Storkow - Das rot-weiße Flatterband sieht verwittert aus. Es spannt sich seit zweieinhalb Jahren von einem Baum zum anderen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, die Polizeiabsperrung aufzuheben. Warum auch? Der Weg dorthin führt durch ein sumpfiges Gebiet, durch dichtes Gestrüpp, das ins Gesicht peitscht, vorbei an abgestorbenen Erlen, über grünlich schimmernde Wassergräben, durch Moorlöcher, deren Oberfläche von braun gewordenem Laub abgedeckt wird und trügerisch wie sicherer Waldboden wirkt. Die wirklich kleinen, festen und doch schwankenden Inseln wölben sich um die dünnen, morschen Baumstämme, die brechen, wenn man sich an ihnen festhalten will. Freiwillig geht niemand hier durch.

Das Flatterband umschließt ein Gebiet, in dem sich die Opferinsel befindet. Ein zwei Quadratmeter großes Eiland, auf der ein verschleierter Täter, der Maskenmann, einen entführten Investmentbanker abgelegt und fest mit Paketband verschnürt zurückgelassen haben soll. Das Areal liegt am Ufer des Großen Storkower Sees zwischen dem Storkower Ortsteil Hubertushöhe und der Gemeinde Wendisch Rietz. Ein schmaler, holpriger Knüppeldamm führt hundert Meter vom Ufer entfernt durch dieses unwirtliche Sumpfgebiet.

Axel Weimann und Christian Lödden haben an einem sonnigen Tag Mitte März ihre Anwaltsroben und auch ihre Anzüge im Schrank gelassen. Sie haben das Auto am Ortsrand abgestellt, sind in ihre Wathosen gestiegen und durch den Wald zum Knüppeldamm gelaufen. Vorbei an einer menschenleeren Badestelle und einem Hochsitz, an dem ein Schild darauf hinweist, dass der Weg von einer Kamera überwacht wird.

Vom Knüppeldamm springen die Anwälte, die wie Angler aussehen, hinunter auf den leicht wogenden Boden des sumpfigen Erlenbruchwaldes. „Keine 100 Meter sind es von hier bis zur Opferinsel“, sagt Weimann, er zeigt durch das Gestrüpp in Richtung Wasser, das weit hinter dem Flatterband hell durch die Bäume schimmert. Weimann, 52, ist das vierte Mal hier.

Der Gang zu der Opferinsel ist mühsam. Selbst für Christian Lödden, 30, der erst vor Kurzem beim Tough- Guy-Lauf in England mitgemacht hat und ein versierter Rugbyspieler ist. Immer wieder versinken die Männer im Morast, immer wieder saugen sich die Gummistiefel ihrer wasserundurchlässigen Hosen am Boden der Sumpflöcher fest. Es ist die Strecke, die im Oktober 2012 auch die Geisel auf der Flucht zurückgelegt haben muss. Nur in die entgegengesetzte Richtung. Von der Insel im Sumpf zum Knüppeldamm. Im Dunkeln und auf Strümpfen.

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Angeklagter Mario K. hat kein Alibi

Weimann und Lödden sind die Verteidiger von Mario K., der in Frankfurt an der Oder seit knapp einem Jahr vor Gericht steht. Mario K., 47, soll der unheimliche Maskenmann sein, der in den Jahren 2011 und 2012 in Bad Saarow und Storkow mit einer Art Gaze vor dem Gesicht zwei wohlhabende Berliner Familien überfallen und dabei auch den Banker entführt hat. Hass auf Reiche soll das Motiv gewesen sein. Dass die Taten irgendwie zusammenhängen, ist klar. Bei den Überfällen schoss der Täter aus derselben Waffe, einer Ceska. Aber ist Mario K. dieser Maskenmann? Der Sumpf, da sind sich die Anwälte sicher, entlastet ihn.

Die Staatsanwaltschaft hat vor Gericht eine scheinbar lückenlose Indizienkette präsentiert, die die Schuld von Mario K. belegen soll. Der durchtrainierte Mann hat für die Tatzeiten kein Alibi. Er ist ein Einsiedler, der sich in sumpfigen Gebieten auskennt. Er saß bereits mehrere Jahre im Gefängnis. 1997 hatte er in einem Lokal in Berlin um sich geschossen – mit einer Ceska. Im Jahr 2004 wurde Mario K. gefasst, nachdem er mehrere Jachten angezündet hatte.

Er war dabei mit einem Kajak unterwegs. Ein Förster entdeckte sein Zelt auf einem morastigen Eiland im Köpenicker Seddinsee, er rief die Polizei. Den Beamten sprang Mario K. mit schwarzem Neoprenanzug und geschwärztem Gesicht entgegen. Für fünf Jahre und drei Monate musste er ins Gefängnis.

