Berlin - Je größer, desto besser! Die Diskussion über die Erderhitzung lässt die meisten Autokäufer in Berlin offenbar kalt. Der Trend geht zum voluminösen Fahrzeug – allen Klimadebatten zum Trotz. Während in Berlin die Zahl der Kleinwagen stagniert und die Mittelklasse-Flotte in den vergangenen sechs Jahren sogar geschrumpft ist, stieg die Zahl der SUV und der Geländewagen deutlich an. Das zeigen Daten des Kraftfahrt-Bundesamts, die eine Tochtergesellschaft des Meinungsforschungsinstituts infas zusammengestellt und aufbereitet hat. So hat sich die Zahl der SUV, deren Kennzeichen mit B wie Berlin beginnt, von 2014 bis 2020 mehr als verdreifacht. Während der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) Verständnis für die Entwicklung äußert, kommt von der Linken scharfe Kritik.

Die Ära des Autos ist in Berlin noch nicht vorbei – allen Träumen von Grünen und Klimaaktivisten zum Trotz. Das zeigen die Daten zum Pkw-Bestand, mit denen sich infas 360 befasst hat. „Die einfache Botschaft ist, dass die Zahl der Autos in Berlin steigt und nicht sinkt“, sagte Robert Follmer, der bei infas die Verkehrs- und Regionalforschung leitet. Ein weiterer Befund: „Es gibt mehr große Autos – also auch mehr Platzbedarf. Und eine Wende ist nicht sichtbar.“

Immer mehr Dienstwagen

Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin wünscht sich, dass die Bürger auf das Fahrrad oder den Nahverkehr umsteigen. Doch aus den Daten geht hervor, dass die Zahl der Autos in Berlin weiter steigt. Von 2014 bis 2020 nahm sie um mehr als 67.000 zu, das sind 5,8 Prozent mehr. Waren zu Beginn dieser Zeitspanne rund 1,154 Millionen Pkw in Berlin zugelassen, wuchs die Zahl in den folgenden Jahren auf über 1,221 Millionen. Auffällig ist der große Zuwachs bei gewerblich genutzten Pkw, deren Zahl um 22,7 Prozent auf fast 167.000 anwuchs. „Das lässt sich vor allem damit erklären, dass auch in Berlin immer mehr Dienstwagen genutzt werden“, erklärte Andreas Knie, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin. Große Unternehmen sind in zunehmenden Maße in der Stadt präsent – und bei ihnen gehören solche Fahrzeuge dazu. „Mit Dienstwagen lassen sich Steuern sparen“, so Knie.

Bei der Auswertung der Daten für 2014 und 2020 sticht ein weiterer Befund ins Auge. Zwar stieg die Zahl der Minis in Berlin um 18,3 Prozent auf mehr als 102.000. Ansonsten lässt sich aber feststellen, dass kleine Autos und Mittelklassewagen in der Gunst der Autofahrer gesunken sind. So betrug der Zuwachs bei den Kleinwagen gerade mal 0,1 Prozent. Im vergangenen Jahr gab es rund 228.000 Fahrzeuge in diesem Segment. In der Kompaktklasse ging die Zahl der Autos um 3,8 Prozent auf 307.000 zurück. Noch stärker war der Rückgang in der Mittelklasse, die um 18,3 Prozent auf knapp 156.000 Fahrzeuge schrumpfte. In der oberen Mittelklasse summierte sich die Abnahme immerhin auf 9,6 Prozent. Dort sank der Bestand auf rund 62.000.

Dagegen gilt immer mehr das Motto: Big is beautiful! So expandierte die Pkw-Oberklasse in Berlin um 11,8 Prozent auf knapp 12.000 Autos. Die Zahl der SUV stieg sogar um 216,5 Prozent auf fast 91.000 an. Bei den Geländewagen nahm der Bestand um immer noch stattliche 74,4 Prozent zu – auf mehr als 58.000. Auch bei den Sportwagen verzeichnet die Statistik eine Zunahme: um 13,6 Prozent auf über 21.000. Die Zahl der Mini-Vans stieg in Berlin um 5,3 Prozent – auf mehr als 54.000. Hinzu kommen ungefähr noch mal so viele Großraum-Vans. Dort betrug der Zuwachs 12,7 Prozent.

Nicht zu vergessen die Utilities – also die Pickups, Hochdachkombis und Kleinbusse, die als Pkw zugelassen sind. In diesem Segment verzeichneten die Berliner Zulassungsbehörden einen Anstieg um 4,8 Prozent, sodass es hier im vergangenen Jahr fast 59.000 solcher Fahrzeuge gab. In der Rubrik „sonstige“ ergab die Auswertung einen Rückgang um 24 Prozent auf knapp 15.500 Fahrzeuge.

So weit die Zahlen. Die Kommentare fallen unterschiedlich aus. „Es fällt auf, dass sich vor allem die Zahl überdimensionierter Pkw auf unseren Straßen erhöht hat“, sagte der Linken-Verkehrspolitiker Kristian Ronneburg. „Das ist ein Trend, der sehr bedenklich ist, wenn immer mehr SUV und Geländewagen unterwegs sind, die einen hohen Verbrauch haben, übermotorisiert sind, enorm viel Platz wegnehmen und aufgrund ihrer Robustheit bei Unfällen oftmals schwerwiegende Folgen verursachen.“ Der Abgeordnete forderte Tempo 30, mehr Maßnahmen gegen Raser und niedrige Emissionsgrenzwerte.

In der Oberliga der Autostädte spielt Berlin nicht mit

Dagegen sprach sich ADAC-Sprecherin Sandra Hass dafür aus, die Entwicklung differenziert zu betrachten. Mittlerweile greife bundesweit jeder fünfte Autokäufer zu einem SUV, berichtete sie. „Als Hauptanschaffungsgründe nennen Verbraucher Komfort und Sicherheit: die bessere Übersicht, den bequemen Einstieg, was besonders älteren Autofahrern wichtig ist, das variable Platzangebot und vor allem das höhere Sicherheitsempfinden.“ Darauf reagierten die Hersteller. Allerdings würden die oft gescholtenen wuchtigen Modelle, die kaum in eine Parklücke passen, kaum häufiger gekauft als vorher. „Viel stärker gefragt und auch preislich günstiger sind die kompakten Kleinwagen-SUV“, so Hass. Sie seien „durchaus stadttauglich“, weil sie in Sachen Parkraumbedarf nicht viel anspruchsvoller als Fahrzeuge der Kompaktklasse seien.

Mit günstigen Leasingangeboten versuche die Autoindustrie den Verbrauchern SUV schmackhaft zu machen, so Mobilitätsforscher Knie. „Nach dem Motto: Bevor die Dinger auf dem Hof bleiben, bieten wir sie für wenige hundert Euro im Monat an.“ Das treffe sich mit dem Wunsch vieler Verbraucher, auch in Berlin. „Weiterhin gibt es Menschen, die gern mit einem großen Auto repräsentieren wollen.“

Immerhin einen positiven Trend kann Tilmann Heuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erkennen. „Auch wenn der Autobestand in Berlin leider weiter wächst, so nimmt er doch unterproportional zur Zahl der Einwohner zu“, analysierte er. Anders formuliert: Die Zahl der Pkw pro tausend Einwohner sinkt. Eine Auswertung der Daten ergab, dass sie in Berlin von 2014 bis 2020 von 328 auf 324 zurückgegangen ist. Im Vergleich zu fast allen Metropolen der westlichen Welt gilt die Stadt als untermotorisiert. In der Oberliga der Autostädte spielt Berlin nicht mit.