Fünf rote Nelken hat Familie Chowanek dabei. Die Eltern, ihr Sohn und ihre Tochter, jeder will an diesem Sonntag eine Blume in der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde ablegen, um an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu erinnern. Mit der fünften Nelke wird die Familie aus Lichtenberg noch weiter hinein in den Friedhofspark gehen. Sie ist für den Ur-Großvater der Kinder bestimmt, der dort begraben ist. Wie Luxemburg und Liebknecht war er Kommunist, dafür sperrten ihn die Nazis ins Konzentrationslager Buchenwald.

„Einige Werte, für die schon Luxemburg und Liebknecht eintraten, sind heute aktueller denn je“, sagt Frank Chowanek. In Zeiten von Rassismus und Rechtspopulismus will er seinem zehnjährigen Sohn und seiner achtjährigen Tochter vermitteln, dass es wichtig ist, für seine Überzeugung einzustehen. „Wir wollen ein Zeichen für soziale Gerechtigkeit setzen“, sagt seine Frau Janine.

Kämpferin für Frauenrechte

Es sind viele solcher Stimmen zu hören am Sonntag. Stimmen, die nicht nostalgisch in die Vergangenheit blicken, sondern mahnend in die Zukunft. Mehrere Tausend Menschen sind zum jährlichen Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gekommen. Schon um 11 Uhr sind rote Nelken, bekannt als Arbeiterblumen, im Geschäft an der Zugangsstraße ausverkauft. Am Dienstag wird es 100 Jahre her sein, dass die Arbeiterführer in Berlin von Freikorps-Soldaten umgebracht wurden.

„Rosa Luxemburg hat nicht nur gegen Krieg, sondern auch für Frauenrechte gekämpft“, sagt Evelyn Ziebol aus Wittstock/Dosse. „Meine Enkelin ist Studentin. Wenn sie mir erzählt, dass ein Dozent eine Referatsgruppe von vier Mädchen duzt, während er vier Jungs siezt – dann haben wir für Frauen noch einiges zu tun.“

Allein die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen sage viel aus, ergänzt Ziebols Freundin Dorothea Dunkel. Dann rücken die beiden vor in der kleinen Schlange, die sich am Mahnmal gebildet hat. In der Hand haben sie ein halbes Dutzend Nelken, „eine für jeden Enkel“, sagt Dunkel.

„Eine Romantisierung kommunistischer Politik muss vermieden werden“

In ihrem Rücken, gegenüber des großen Gedenksteins, hat Frank Rothe gerade seine letzte Nelke abgelegt. Gut hundert Blumen liegen hier schon neben einer Platte im Boden. Sie erinnert an die Opfer des Stalinismus. „Mir war es wichtig, nicht nur auf die Sozialistengräber Blumen zu legen, sondern auch hierhin“, sagt der Treptower. „Ich war 13, als die Mauer fiel. Mir wurde erst viel später klar, was in der DDR alles falsch lief.“

Auch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur betont am Sonntag, dass die Geschichte des Kommunismus untrennbar mit der Erinnerung an die begangenen Verbrechen verbunden ist. „Eine Romantisierung kommunistischer Politik muss vermieden werden“, fordert Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Sie spricht sich für einen differenzierten Umgang mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus. Die beiden Arbeiterführer seien zu DDR-Zeiten für die sozialistische Propaganda herangezogen worden.

Sozialisten und Anarchisten

In der DDR war der Gedenkmarsch ein Ritual unter Führung der gesamten Staats- und SED-Spitze. Nach der Wende ebbte die Teilnehmerzahl ab. Heute bestimmen linke bis linksextreme Splittergruppen das Bild im Trauerzug, von Sozialisten über Leninisten bis Anarchisten.

Max und David, die ihre Nachnamen nicht nennen wollen, sind extra für diesen Protestzug aus Mannheim angereist. Sie sagen, dass sie keiner Partei oder einem Bündnis angehören. „Uns ist klar, dass auch Spinner mitlaufen“, sagt der 25-jährige Max. „Aber als Linke sind wir kritikfähig und setzen uns damit auseinander“, fügt der 30-jährige David hinzu. Gedenken ist wichtig, finden beide, vor allem in Zeiten, „in denen der Kapitalismus die Welt vor den Abgrund stellt und in ganz Europa die Rechten erstarken“, sagt Max.

Die „Verbrecher-Ecke“ des Friedhofes Friedrichsfelde

Zu einer Kranzniederlegung der Linkspartei, die inzwischen nicht mehr gemeinsame Sache mit den Demonstranten macht, kamen am Sonntag die Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch sowie die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger.

Karl Liebknecht war am 15. Januar 1919 im Tiergarten erschossen worden, nachdem er ein kommunistisches Bündnis um sich formiert und versucht hatte, die Regierung von Friedrich Ebert zu stürzen. Als er in der „Verbrecher-Ecke“ des Friedhofes Friedrichsfelde beigesetzt wurde, kamen 100.000 Menschen. Auch seine Mitstreiterin Rosa Luxemburg wurde erschossen, ihre Mörder warfen die Leiche in den Landwehrkanal. Sie wurde erst Monate später gefunden.