Der Lastzug hinterließ eine Schneise der Verwüstung auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

BerlinJe länger der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz zurückliegt, desto mehr Fragen tun sich auf. Und je länger die Untersuchungsausschüsse im Bundestag und im Berliner Abgeordnetenhaus tagen, desto mehr Merkwürdigkeiten ranken sich um das Ereignis am 19. Dezember 2016, als der Tunesier Anis Amri mit einem gekaperten Lkw elf Weihnachtsmarktbesucher tötete und Dutzende verletzte.

„Das Maß der Ungereimtheiten erreicht inzwischen NSU-Niveau“, formulierte dieser Tage das Online-Magazin Telepolis. Es zitiert einen im Untersuchungsausschuss „Breitscheidplatz“ des Bundestags befragten Mordermittler. Seine Beamten hätten am und im Lkw Fingerabdrücke gesichert und DNA-Spuren genommen. Alle Befunde seien zur Auswertung an den Staatsschutz des Landeskriminalamtes gegangen. Doch dessen einzige Rückmeldung lautete: Außen an der Fahrerseite seien zwei Fingerabdrücke von Amri festgestellt worden. Weitere Fundstellen nennen die Auswerter nicht. Demnach gab es im Lkw offenbar keine Fingerabdrücke und DNA Amris.

Am Donnerstag nun befragte der Bundestagsuntersuchungsausschuss Berliner Kriminalbeamten. Der Hauptkommissar war damals Schichtleiter im Kriminaldauerdienst. Er veranlasste die Absperrung des Tatortes und die Einrichtung einer Zeugensammelstelle. Warum der Tatort erst dreieinhalb Stunden nach dem Anschlag an die Spurensicherung übergeben wurde, konnte der Polizist nicht erklären.

Dutzende Leute brachten die Spuren durcheinander

Bis zur Spurensicherung waren schon etliche Rettungskräfte und Polizisten im Fahrerhaus gewesen. Unter anderem musste  der tote polnische Fahrer für einen Reanimationsversuch rausgezogen werden.  Niemandem fiel die Geldbörse mit Amris Personaldokument, einer Duldungsbescheinigung, auf. Sie lag sichtbar im Fußraum – neben einer Bierdose, die ein Polizist sofort sah, weshalb die Beamten zunächst längere Zeit an einen Suff-Unfall des polnischen Lkw-Fahrers glaubten. „Wir haben uns an die Vorschriften gehalten: den Tatort ,einfrieren’ und auf die Fachdienststelle warten“, sagte der befragte Polizist dazu. Als Konstantin von Notz (Grüne) ihm vorhielt, dass wahrscheinlich über ein Dutzend Leute in dem Lkw waren, sagte der Polizist nur: „Das schockiert mich.“

Besonders merkwürdig: Im Fahrerhaus wurde ein Klapphandy, das Amri benutzt haben soll, gefunden – ohne Amris Fingerabdrücke. Auch die Brieftasche mit der Duldung wies offenbar keine Fingerabdrücke auf. Amris zweites Handy, mit dem er auf der Fahrt zum Breitscheidplatz mit Glaubensbrüdern aus dem Ruhrgebiet chattete, fand man auch: Es steckte im Kühlergrill. Wie kam es dort hin? Der Kriminalkommissar, der für die Sicherung des Tatortes zuständig war, hat auch keine Erklärung: „Ich höre es heute zum ersten Mal.“

Eine Gruppe Jugendlicher rief „Allahu Akbar“

Inzwischen ist die These von Amri als Einzeltäter – so er denn wirklich am Steuer saß – erschüttert. Verschiedene Zeugen sahen Personen aus dem Fahrerhaus in unterschiedliche Richtungen flüchten. Eine Videosequenz zeigt eine Prügelei unmittelbar nach dem Anschlag. Tatsächlich wurde ein Mann durch einen Schlag schwer verletzt, als er wohl den flüchtenden Attentäter aufhalten wollte. Es gibt Zeugen, die wollen gesehen haben, wie nach dem Anschlag ein blaue Handschuhe tragender Ersthelfer aus dem Lkw gestiegen ist. Er sah aus wie Amris engster Freund Bilal Ben Ammar. Mit Ben Ammar soll Amri den späteren Tatort ausgekundschaftet haben.

Doch Ben Ammar kann nicht befragt werden. Er wurde am 1. Februar 2017 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Tunesien abgeschoben. Der Untersuchungsausschuss würde ihn gern vernehmen. Doch er ist nicht auffindbar.

Es gibt viele weitere Ungereimtheiten: Zeugen, die Schüsse hörten, von denen die Polizei aber nichts weiß. Ein Betroffener, der sah, wie Amri den polnischen Fahrer erst auf dem Breitscheidplatz erschoss, als der Fahrer dem Terroristen ins Lenkrad griff, um den Kurs des Sattelzugs zu ändern. Laut Polizei hatte Amri den Mann aber schon früher erschossen. Zu den Merkwürdigkeiten gehört auch, dass eine Personengruppe unmittelbar nach dem Anschlag in der Lietzenburger Straße „Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte) rief. Polizisten nahmen deshalb die Personalien diese Leute auf und ließen sie dann ziehen.