Im Schacht verhungert: Warum der BER eine Todesfalle für Vögel ist

Seit Jahren weisen Naturschützer auf die Gefahren am Berliner Flughafen hin. Doch das Sterben geht weiter. Nun schlagen sie Alarm – nicht zum ersten Mal.

Menschen auf der Besucherterrasse des BER. Auch dieser Bereich ist mit Glas gestaltet.
Menschen auf der Besucherterrasse des BER. Auch dieser Bereich ist mit Glas gestaltet.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Tote Turmfalken. Tote Rotkehlchen. Eine tote Waldschnepfe, eine tote Heidelerche, viele andere tote Singvögel. Die Berliner Vogelexpertin Claudia Wegworth und ihre Mitstreiter haben zahlreiche Fotos dieser Art gesammelt. Alle Tiere sind am Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER, gestorben. Sie sind gegen Glasfassaden geprallt, in Schächte gestürzt. Jetzt haben sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie weitere Verbände erneut mit einem offenen Brief an die Flughafengesellschaft FBB gewandt. Ihre Forderung ist unverändert: Am Hauptstadt-Flughafen müssen „endlich wirksame Vogelschutzmaßnahmen vollumfänglich umgesetzt werden“.

„Seit der Eröffnung des BER erreichten Natur- und Tierschützer viele Berichte und Fotos von toten und verletzten Vögeln, die mit Glasflächen kollidiert und zu Tode gekommen sind“, heißt es in dem Schreiben, das dem Aufsichtsrat und der Geschäftsführung der FBB zugegangen ist. „Trotz intensiver Bemühungen, den Verantwortlichen die Todesfallen am Flughafen zu zeigen und zu entschärfen, hat sich bislang nur wenig getan.“ Deshalb treten die Berliner und Brandenburger Landesverbände des BUND, des Naturschutzbunds Nabu und des Tierschutzvereins nun erneut an die Öffentlichkeit. Der offene Brief wurde auch dem Umwelt- und Infrastrukturministerium zugeleitet.

Allein in Deutschland sterben jedes Jahr 18 Millionen Vögel durch Kollisionen

Vögel erkennen transparentes Glas nicht als Hindernis, und sie können Spiegelungen der Umgebung nicht als solche erkennen, warnen die Fachleute. „Zudem werden sie bei Dunkelheit von illuminierten Gebäuden angelockt und kollidieren dann mit deren Fassaden. Allein am Hauptgebäude des Terminals 1 des BER wurden mehr als 20.000 Quadratmeter Glas verbaut, die Glasflächen der fast 1,5 Kilometer langen Abflugpiere nicht eingerechnet.“ Anprall an Glas sei weltweit eine der häufigsten von Menschen verursachten Todesursachen bei Vögeln, so die Verbände. Der Bund schätzt, dass allein in Deutschland jedes Jahr 18 Millionen Vögel durch Zusammenstöße mit Glas sterben.

Gegen die Fassade geprallt, in einen Lichtschacht gestürzt und dort verendet: ein toter Turmfalke am BER.
Gegen die Fassade geprallt, in einen Lichtschacht gestürzt und dort verendet: ein toter Turmfalke am BER.Sammlung Claudia Wegworth

„Zahllose Anprallspuren und Federfunde geben Aufschluss über die dramatische Anzahl der Kollisionsopfer am BER. Viele der verletzten Tiere verenden qualvoll in den Lichtschächten zwischen den Terminalgebäuden“, berichtete Manuela Brecht, Naturschutzreferentin des Nabu Brandenburg. Das Problem sei der Flughafengesellschaft seit 2012 bekannt, als bei einem Massenanflug zahlreiche Rotkehlchen und Singdrosseln zu Tode kamen. Brecht: „Geändert hat sich bisher viel zu wenig“ – obwohl die Verbände zuletzt 2021 Alarm geschlagen haben. Damals forderten sie: „Maßnahmen gegen Vogelschlag am Glas des BER sind dringend erforderlich.“

Experten fragen die Flughafengesellschaft: Warum nutzt Ihr unsere Expertise nicht?