Nach seiner Haftentlassung trainierte er in einem Schützenverein – mit einer Ceska. Und bei Mario K. wurden die gleichen Briefmarken entdeckt, die auch auf den Erpresserbriefen klebten, mit denen der Täter seine Geisel freipressen wollte. Die Marken „600 Jahre Universität Leipzig“ wurden im Jahr 2009 gedruckt. In einer Auflage von 912 Millionen Stück. Doch trotz allem haben selbst erfahrene Ermittler Zweifel, dass Mario K. der Täter ist. Er selbst beteuert, der Falsche zu sein.

Die Kugel trifft den Leibwächter

In dem Prozess geht es schon lange nicht mehr um Mario K., um die Taten. Im Mittelpunkt steht die merkwürdige Ermittlungsarbeit der Polizei. Es geht um berechtigte Fragen, die die Fahnder den Opfern aber nicht stellen durften. Um Spuren, die bewusst unbeachtet blieben. Um Dinge, die Mario K. entlastet hätten, die aber, so sieht es jedenfalls aus, aus Polizeiberichten gestrichen wurden. Offenbar war alles irgendwann nur noch dem einen Ziel untergeordnet: nach zwei Jahren Fahndung nach einem Phantom sollte der Öffentlichkeit endlich ein passender Täter präsentiert werden. Mario K. passte.

Die erste Tat, die er begangen haben soll, ereignet sich am 22. August 2011 in Bad Saarow. Petra P. ist an diesem Montag allein in ihrer Villa. Sie lebt getrennt von ihrem Ehemann, einem einflussreichen Berliner Immobilienunternehmer. Zunächst ist es ein Tag wie jeder andere, sagt sie später im Prozess. Nur ihre drei Hunde bellen wie wild. Gegen 22 Uhr lässt die 58-Jährige die Tiere noch einmal hinaus. Sie öffnet die Tür. Die Hunde stürzen in die Dunkelheit. Als Petra P. ihnen folgt, kommt eine dunkle Gestalt mit Sturmhaube aus dem Gebüsch gesprungen, tänzelt geduckt wie ein Boxer auf sie zu und prügelt im Stakkato mit einem Schlagstock auf sie ein.

Petra P. fallen an der Sturmhaube die weißen Nähte um die Öffnungen für Augen und Mund auf. Sie beschreibt den Täter als durchtrainiert und nicht sehr groß. Sie sieht sehr markante, sehr helle, furchtbar bösartige Augen, einen rotblonden Drei-Tage-Bart auf der Oberlippe, helle Augenbrauen, Sommersprossen. Petra P. ist sicher: Der Unbekannte will sie töten. Sie überlebt schwer verletzt, weil ihr aus dem Nachbargebäude eine Haushälterin zu Hilfe eilt.

Mario K. passt so gar nicht zu der Beschreibung. Er hat kurze brünette Haare, einen dunklen Vollbart, dunkle Augenbrauen. Er ist 1,85 Meter groß. Trotzdem betont Petra P. vor Gericht immer wieder, dass er der Täter ist.

Zwei Monate bleibt es nach dem Überfall ruhig. Die Polizei rätselt über das Motiv der Tat. Liegt es in den Immobiliengeschäften der Familie in Bad Saarow, den Berliner Unternehmungen oder im privaten Bereich? Noch bevor die Fahnder eine Spur finden, schlägt offenbar derselbe Täter wieder zu.

Am Morgen des 2. Oktober 2011 schießt ein maskierter Mann in Bad Saarow mit einer Ceska auf Louisa P., die 23-jährige Tochter von Petra P. Die junge Frau kann unverletzt fliehen, weil sich ihr Leibwächter, der nach dem Überfall auf ihre Mutter engagiert wurde, dem Täter in den Weg stellt. Ein Schuss trifft den Bodyguard im Rücken. Sieben Monate liegt der 31-Jährige im Krankenhaus, er ist vom zwölften Brustwirbel abwärts gelähmt.

Der Leibwächter rollt jeden Verhandlungstag im Rollstuhl in den Gerichtssaal. Er stellt den maskierten Täter als sportlichen, 1,80 Meter großen Mann dar. Als geübten Schützen, der nicht zum ersten Mal auf einen Menschen geschossen hat. Er sagt nicht, dass er in Mario K. den Schützen wiedererkennt.

Lesen Sie weiter, wie der Investmentbanker Stefan T. von seiner Entführung in die Sumpflandschaft des Erlenbruchwalds durch einen maskierten Mann berichtet.