Berlin - Thomas Franz sieht müde aus an diesem frühen Vormittag. Normalerweise hätte der 57-Jährige um diese Tageszeit schon einen halben Arbeitstag hinter sich, sein 1000-Quadratmeter-Geschäft unten in der Halle 17 des Berliner Großmarkts vielleicht gerade erst aufgeräumt. Doch dort ist längst alles verschlossen, die Gitter sind heruntergelassen, die Regale leer. Franz sitzt an seinem aufgeräumten Schreibtisch im Obergeschoss der Halle. „Nicht viel zu tun“, sagt er. „Und nicht mein Rhythmus.“ 20 Jahre lang war Franz morgens um halb zwei aufgestanden, um an der Beusselstraße Obst, Kräuter und Gemüse zu verkaufen. Immer unter Strom. Die Pandemie hat ihn aus dem Tritt gebracht.

Der Berliner Großmarkt in Moabit ist eine Art Lebensmittelladen im Mega-Format. Auf einer Fläche, die viermal so groß ist wie der Alexanderplatz, ist in mehr als zwei Dutzend Hallen alles zu bekommen, was Köche in Berliner Hotels und Restaurants, Krankenhäusern, Kitas, Schulen und Uni-Mensen benötigen. Bevor das Sars-CoV-2-Virus in die Stadt kam, wurden dort täglich weit über 2000 Tonnen Obst, Gemüse und Fleischwaren verkauft und im Jahr etwa eine Milliarde Euro umgesetzt. Doch seit die Profi-Küchen in der Stadt pandemiebedingt meist kalt bleiben, geht auch auf dem Großmarkt im Berliner Nordwesten kaum noch etwas. Die meisten der 2500 Beschäftigten arbeiten kurz. Die Umsätze sind insgesamt um wenigstens zwei Drittel eingebrochen. Zwei Unternehmen mussten bereits Insolvenz anmelden. Ein Krisen-Hotspot im Hinterland der Hauptstadt-Gastronomie.

Als wir Thomas Franz vor ziemlich genau einem Jahr das erste Mal besuchten, hatten gerade ein Schul-Caterer und das Studentenwerk ihre Bestellungen storniert, weil sie niemanden mehr zu verpflegen hatten. Damals wusste Franz sofort, dass das nur der Anfang sein würde. Er glaubte aber auch, sein Obst- und Gemüse-Großhandel würde nach ein, zwei Monaten wieder normal laufen, im schlimmsten Fall nach drei. „Nun sind wir im 13. Monat“, sagt er.

Kunden an den Insolvenzverwalter verloren

Franz, ein großer, schlanker und sehr wacher Mann, ist Chef und Inhaber der Firma  Früchte-Franz-Fruchthof. Die drei „F“ im Firmennamen könnten jeweils auch für den Familiennamen stehen. Der jetzige Chef führt das Unternehmen in dritter Generation. Sein Großvater Alfred hatte das Geschäft 1949 gegründet. Er selbst hatte es dann von seinem Vater übernommen und noch immer gibt es dort „alles, was die Gärten der Welt hergeben“.

Doch das will seit einem Jahr kaum jemand haben. Die Schulen und Unis sind dicht, Kitas oszillieren zwischen Schließung und Notbetrieb und im Gastgewerbe läuft bestenfalls noch ein mageres To-go-Geschäft. Ein Hotel und fünf Restaurants hat Franz bereits aus seiner Kundenliste an die Insolvenzverwalter verloren. Die zwei der drei Kühlräume, die Franz schon vor einem Jahr abgeschaltet hatte, sind bis heute nicht wieder in Betrieb. Seine Umsätze seien um 80 Prozent eingebrochen, sagt er, während viele Kosten zu 100 Prozent weiter liefen. „Ich verliere Monat für Monat 50.000 Euro.“

Die meisten Mitarbeiter sind in Kurzarbeit

Von seinen knapp 40 Mitarbeitern sind die meisten in Kurzarbeit und arbeiten wechselnd im Markt. Franz achtet darauf, dass die wenige Arbeit gerecht verteilt wird. Jeder soll so gut wie möglich über die Runden kommen. Für Franz sind die allermeisten in der Firma mehr als nur Angestellte. Eine Mitarbeiterin ist wie er schon in dritter Generation im Unternehmen. Ihre Großmutter hatte schon beim Firmengründer Alfred Franz gearbeitet, dann ihre Mutter beim Vater ihres jetzigen Chefs. Nun arbeitet sie bei Thomas Franz. Er sagt, dass er niemanden entlassen habe. Selbstverständlich ist das nicht.

Doch das lange Pandemie-Jahr hat bei Thomas Franz auch Spuren hinterlassen. Er könne kaum eine Nacht durchschlafen, erzählt er. „Mich macht der Gedanke irre, vielleicht der zu sein, der die Firma nach über 70 Jahren beerdigt.“ Das Schreckliche sei, dass es nicht in seinen Händen liegt, wie es weitergeht. Das könne einen krank machen: als Unternehmer nicht unternehmen zu können.

Schnelltests kosten den Chef 2000 Euro im Monat

Tatsächlich stand es in den vergangenen zwölf Monaten nicht nur einmal auf der Kippe. Zwar habe er staatliche Hilfe bekommen, insgesamt 125.000 Euro, doch allein die Miete kostet ihn 20.000 Euro im Monat, was ihn wütend macht. Denn der Vermieter ist die landeseigene Berliner Großmarkt GmbH. Während nicht wenige private Vermieter ihren Kunden in der Krise mit Mietnachlässen entgegenkamen, hat die Stadt die Miete nur gestundet. Und nun soll er bei seinen Mitarbeitern nach dem Willen des Senats auch noch Schnelltests durchführen, was ihn 2000 Euro im Monat koste. „Wovon soll ich das bitte bezahlen“, fragt er und müht sich, nicht allzu laut zu werden. Auf die seit Januar versprochene Überbrückungshilfe III wartet er bis heute und braucht sie so doch dringend. Er sei nicht reich, sagt Franz, habe keine Jacht, keine Villa, keine Ferienwohnung und fahre einen kleinen BMW.

Als wir Franz vor einem Jahr trafen, hatte er die Bundesregierung ausdrücklich für die rasch geschnürten Hilfspakete gelobt. Diese hält er nach wie vor für „fair und durchdacht“. Allerdings scheitere es an der Ausführung. „Das ist eine Katastrophe.“

Ein zinsloser Kredit, um die Firma am Leben zu halten

Um seine Firma am Leben zu erhalten, hat Franz einen zinslosen Kredit über 500.000 Euro aufgenommen, der wie die aufgeschobenen Mietkosten irgendwann bedient werden muss. Dabei steht für ihn sehr viel auf dem Spiel. Der Unternehmer ist nicht angestellter Geschäftsführer einer GmbH, sondern „Eingetragener Kaufmann“ und haftet damit für alles mit seinem Privatvermögen. Der 57-Jährige weiß: „Wenn ich das Geschäft nicht halten kann, muss ich auch Privatinsolvenz anmelden.“

Natürlich hätte er das längst ändern und eine GmbH gründen können, aber das lehnt er ab. „Das bin und will ich nicht.“ Unternehmer sei man in guten wie in schlechten Zeiten, sagt Franz und weiß, dass so manches Großunternehmen staatliche Hilfen kassiert und seinen Aktionären gleichzeitig stattliche Dividenden auszahlt. Auch das macht ihn wütend, aber etwas müde ist er auch.