Zügig unterwegs: Ein Radfahrer in der Innenstadt. Auf vielen Verbindungen kommt man inzwischen auf diesem Weg schneller voran als mit dem Auto.
Foto: Monika Skolimowska/dpa

BerlinDie Zahlen sind eindeutig: In Berlin wird das Fahrrad immer beliebter. Der Anteil der Menschen, die es regelmäßig als Verkehrsmittel nutzen, nimmt zu. Sicher fühlen sich viele Berliner Radfahrer trotz grüner Verkehrspolitik allerdings nicht. Zu diesen Ergebnissen kommt der jüngste Fahrrad-Monitor des Bundes. „Da ist noch Luft nach oben für die Verkehrsverwaltung“, sagte der SPD-Abgeordnete Sven Kohlmeier. Er hatte beim Senat eine Anfrage zum Radverkehr gestellt.

Der gläserne Radfahrer: So könnte man den Zweck des Fahrrad-Monitors beschreiben, den das Bundesverkehrsministerium alle zwei Jahre in Auftrag gibt. Fahren Männer und Akademiker häufiger Rad als Frauen und Handwerker? Haben Radfahrer Angst? Oder vor allem Spaß? Darauf halten die Ergebnisberichte der Online-Befragung Antworten bereit.

Wenn ein Bundesland es etwas genauer wissen will, kann es Geld für zusätzliche Befragungen ausgeben. „Für den Fahrrad-Monitor 2019 hat Berlin eine Aufstockerstichprobe finanziert, um berlinspezifische Aussagen zu bekommen“, teilte Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese (Grüne) in seiner Antwort auf Kohlmeiers Anfrage mit. Insgesamt ließen sich mehr als 500 Berlinerinnen und Berliner von dem Markt- und Sozialforschungsinstitut Sinus befragen.

Zu Beginn ein Vergleich: Beim Fahrrad-Monitor 2017 gaben 37 Prozent der Berliner zu Protokoll, dass sie täglich oder mehrmals wöchentlich in die Pedale treten. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil der regelmäßigen Fahrrad- und Pedelec-Nutzer in Berlin dagegen 44 Prozent. „Die Förderung des Fahrrads in der Bundeshauptstadt zeigt Wirkung“, lautete die Erklärung. Der aktuelle Wert entspricht genau dem Bundesdurchschnitt, in Bayern liegt er höher. Offensichtlich „macht dem Fahrrad das breite Verkehrsmittelangebot mit gut ausgebautem öffentlichem Nahverkehr, Car Sharing und Ride Sharing durchaus Konkurrenz“, so die Analyse für Berlin.

Dabei ist das Fahrrad auch in Berlin mehr als ein Freizeitvehikel für Wochenend‘ und Sonnenschein: 40 Prozent der Befragten nutzten es als Verkehrsmittel im Alltag, ein Zuwachs um neun Prozentpunkte. Im Bundesvergleich ist das ein auffällig hoher Wert. Dagegen verlor das Auto in der Hauptstadt deutlich an Bedeutung – zumindest für die Teilnehmer des Fahrrad-Monitors. 43 Prozent nutzten es regelmäßig, zwei Jahre vorher waren es genau die Hälfte. Die Bedeutung des öffentlichen Verkehrs blieb mit einem Anteil von 62 Prozent annähernd gleich.

Die Studie zeigt aber auch, dass das Fahrrad weiterhin nicht für jedermann das Verkehrsmittel der Wahl ist. 49 Prozent der befragten männlichen Berliner schwingen sich regelmäßig auf den Sattel, aber nur 39 Prozent der befragten weiblichen. Bei den Hauptstädtern, die ein niedriges Bildungsniveau haben, betrug der Anteil gerade mal 34 Prozent – bei den Berlinern mit hohem Bildungsniveau dagegen 55 Prozent. Für das Alter gilt: Je älter ein Berliner ist, desto seltener tritt er in die Pedale.

