Berlin - Die schlechte Nachricht vorneweg: Die Berliner müllen ihre Stadt zu. An manchen Straßen türmen sich alte Möbel, kaputte Autoreifen, allerlei undefinierbarer Unrat oder einfachen pralle Säcke voller Abfall. Die gute Nachricht hinterher: Immer mehr Berliner melden solche wilden Deponien im Internet den Behörden.

Insgesamt 25.787 Mal wurde im vergangenen Jahr auf diesem Wege illegal abgeladener Sperrmüll in Berlin angezeigt. Das sind mehr als dreimal so viele Meldungen wie noch im Jahr 2015 (7250 Meldungen).

Die App „Ordnungsamt-Online“

Grund für den Anstieg ist die Möglichkeit für jeden Bürger, anonym im Internet Meldung über solche Missstände zu machen. Das sogenannte Anliegenmanagementsystem existiert seit August 2015. Den Anfang machte damals Lichtenberg, die anderen Bezirke sollten sukzessive folgen. Ein Jahr später wurde dann die App „Ordnungsamt-Online“ scharfgestellt, die das Melden noch vereinfachte. Seitdem steigen die Zahlen rasant.

Die aktuellen Zahlen, veröffentlicht von der Senatsinnenverwaltung, stehen in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Henner Schmidt. Er wollte wissen, ob die Ordnungsamts-App funktioniert.

Für Schmidt steht das Ergebnis jedenfalls fest: „Es gibt offenbar erheblichen Bedarf.“ Es sei gut, dass Bürger ganz unbürokratisch Dreckecken melden könnten. Für den Politiker verdeutlichen die Zahlen im Übrigen, „dass immer mehr Bürger illegalen Sperrmüll als drängendes Problem in ihren Kiezen wahrnehmen. Es muss stärker kontrolliert und auch geahndet werden“.

Illegaler Müllkippen

Ihn habe die starke Zunahme aber eher überrascht, sagt Schmidt. Und er verweist auf Tücken der Statistik. So unterscheidet die Innenverwaltung bei der Erstellung der Zahlen illegaler Müllkippen nicht, ob sie von Bürgern (einmal oder auch mehrmals) oder sogar vom jeweiligen Bürgeramt selbst gemeldet wurden. Das bedeutet, dass sicherlich zahlreiche Ablageplätze mehrfach gezählt wurden.

Auch darüber hinaus bleiben Fragen. Warum etwa liegen dem Senat nur Antworten aus acht Bezirken vor (darunter ist Neukölln mit seinen 11.520 Meldungen mit Abstand Spitzenreiter, Schlusslicht Lichtenberg meldet nur 1027 Fälle)? Und warum melden Marzahn-Hellersdorf, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf gar keine Daten? Auch dort gibt es Müll an den Straßen – und auch dort ärgern sich die Bewohner darüber.

Vier Millionen Euro Kosten pro Jahr

Henner Schmidt stellt nun Fragen nach Konsequenzen. Was passiere eigentlich, wenn dem Ordnungsamt Müll gemeldet werde? Nach seinen Beobachtungen dauere es jedenfalls oft viel zu lange, bis die dann von den Ordnungsämtern beauftragte Stadtreinigung (BSR) den Müll beseitige. Vier Millionen Euro kostet die Dienstleistung das Land Jahr für Jahr.

Abfuhr wieder kostenlos?

Schmidt fordert nun darüber nachzudenken, ob die BSR den Sperrmüll nicht wieder kostenlos abholen könnte. Bis in die 70er-Jahre war es völlig legal, in festgelegten Straßen Sperrmüll rauszustellen. Dieser wurde zu festen Terminen kostenlos abgeholt. In manchen Kiezen war der Sperrmülltag Anlass für Straßenfeste. Jedoch mischten immer wieder Gewerbetreibende illegal Sondermüll darunter. Bis Anfang 1996 konnten wenigstens noch individuelle Gratis-Termine vereinbart werden.

Seitdem kostet die Abfuhr Geld. Im Spartarif werden nach vier bis sechs Wochen für bis zu fünf Kubikmeter Müll 50 Euro fällig, jeder weitere Kubikmeter kostet zehn Euro. Im Standardtarif (Abholung innerhalb von zwei bis drei Wochen) werden für die selbe Menge mindestens 100 Euro fällig. Wer seinen Sperrmüll innerhalb von einer Woche abgeholt haben möchte, muss für nur zwei Kubikmeter mindestens 96 Euro zahlen.