Senftenberg - „Die Geräusche des Tagebaus, das Quietschen und Pfeifen der Maschinen gehörte zu unserem Leben“, erinnert sich Peter Pohle, ein Senftenberger im heimatlichen Café Roxy, wo sich Anwohner zu einem moderierten Erzählsalon versammelt haben. „Wir wussten genau: Herrschte Ruhe, stimmte etwas nicht; dann machten wir uns Sorgen. So wuchsen wir in der Gartenstadt Marga im Ortsteil Brieske auf. Auch der Kohlendreck gehörte dazu, aber er störte uns Kinder nicht. Erst später, als ich meine Frau Erika nach Marga brachte, kostete er mich fast meine Ehe“, erzählt Pohle. Denn ständig verschmutzte die Wäsche, wenn sie zum Trocknen draußen hing. Der Kohlestaub von den umliegenden Brikettfabriken, der die Senftenberger vor der Wende zum Verzweifeln brachte, ist längst verflogen. Gleichzeitig wurde die Lausitz zur derzeit größten Umbruchregion des Landes.

Menschen stärker einbeziehen

In den vergangenen 25 Jahren fielen rund 30.000 Arbeitsplätze weg, zwei Generationen wanderten de facto ab. Renaturierung und Tourismus heißen die Zauberworte, mit denen die zumeist Alteingesessenen sich und ihre Heimat neu definieren müssen. Doch was tun mit der Geschichte, und wer generiert die Zukunft, wer wird sie gestalten? „Lasst uns unsere Geschichten erzählen.“ Dieser schlichte Satz von Roland Sängerlaub, Bürgermeister des Lausitzer Ortes Geierswalde, wurde zum Motto eines in Deutschland einzigartigen Erzählprojekts, das im Sommer vergangenen Jahres begann.

Als das Berliner Team von Rohnstock Biografien das IBA-Studierhaus in Großräschen – von 2000 bis 2010 Geschäftssitz der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land – besuchte und erfuhr, welche Herausforderungen sich in der Lausitz beim Übergang vom Bergbaugebiet zum Seenland ergaben, entstand die Idee für das Projekt „Lausitz an einen Tisch“, das in eine Kooperation zwischen Rohnstock Biografien und dem IBA Studierhaus mündete, gefördert von der Ostbeauftragten, Iris Gleicke. Es drängte sich nach der planerisch-künstlerisch angelegten IBA die Frage auf: Wie können die Menschen vor Ort stärker in die Strukturentwicklung einbezogen werden, denn nur sie selbst sind in der Lage, ihre Region voranzubringen.

In Erzählsalons teilen Menschen ihre Erfahrungen und Wünsche für die Zukunft

Den Schlüssel dazu findet man über das Erzählen von Geschichten, über den Austausch von Alltagserlebnissen, weiß Katrin Rohnstock, Inhaberin von Rohnstock Biografien. „In den kleinen Geschichten steckt die große Geschichte. Und die Identität der Erzähler sowie der Orte, in denen die Erzähler leben.“ Inzwischen fanden 25 Erzählsalons an fünf Lausitzer Projekt-Orten statt, neben Marga in Sedlitz, Lauchhammer, Plessa und Geierswalde. Auch in anderen Orten etablierten sich im Laufe der Zeit solche Salons. Im Kulturhaus, in Clubs, in Gaststätten und in Gemeinderäumen teilten rund 300 Erzähler miteinander ihre Erfahrungen und Wünsche für die Zukunft.

Einer von ihnen ist Walter Karge. Seine Großeltern kamen um 1908 nach Marga, wo eine Werkssiedlung für die gleichnamige Braunkohlengrube entstand. „Wie die meisten Jungs aus unserer Gegend landete ich im Bergbau und lernte in Brieske, einem Ortsteil von Senftenberg, im Braunkohlenwerk Schlosser.“ Später studierte er, arbeitete als Bergmaschinentechniker und wurde 1992 Betriebsdirektor für die Tagebaustätten Meuro und Klettwitz-Nord.

Dass sich überhaupt jemand für ihre Geschichte interessiert, begeistert die Erzählenden, vom Unternehmer bis zum Arbeitslosen, vom Kneipier bis zur Kindergärtnerin, vom Schlosser bis zum Ingenieur. Es sollen nicht nur jene erreicht werden, die schon immer überall mitreden und engagiert sind, sondern auch die, nach denen keiner mehr fragt. „Wir haben die Bewohner eingeladen, in Erzählsalons ihre Geschichten zu erzählen, um dadurch zu entdecken, über welche Potenziale die Hiergebliebenen verfügen, an die man anknüpfen kann“, sagt Katrin Rohnstock. „Diese Ressourcen der Menschen sichtbar zu machen, aus ihnen neue Energien schöpfen – das ist die Idee des Projektes.“ Der Erfolg könne auch anderen Regionen in Deutschland Ansporn sein.