Berlin - Wenn Airbus ab diesem Mittwoch seinen A380 mit knapp 80 Metern Spannweite und 73 Metern Länge für vier Tage in Berlin-Schönefeld zur Schau stellt, dann wird ihn kein Besucher der ILA 2016 übersehen können. Ebenso wenig wie den Militärtransporter A400M, der allein 37 Tonnen Ladung durch die Luft bewegen kann.

Unter solchen Riesen auf der Berliner Luftfahrtschau dürften die Fluggeräte von Reiner Stemme eher wie Matchbox-Ausgaben erscheinen. Doch entscheidend ist nicht, wie groß und schwer sie sind, sondern was sie können. Und insofern kann sich der Berliner Veteran unter den Flugzeugkonstrukteuren selbst mit den Größten seiner Branche messen.

Stemme, der bereits 1984 die gleichnamige AG gegründet hatte, um Fluggeräte zu entwickeln, und der vor drei Jahren noch einmal durchstartete und sein neues Unternehmen Reiner Stemme Utility Air-Systems ins Leben rief, steht seit vielen Jahrzehnten für innovative Motorsegler und seit Neuestem für Spezialflugzeuge zur Fernerkundung.

Faltbarer Propeller

Die Idee zu den Motorseglern hatte der heute 75-jährige Physiker und passionierte Segelflieger schon vor Jahrzehnten. Warum braucht man immer mehrere Leute, um sein Segelflugzeug in die Luft zu bekommen? Er entwickelte ein Segelflugzeug, das zugleich einen Propeller hat, der das Fluggerät ohne fremde Hilfe in die Luft bringt. Hoch oben kann der faltbare Propeller eingeklappt und nahtlos vom Motorflug auf Segeln umgeschaltet werden. Stemmes Erfindung ist zum einen als Motorsegler vom Wetter weitgehend unabhängig, zugleich aufgrund seiner Bauart ein besonders guter Gleiter.

Allein von der Stemme S10 wurden mehr als 200 Flugzeuge verkauft. Weitere Nachfolgemaschinen folgten. 2014 hatte ein Stemme-Motorsegler gar in einem spektakulären Flug den Himalaya überflogen, was selbst den Konstrukteur tief beeindruckte: „Das Dach der Welt zu überfliegen in einer wissenschaftlichen Mission, das ist etwas Ungewöhnliches“, sagt Reiner Stemme. Daran habe er zu Beginn seiner Konstrukteurskarriere nicht zu denken gewagt. „Am Anfang wollten wir einfach nur fliegen.“

Einstige Traditionsbranche in der Hauptstadtregion

Stemme ist nicht nur Pionier sondern auch eine Art Mutmacher. Denn ihm folgten vor allem nach der deutschen Einheit viele Unternehmer, um der einstigen Traditionsbranche in der Hauptstadtregion zu altem Ruhm zu verhelfen. Konzerne wie die Lufthansa, MTU oder Rolls-Royce haben heute wieder große Produktions- und Servicestandorte in der Region. Daneben gibt es rund 120 bis 130 mittelständische Firmen. „Zurzeit arbeiten in der Region rund 17.000 Menschen in der Luft- und Raumfahrtbranche, davon rund 7500 in der Industrie“, sagt Andreas Timmermann, geschäftsführender Vorstand des regionalen Branchenverbandes Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz.

Der Gesamtumsatz der Branche in der Region liegt bei mehr als 2,1 Milliarden Euro. Vom Gesamtexport Berlin-Brandenburgs werden heute rund 20 Prozent durch die Luftfahrtindustrie realisiert. Damit liegt sie noch vor der traditionell starken pharmazeutischen Industrie auf dem ersten Platz. „Unsere Branche ist in der Region einfach am meisten sexy“, findet der Verbandschef, „weil sie die interessantesten Mitarbeiter und faszinierende Produkte hat.“ Heute sei die Region neben Norddeutschland und Bayern wieder einer der drei größten deutschen Luft- und Raumfahrt-Standorte. Es gebe die größte Wissenschaftler-Dichte, „und letztlich lebt es sich hier einfach gut, deshalb bekommen wir auch gute, kreative Leute“. Solche wie Stemme.

Nicht auf Lorbeeren ausruhen

Auf der ILA präsentiert er zwei weitere Neuentwicklungen. Zum einen das Aufklärungssystem Q01. Das Flugzeug kann sowohl bemannt und später unbemannt bis zu 50 Stunden lang in bis zu zehn Kilometern Höhe fliegen. Ausgerüstet mit den unterschiedlichsten Optik- und Radarsystemen kann es Tag und Nacht am Himmel operieren und wichtige Fakten über die Gegebenheiten am Boden sammeln. Neben dem Entwicklungspartner Katar sind auch Unternehmen aus anderen Länder an dem vielseitig einsetzbaren Aufklärer interessiert, den Stemmes 70-Mann-Team in Wildau in nur 18 Monaten zur Flugreife brachte. Neben der Q01 wird Stemme auf der ILA das Modell eines neuen, doppelsitzigen Segelflugzeugs mit Elektroantrieb zeigen, die SK10.e. Der Hochleistungssegler soll auch in einer Version mit zusätzlichem Verbrennungstriebwerk und als reines Segelflugzeug angeboten werden. Alle motorisierten Varianten dieses Fliegers haben einen in der Nase versenkbaren Faltpropeller. Ganz Stemme halt. „Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht“, sagt er, „trägt diese an der falschen Stelle“.