Illegale Feuerwerkskörper: „Sprengsätze können richtig viel Schaden anrichten“

Der Verkauf von Silvesterböllern ist hierzulande vom 28. bis 30. Dezember erlaubt. Es wird aber auch reichlich Feuerwerk illegal eingeführt – meist aus Polen. Ein Gespräch mit Sven Brenner, der seit dreieinhalb Jahren das Hauptzollamt Frankfurt (Oder) leitet. Es ist für Zollkontrollen an der brandenburgisch-polnischen Grenze zuständig. Der 38-Jährige hat einen Doktortitel in Wirtschaftskriminalität, arbeitete zuvor im Bundesfinanzministerium und warnt ausdrücklich vor den hochgefährlichen Böllern aus dem Nachbarland.

Herr Brenner, sind Ihre Zollbeamten derzeit mit zusätzlichen Streifen unterwegs?

Wegen der Feuerwerkskörper ist nicht mehr Personal im Einsatz, aber unsere Streifen wissen um die Problematik und sind besonders aufmerksam. Klassisch ist, dass die Käufer von Berlin mit dem Bus nach Hohenwutzen an die Grenze fahren und sich auf dem Polenmarkt eindecken. Oder sie fahren mit dem Zug nach Frankfurt (Oder).

Darf ich mir aus Polen legal Feuerwerk mitbringen?

Das dürfen Sie. Aber nur, wenn es das offizielle CE-Zeichen hat, eine Art Sicherheitssiegel, und wenn es sich um Ware der Feuerwerkskategorie F1 und F2 handelt.

Was heißt das?

F1 – das sind Tischfeuerwerke, Knallerbsen, Wunderkerzen, die es auch bei uns das gesamte Jahr zu kaufen gibt. F2 – das sind Raketen, Verbundfeuerwerke oder Heuler, die es bei uns nur nach Weihnachten und vor Silvester gibt und die nur am 31. Dezember gezündet werden dürfen. Aber solche einfachen Raketen sind für die meisten Leute, die nach Polen fahren, uninteressant.

Was wollen diese Leute?

Feuerwerk der Kategorien F3 und F4. Das sind Dinge, die für Höhenfeuerwerke zum Beispiel bei Stadtfesten eingesetzt werden und bei denen bei uns für den Kauf laut Sprengstoffgesetz ein Pyrotechnikerschein nötig ist. Wer diesen Schein hat, darf das höherstufige Feuerwerk auch in Polen kaufen.

Was sind das für Raketen?

Das sind meist große Batterien, die einmal gezündet werden und bei denen dann ganz viele Schüsse losgehen. Die größte Batterie, die wir bislang hatten, war 101 Kilo schwer. So etwas muss zur Vernichtung zermahlen werden. Das kann nicht verbrannt werden, dann würde der Ofen auseinanderfliegen.

Kaufen die Leute, weil es billiger ist oder weil es verbotene Ware ist?

Über die Motivation können wir nur spekulieren. Natürlich ist es in Polen billiger. Zudem bekommen Sie dort Feuerwerk das gesamte Jahr, es gibt keine Beschränkungen wie bei uns. Auch das höherstufige Feuerwerk F3 und F4 kann in Polen ohne Auflagen und Beschränkung gekauft werden.

Man spricht zwar von Polenböllern, aber die kommen alle aus China. Warum sind die so gefährlich?

Die Frage ist: Nach welchen Kriterien sind sie hergestellt, und sind sie nach deutschem Recht geprüft. Ware aus Polen entspricht dem polnischen Recht und ist auch EU-konform, aber sie entspricht nicht deutschem Recht. Was bei uns bereits unter Sprengstoff läuft oder unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt, kann in Polen als Böller gelten.

Geht es vor allem um rechtliche Fragen oder die Gefährlichkeit?

Vor allem um die Gefährlichkeit. Diese Böller sind nun mal gefährlich, weil sie über mehr Explosionskraft und über mehr Explosionsmasse verfügen. Oft haben diese Feuerwerkskörper zwei Explosionsherde: Einer zündet die Sache, der zweite sorgt für den beabsichtigten Effekt. Viele Leute wissen das aber nicht und denken nach dem ersten Knall: Das war’s. Sie nähern sich dem Böller und können sich bei der zweiten Explosion verletzen.

Welche Gefahren gibt es noch?

Es geht auch darum, dass man eine gewisse Übung im Umgang braucht. Also: Wie funktionieren die Raketen üblicherweise bei uns. Da gibt es klare Unterschiede zu denen aus Polen, zum Beispiel bei der Länge der Zündschnur oder dabei, ob die Zündung beschleunigt ist.

Haben Sie Beispiele für die Sprengkraft?

Ja, im Vorjahr haben wir ein paar Tests gemacht. Bei Chinaböllern der Klassen F3 und F4 waren gerade mal 50 Gramm nötig, um einen Kürbis zu zerfetzen und 120 Gramm zerlegten eine Waschmaschine in ihre Bestandteile.

Und in welchen Größenordnungen wird das Zeug unerlaubt eingeführt?

Wir hatten einen 14-Jährigen mit 20 Kilo im Rucksack, der kam aus Polen und saß im Zug nach Erkner. Da will man sich nicht vorstellen, wie das Zugabteil aussieht, wenn da etwas schief geht.

Wie viele Böller haben Sie denn in diesem Jahr bereits sichergestellt?

Die abschließenden Zahlen liegen natürlich noch nicht vor, aber im gesamten vergangenen Jahr waren es 9,5 Tonnen im Bereich unseres Hauptzollamtes, also an der Brandenburger Grenze nach Polen von Mecklenburg bis Sachsen. Die Zahl hat sich in diesem Jahr schon jetzt nahezu verdoppelt.

Woran liegt das?

Wir wissen es nicht. Wir haben die Kontrollen auch nicht verdichtet. Die meisten Leute sind ja Selbstversorger, aber es gab allein sechs Großfunde mit jeweils mehr als einer Tonne, die meist in Kleintransportern illegal eingeführt wurden. Einmal waren es sogar knapp fünf Tonnen. Diese Funde sprechen natürlich dafür, dass das Feuerwerk verkauft werden sollte.

Was sind die üblichen Verstecke?

Da wird nichts versteckt. Das liegt offen im Auto. Vielen ist gar nicht klar, dass sie da neben einer sprichwörtlich tickenden Zeitbombe sitzen. Es gab einen Fall, da lagen kiloweise Raketen auf der Rückbank eines Autos neben dem Kind im Kindersitz – und Eltern saßen vorn und haben geraucht.

Wie bewerten Sie die Verdoppelung der Funde?

Wir beobachten dies mit Sorge. Wenn man daran denkt, dass da gerade jemand mit Paketbomben die DHL erpresst. Wenn man daran denkt, dass Kriminelle solche Feuerwerkskörper benutzen, um Geld- oder Fahrkartenautomaten zu sprengen. Und wenn man bedenkt, dass man in Polen für zehn Euro Sprengsätze bekommt, die richtig viel Schaden anrichten können – bis hin zu einem Terroranschlag –, dann ist das schon bedenklich.