„Wir ham uns ammesiert wie Bolle uffm Milchwagen“, heißt ein Berliner Spruch. Hier: ein Wagen der Berliner Firma Bolle, etwa 1931.
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Neulich habe ich nach längerer Zeit mal wieder meinen alten Schulkumpel getroffen. Wir redeten beim Bier über alles Mögliche, auch über Corona, Statistik, Reproduktionszahlen und das generelle Problem von Durchschnittswerten. „Du weeßt ja“, sagte mein Schulkumpel: „Im Durchschnitt war der Teich ’n halben Meter tief und trotzdem ist die Kuh ersoffen!“

Da fiel wieder einmal auf, dass mein Schulkumpel für viele Situationen alte Berliner Sprüche parat hält. So etwas findet man nicht mehr oft, und das ist schade. Denn das Berlinische steckt voller Sprüche. Manches hört man noch heute, zum Beispiel: „Lass liejen, tritt sich fest!“ (wenn einem etwas runtergefallen ist) – „Dicht daneben is ooch vorbei!“ – „Unjeschicktet Fleesch muss weg!“ (wenn man sich geschnitten hat). Anderes ist seltener geworden. Meine Tante aus Lichtenberg – inzwischen 90 Jahre alt – sagt noch immer „Dachte sind keene Lichte!“ – wenn man sich für irgendwas entschuldigen will und mit „Ich dachte ...“ anfängt. Ich habe mal nachgeguckt. Der Docht der Kerze hieß früher wirklich Dacht. Aber warum man das sagt, weiß ich nicht.

Einst gab es für nahezu alle Lebenslagen Sprüche. Zum Beispiel, wenn ein Mensch besonders groß war: „Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufen.“ Wenn jemand nervte, weil er zu viel redete: „Quatsch da lang, hier lang is jeflastert!“ Wenn eine Suppe zu dünn war: „Da kieken ja mehr Oogen rin wie raus.“ Wenn einer sich blöd benahm: „Dummheit is ooch ’ne Jabe Jottes, aber man muss se nich missbrauchen.“ Wenn man wollte, dass der Lärm im Raum nachlässt: „Ruhe, Kinda! Vata schreibt sein’ Namen.“ Wenn irgendeine Arbeit nicht klappte: „Da muss man Männa nehm und keen uffjewärmten Leichen.“ Wenn man von einer Vergnügungstour zurückkam: „Wir ham uns ammesiert wie Bolle uffm Milchwagen.“ Wenn jemand blass aussah: „Mensch, du siehst ja aus wie Braunbier mit Spucke!“

Was mir bei vielen Sprüchen auffällt, ist eine besondere Form der Ironie und Untertreibung. Man stelle sich folgende Szene vor: Drei Berliner, die es „nich so dicke haben“, sitzen zusammen an einer Festtafel bei einem teuren Essen. Der eine sagt: „Haut rin, Leute. Is ejal, wovon einem schlecht wird.“ Der zweite sagt: „In der allerjrößten Not schmeckt die Wurscht ooch ohne Brot.“ Der dritte sagt: „Man ekelt et sich so rin.“ Das heißt übersetzt: Das Essen ist total spitze! So super haben wir schon lange nicht mehr gegessen.

Um einen schönen Moment ganz bewusst zu genießen, sagte man als alter Berliner: „Mensch, wat ham wa bloß vabrochen, det et uns so schlecht jeht.“ Oder: „Herrjott, sind wir vergnügt und ham det jar nich nötig.“ Meine Tante aus Lichtenberg hat solche Sprüche auch noch drauf. Manchmal spart sie sich aber auch den ironischen Umweg. Dann lehnt sie sich zurück, seufzt einmal tief und sagt: „Mensch, Kinda, jehts uns nich jut?“ So etwas sollte man sich öfter mal eingestehen – wenn es stimmt.