In dem neuen offenen Brief verlangen sie, die Situation gemeinsam mit Experten zu begutachten und zu bewerten. Das „komplette Ausmaß der tödlichen Vogelfallen“ müsse festgehalten werden, hieß es. Alle bestehenden Problembereiche müssten endlich vogelsicher nachgerüstet werden. „Die bisherigen Einzelmaßnahmen sind unzureichend“, warnen die Verbände. Darüber hinaus müssten auch die noch geplanten Bauten mit hochwirksamem Vogelschutzglas ausgestattet werden. Nächtliche Beleuchtung, die Vögel anlocke, müsse gedimmt werden. Artenschutzmaßnahmen zu Licht und Glas könnten „einfach und kostengünstig umgesetzt werden“, hieß es.

In diesem Sommer habe man angefangen, die frei stehenden Glaswände an der Auffahrt zum Terminal mit Vogelschutzfolie zu bekleben, berichtete Claudia Wegworth vom BUND Berlin. „Aber es fehlen immer noch Bereiche und dort, wo die Scheiben nicht markiert sind, kollidieren weiterhin Vögel.“ Zudem sei die Markierung der Glasgeländer „allenfalls ein kleiner Schritt“, warnte Wegworth. „Das viel größere Problem ist das Gebäude selbst.“ Bei ihrem jüngsten Besuch vor zwei Wochen habe sie am linken Abfertigungspavillon angefangen, Abdrücke zu zählen. „Ich habe bei 30 aufgehört, da war ich noch nicht einmal am Hauptterminalgebäude angekommen.“

Auch diese Waldschnepfe kam am Hauptstadt-Flughafen in Schönefeld ums Leben. Die Verbände bekommen immer wieder solche Aufnahmen von Menschen, die am BER arbeiten.
Auch diese Waldschnepfe kam am Hauptstadt-Flughafen in Schönefeld ums Leben. Die Verbände bekommen immer wieder solche Aufnahmen von Menschen, die am BER arbeiten.Sammlung Claudia Wegworth

Das andere große Problem seien die Lichtschächte zwischen den seitlichen Pavillons und dem Hauptgebäude. „Die Vögel kollidieren oben mit den Glaswänden und fallen dann in diese Schächte. Dort schaffen sie es aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Wenn man sie dort nicht herausholt, fliegen sie von innen so lange gegen die Scheiben, bis sie tot sind, oder sie verhungern dort.“ Im Frühsommer wurden dort fast täglich verletzte junge Dohlen oder Turmfalken von Beschäftigten am BER geborgen. Die Schächte müssten nach oben hin geschlossen werden, analysierte die Vogelexpertin. Sie fragt sich, warum die Flughafengesellschaft nicht die Naturschützer zurate zieht und ihre Expertise nutzt.

Viel Glas und nachts beleuchtet. Das Terminal 1 des Flughafens Berlin Brandenburg, kurz BER, ist ein architektonisches Schmuckstück. Doch für Vögel sind die Glasfassaden und die Beleuchtung eine Gefahr.
Viel Glas und nachts beleuchtet. Das Terminal 1 des Flughafens Berlin Brandenburg, kurz BER, ist ein architektonisches Schmuckstück. Doch für Vögel sind die Glasfassaden und die Beleuchtung eine Gefahr.dpa/ Bernd von Jutrczenka

„Wir sind in fachlicher Abstimmung mit der für den BER zuständigen Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald, mit der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz und mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz in Brandenburg“, sagte Flughafensprecherin Sabine Deckwerth auf Anfrage.

„Signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“

Bei der Unteren Naturschutzbehörde zweifelt niemand daran, dass hier ein „signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“ im Sinne des Paragrafen 44 des Bundesnaturschutzgesetzes vorliegt, entgegnete Claudia Wegworth. Es müsse endlich mehr geschehen, forderte die Ornithologin. Fast täglich kämen Vögel am Flughafen ums Leben. „Jedes Jahr, in dem hier nichts passiert, geht das Vogelsterben am BER weiter.“