Angst vor Türen, die sich öffnen

In Berlin bewerteten überdurchschnittlich viele Umfrageteilnehmer, insgesamt 55 Prozent, die Fahrradfreundlichkeit der Landesregierung als sehr gut, gut oder befriedigend. Doch für den Senat ist das kein Grund zum Ausruhen. Denn längst nicht jeder Berliner ist mit Freude radelnd unterwegs, und viele haben ein mulmiges Gefühl, wie weitere Ergebnisse vor Augen führen. Sie unterstützen die These, dass in Berlin nicht wegen, sondern trotz der vorhandenen Infrastruktur Rad gefahren wird. „In meiner Stadt macht mir Radfahren Spaß“: Von den Berlinern, die an der Online-Befragung teilnahmen, stimmten dieser Aussage nur 43 Prozent zu. Im Bundesdurchschnitt waren es immerhin 46 Prozent. „Dem Fahrrad wird genug Raum gegeben, die Wege sind ausreichend breit“: Das fanden 40 Prozent der befragten Berliner, zwei Prozentpunkte weniger als der Bundesdurchschnitt.

Auch beim subjektiven Sicherheitsgefühl schnitt die Hauptstadt schlecht ab. „Am sichersten fühlen sich die Radfahrenden in Bayern (61 Prozent) und am wenigsten sicher in Berlin (44 Prozent)“, fassen die Autoren der Studie zusammen. Auf Bundesebene betrug der Durchschnitt 56 Prozent. Warum fühlen sich Berliner Radler unsicher? Staatssekretär Streese Daten nannte einige Gründe aus dem Fahrrad-Monitor: „rücksichtslose Autofahrer“, „zu viel Verkehr auf den Straßen“, „Gefahr von sich plötzlich öffnenden Türen von parkenden Fahrzeugen“ – genau die Kritikpunkte, auf die auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und der Verband „Changing Cities“ hinweisen.

Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sei Ende 2016 angetreten, das Fahrradfahren sicherer zu machen, sagte der SPD-Abgeordnete Kohlmeier. „Davon ist Berlin leider weit entfernt.“ Die Ergebnisse der Studie zeichnen „kein so gutes Bild über die Entwicklung der Fahrradinfrastruktur in Berlin“. Obwohl die „Vision Zero“ vorsieht, den Verkehr sicherer zu machen, gebe es weiterhin viele Unfälle mit Verletzten und Getöteten. Senatsdaten zeigen, dass es auch bei den Radunfällen ausgeprägte Unfallschwerpunkte gibt – unter anderem das Kottbusser Tor in Kreuzberg, die Kreuzung Frankfurter Allee/Möllendorffstraße in Lichtenberg und die Schönhauser Allee/Wichertstraße in Pankow.

Seit Beginn des Jahres sind in Berlin 33 Menschen im Straßenverkehr getötet worden – 2019 waren es im selben Zeitraum 16, teilte die Polizei am Montag mit. Die Zahl der getöteten Fußgänger stieg von acht auf zwölf, die der getöteten Radfahrer von vier auf zehn.

Auf der Frankfurter Allee wird stadtauswärts ein Radfahrstreifen angelegt. Am Montag begannen die Arbeiten. Zunächst wurden alte Fahrbahnmarkierungen abgefräst. Neben der Baustelle staute sich der Verkehr.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Berliner Teilnehmer des Fahrrad-Monitors wünschten sich, dass der Rad- vom Kraftfahrzeugverkehr getrennt wird. Das geschieht nun in der Frankfurter Allee in Friedrichshain. Dort lässt das Bezirksamt auf der Fahrbahn stadtauswärts einen Radfahrstreifen anlegen, der mit rot-weißen Trennelementen („Leitboys“) geschützt wird. Das geht auf Planungen zurück, die der damalige Leiter der Abteilung Verkehr in der Senatsverwaltung, Burkhard Horn, auf den Weg brachte – im Jahr 2016. Manches in Berlin dauert eben etwas länger.




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