Im Bus: „Raus! Und am besten dahin, wo du herkommst, du, und dein Gammelfleisch“

Der Mann hat sich ganz hinten hingesetzt, in die letzte Reihe des Busses, deswegen rieche ich es erst, als der Fahrer anfängt zu brüllen. Statt loszufahren,  verlässt er seine Fahrerkabine und stampft mit hochrotem Kopf durch den Mittelgang. Er schreit, mit den Armen fuchtelnd: „Raus! Raus hier! Dein Gammelfleisch kannste woanders essen! Und nicht meinen Bus vollstinken! Raus!“

Die wenigen Leute im Bus drehen die Köpfe. Sehen den Mann mit dem Döner, der nun sehr verschreckt guckt. Ein leichter Geruch von Kalbfleisch und Zwiebeln liegt plötzlich in der Luft. Aber ist es das, was einige plötzlich sehr missbilligend, ja, angewidert schauen lässt? Keiner mag es, wenn in vollen Verkehrsmitteln geruchsintensive Speisen verzehrt werden. Aber: Der Bus ist nicht voll. Und der Mann, der irritiert, verunsichert, ein wenig ängstlich guckt, versteht ganz offensichtlich nicht, was das Problem ist. Es scheint, als gelte die Entrüstung eher dem Fahrer, der nun bei dem Essenden angekommen ist und ihn am Ärmel hoch zerrt. „Raus! Und am besten dahin, wo du herkommst, du, und dein Gammelfleisch.“

Ein Mann sagt: „Ich glaube, er versteht Sie nicht. Und überhaupt: Kann man das nicht freundlicher sagen? Mit ein bisschen mehr Respekt?“ Der Fahrer ignoriert den Einwurf, und schiebt den anderen, der nach einer hilfsbereiten Geste eines anderen Fahrgastes den Döner so gut er konnte wieder eingewickelt hat, Richtung Tür. Schubst ihn raus. Stapft zu seiner Kabine. Und dann tönt es durch die Lautsprecher: „Ich soll Respekt haben? Vor denen? Die sollen erst mal Respekt lernen. Sind doch hier zu Gast.“ Unter dem Gebrüll dehnt sich Stille aus.

Der Bus fährt weiter. Die Stille bleibt. Es ist keine friedliche Stille, nicht mal eine nachdenkliche. Eher die Sorte Stille nach dem Schuss. Berlin ist nicht der Nabel der Welt. Aber in manchen Augenblicken meint man das Geschrei von überall in einem Bus zu hören. Das Geschrei der Wahlkämpfe, das Wutgeschrei auf den Straßen, das Geschrei gegen die anderen, das Geschrei in den Medien, in den Foren. Und die Stille danach. Es ist keine gute Stille. Denn sie ist immer zu kurz.