucher. Auf einen Aufbau von Stammkunden, wie ihn die meisten gutlaufenden Restaurants pflegen, ist man hier offenbar nicht angewiesen. Und die Küche will für jeden etwas bieten: das zerfledderte Menü-Heft listet eine seitenlange Speisenauswahl auf, die von der mexikanischen Küche über die italienische bis zur indischen reicht.

Die Rezepte von Mama

Tausende Plätze weiter oben, leicht zurückgefallen am Freitag auf den zweiten Platz (den ersten belegt das Papilles in der Flughafenstraße), befindet sich das Il Pastificio, ein Restaurant mit sardischer Küche, in der Nähe des Schlosses Charlottenburg. Die Kritiken lassen hohe Erwartungen aufkommen: „A magical place with superb Sardinian food“, „One of the best meals we have had all year“, „Eine Reise ins Schlaraffenland“. Beim Betreten der Gaststube – das Restaurant hat nur 6 Tische – glaubt man an einen riesigen Irrtum: Dieses Lokal, ausgerüstet mit einer selbstgezimmerten Kiefernholz-Bar und Tischen und Stühlen der Ikea-Klasse, soll eines der besten Restaurants Berlins sein? „Dekoriert“ sind die Tische lediglich mit leeren Weinflaschen, in denen weiße Kerzen stecken, Besteck und Geschirr sind unprätentiös. „Warum wir bei Trip Advisor so weit oben stehen, wissen wir ehrlich gesagt auch nicht“, sagt Chef Marco. Seine Miene dazu schwankt zwischen Stolz und Belustigung.

Der Laden, der seit zwei Jahren besteht, hat eine interessante Vorgeschichte: Drei Freunde aus Cagliari, im Süden der Insel Sardinien. Marco, Luca und Massimo entschieden sich nach einem Berlin-Trip zu bleiben. Koch war niemand unter ihnen, doch es gab eine Mama, die ihnen die alten sardischen Rezepte aufschrieb. „Wir haben dieses Lokal dann gemietet, weil es einfach günstig war“, gibt Marco zu. Der Name Il Pastificio bedeutet so viel wie Nudelmacher. Man wolle dem schnelllebigen Alltag in der Großstadt eine Oase des langsamen Genusses entgegensetzen, lautet der Wunsch der Gründer. Eine Speisekarte gibt es nicht. Die ist auch nicht nötig, denn es wird nur ein Menü aufgetischt, das jedem schmeckt und alle sättigt – und nur 20 Euro kostet. Der teuerste Wein kostet 20 Euro – pro Flasche.

Zu Gast bei Freunden

Für ein Abendessen (das Lokal ist nur abends geöffnet) muss man sich Zeit nehmen. Zuerst kommen Antipasti, Wurst, Schinken, Käse aus Sardinien mit Feigengelee, gebratene Auberginen, Kichererbsensalat und gebratene Paprika, dekoriert auf Bergen von Eisbergsalat. Dazu gibt es Weine aus der Heimat der Betreiber oder ein bayrisches Bier.

Es folgen zwei Pasta-Gänge, die im Haus täglich frisch hergestellt werden und Dessert. So weit, so unspektakulär. Was jedoch auffällt, ist der Umgang mit den Gästen. Jedes Restaurant schreibt sich gerne das Motto „Essen bei Freunden“ auf die Karte, doch hier ist es tatsächlich so. Jeder Gast spürt genau, dass, wenn Marco an den Tisch kommt und fragt, wie es schmeckt, es ihn tatsächlich interessiert. Niemand ist hier einfach nur vorüberziehender Gast, sondern sofort Teil des ganzen, einer Familie für einen Abend. Die heiteren Mienen und das Gelächter der Gästeschar am späten Abend sind der Beweis und der Grund für den 2 Platz von 6000.