Illegal im Wald entsorgter Müll ist ein Problem in Brandenburg.
Foto: imago images / Stylbruch

Groß SchönebeckIn einem Waldstück bei Groß Schönebeck (Barnim) liegen mehr als ein Dutzend riesiger weißer Müllsäcke. Die «Big Bags» genannten Behältnisse mit einem Fassungsvermögen von jeweils 1300 Kilogramm sind mit Dachpappe und weiterem Bauschutt befüllt. «Das Zeug ist erfahrungsgemäß asbestbelastet und in der Entsorgung teuer. Eine Tonne kostet 900 Euro», erklärt Mark Büttner, Leiter des Bodenschutzamtes im Landkreis Barnim, warum Unbekannte sich des Mülls in großem Stil illegal entledigt hätten.

Der Fund ist kein Einzelfall. Seit Jahren leidet der Barnim unter illegaler Müllentsorgung. Ganze LKW-Ladungen an Bauschutt oder auch aus Haushaltsauflösungen werden heimlich im Schutze der Dunkelheit in die Natur gekippt, meist im Berliner Speckgürtel. Allein im vergangenen Jahr waren es 619 Tonnen Müll. «Die Verursacher machen sich oft gar nicht die Mühe, an versteckt liegende Orte zu fahren, sondern schütten das Zeug auch nahe Wohnsiedlungen oder einfach auf Feldern ab», beschreibt Büttner. Meist seien es Spaziergänger, Jäger oder Forstmitarbeiter, die den illegalen Müll entdecken. Inzwischen gebe es auch eine App, mit der die Müllberge mit Fotos und GPS-Koordinaten gemeldet werden könnten.

«Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer»

Das Problem ist auch in anderen Landkreisen bekannt. «Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer», sagt Mario Behnke, Sprecher der Kreisverwaltung Oder-Spree. Allein 2019 habe das Kommunale Wirtschaftsunternehmen Entsorgung (KWU) 259 Tonnen «herrenloser» Abfälle beräumt, die Mehrheit davon Dämmstoffe, asbesthaltiger Bauschutt sowie Teer- und Bitumenreste. 85 Tonnen illegaler Müll kamen im vergangenen Jahr im Landkreis Märkisch-Oderland zusammen, Tendenz ebenfalls steigend. «Schwerpunkte waren nicht nur die Berlin nahen Regionen, sondern auch Feldwege, die von der Bundesstraße 1 von der Bundeshauptstadt in Richtung Seelow. Wir vermuten als Verursacher Baufirmen in Berlin», sagt Kreissprecher Thomas Behrendt.

Die Kreisverwaltung Barnim will nicht länger den Dreck nur aufräumen, sondern den Verursachern auf die Schliche kommen. Dazu ist seit Ende 2017 eine Müllstreife unterwegs, für die mit dem privaten Eberswalder Sicherheitsunternehmen von Thomas Platz zusammengearbeitet wird. «Wir sind jede Nacht unterwegs - einerseits präventiv, um abzuschrecken, andererseits, um Täter auf frischer Tat zu ertappen», sagt er. Der Erfolg sei bisher gering. «Erwischt haben wir die kleinen Fische, die Grünzeug, Sperrmüll oder Papier in die Gegend kippen», sagt Platz. Was die Bauschuttsünder betrifft, so wisse er inzwischen zumindest, wer dahinterstecke.

«Wir haben auch Baustellen observiert. Da sind irische Wanderarbeiter am Werk, die wiederum Osteuropäer beschäftigen», sagt der Sicherheitsunternehmer. Sie haben demnach keinen Firmensitz, reisen in Wohnmobilen von Ort zu Ort, bieten in Haustürgeschäften Dachreparaturen an oder wollen Grundstückseinfahrten neu pflastern. Was dabei an Müll anfällt, würden sie illegal entsorgen, bevorzugt im Großraum Bernau. Dass mit den reisenden ausländischen Handwerkern offenbar nicht zu spaßen ist, hat Platz selbst schon erfahren müssen. «Ich verfolgte einen Transporter mit Bauschutt, als plötzlich zwei Pickups auftauchten und mich von der Straße drängten», erzählt er. Polizei und Zoll seien über seine Erkenntnisse informiert.

Strafanzeigen gegen Müllsünder

Auch in anderen Fällen, in denen Müllsünder, unter anderem Baufirmen, im Nachgang ermittelt werden konnten, habe das Bodenschutzamt Strafanzeige gestellt, ergänzt Büttner. Doch oftmals würden die Verfahren nach einiger Zeit von der Staatsanwaltschaft eingestellt. «Dann geht die Sache an uns zurück und wir haben zumindest Bußgelder erhoben, teilweise in vierstelliger Höhe», sagt der Leiter des Bodenschutzamtes. Allein 42 Ordnungswidrigkeitsverfahren seien im Barnim im vergangenen Jahr eingeleitet worden. Wichtig ist laut Büttner, die illegalen Müllberge so schnell wie möglich zu beräumen. «Sonst wird ganz schnell eine richtige Müllkippe daraus, frei nach dem Motto: Wo schon was liegt, kann ich meinen Dreck auch hinschütten.»

Da die illegale Abfallbeseitigung ganz Brandenburg betreffe, sei das Land in der Pflicht, Kommunen und Kreise zu unterstützen, findet der Amtsleiter. Und er scheint nicht der Erste zu sein, der in Potsdam um Hilfe ersucht hat. Frauke Zelt, Sprecherin des Brandenburger Umweltministeriums, bestätigt, dass öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger aus allen Ecken Brandenburgs von einer Zunahme illegal abgelagerter Abfälle berichten, insbesondere, was asbesthaltigen Müll betreffe. Die Gesamtzahl illegaler Müllmengen sowie die insgesamt verursachten Kosten für die Beseitigung würden vom Land allerdings nicht statistisch erfasst, sagt sie.

«Tatsächlich hat das Thema jahrelang niemanden in Potsdam interessiert, Daten wurden so auch nicht erfasst», bestätigt Benjamin Raschke, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag. Dabei seien die wachsenden Müllprobleme, verursacht auch durch den Siedlungsdruck aus Berlin, immens. «Ein erster Schritt wäre, dass sich Vertreter der Landkreise und des Landes mal an einen Tisch setzen, statt sich den Schwarzen Peter gegenseitig zuzuschieben», meint Raschke. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, sei für Müllsünder gering. Verfolgung und Kontrolle müssten deshalb erhöht werden, sagt der Landtagsabgeordnete.