Seit 2016 ist Dilek Kalayci Gesundheitssenatorin für Berlin. 
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BerlinOpposition und Bezirke kritisieren Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon seit Wochen scharf. Nun mehren sich auch die verzweifelten Stimmen aus dem Roten Rathaus: Kalayci sei oft schlecht vorbereitet, sie habe das Thema Corona „nicht durchdrungen“, heißt es aus Kreisen des Senats. Die Öffentlichkeitsarbeit ihres Hauses liefere in der Krise nicht die dringend benötigten Fakten. „Wir verzweifeln!“

Es sind mehrere Kritiker aus Regierungskreisen, sie wollen anonym bleiben. Doch sie zählen unabhängig voneinander dieselbe Mängelliste für Kalaycis Arbeit auf, die im Senat mit zunehmendem Ärger betrachtet werde.

Die Infektionsampel, mit der der Senat vergangene Woche Grenzwerte für einen neuen Shutdown festlegte, sei im Grunde sehr sinnvoll. Doch die drei Indikatoren – Reproduktionsfaktor, Auslastung der Intensivbetten und die Zahl der neu Infizierten - lassen sich von Abgeordneten wie Öffentlichkeit nicht selbst berechnen. Die Gesundheitsverwaltung muss die Daten liefern. Erst nach sieben Tagen habe Kalayci in der Senatssitzung am Dienstag den Überblick über die gesamte Woche vorgestellt. Das aber reiche nicht aus, der Senat brauche ein tägliches Reporting. Nur so sei ein enges Monitoring und rechtzeitiges Eingreifen möglich. Die Öffentlichkeit erhielt nicht einmal den 7-Tage-Überblick, sondern lediglich die Indikatoren-Werte für den Dienstag.

Kritik: Amtsärzte nicht genügend einbezogen

An der Entwicklung der neuen Teststrategie, mit der der Senat verstärkt symptomlose Menschen auf Corona untersuchen will, trage die Gesundheitssenatorin keinen Anteil. Kalayci sei daran gescheitert – nur deswegen habe der Regierende die zentrale Aufgabe dem Krisenteam in der Senatskanzlei übertragen. Das könnte erklären, warum Kalayci in der Pressekonferenz vor allem vom Blatt ablas und wesentliche Infos zur beschlossenen Strategie unterschlug. Sie berichtete zum Beispiel nicht von dem konkreten Vorhaben, an Schulen und Kitas mit mobilen Teams stichprobenartig alle drei Monate 40 Kinder mit Rachenabstrich und auch Blutabnahme für einen Immunitätstest zu untersuchen.

Die Amtsärzte und Gesundheitsstadträte in den Bezirken beklagten bereits vorab, dass sie von den Diskussionen um die neue Strategie ausgeschlossen wurden. Nun wurde eine zentrale Steuerungsgruppe für die Umsetzung eingerichtet, in der neben Senatskanzlei, Verwaltung, den Klinikbetrieben Vivantes und Charité auch die Stadträte vertreten sind. Das aber ändere nichts am Kernproblem, betont Detlef Wagner, Gesundheitsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf: „Die Front wurde an der Entwicklung nicht beteiligt.“

Gesundheitsämter leiden unter massiven Personalmangel

Die Gesundheitsämter sind maßgeblich für die Testungen in den Bezirken zuständig. Sie kritisieren seit Langem, dass sie die Pandemie-Eindämmung nur stemmen können, weil sie sich massiv Personal aus anderen Behörden geliehen haben. In Charlottenburg-Wilmersdorf sind von 160 Pandemie-Bekämpfern 60 ausgeliehen. Die würden nun abgezogen, so Wagner. Da sei es unmöglich, noch mehr Tests zu stemmen. Die Ausweitung der Tests sei richtig, aber: „Das geht nicht mit meinem Personal.“

Immerhin in Bezug auf die geplanten aufwendigen Testungen an Schulen hatte Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) - im Auftrag von Müller nun einer der führenden Köpfe in der Steuerungsgruppe - nach ersten Beratungen am Mittwoch gute Neuigkeiten: Man wolle die Gesundheitsämter nicht weiter belasten. „Die Tests an den Schulen übernehmen Ärzte der Charité.“

Grünen-Fraktionsvorsitzende Silke Gebel sagte der Berliner Zeitung, sie erwarte von der Steuerungsgruppe eine strukturierte Begleitung, in der „stärker als bisher auf die Bezirke gehört“ werde. Die Gesundheitsämter seien über Jahrzehnte ausgeblutet worden. Ihnen dürften keine neuen Aufgaben aufgebürdet werden. „Sie müssen mehr Personal erhalten.“