Sven Heinemann ist erleichtert. „Gut, dass sich das Eisenbahn-Bundesamt jetzt um dieses Problem kümmert“, sagt der SPD-Abgeordnete aus Friedrichshain. Die Aufsichtsbehörde hat ein Thema aufgegriffen, das ihm auf den Nägeln brennt. Heinemann und der Fahrgastverband IGEB bemängeln, dass im Bahnhof Ostkreuz immer mehr Verkaufspavillons entstehen.

Die Bauten nehmen Platz in Anspruch, der an dem stark genutzten Knotenpunkt eigentlich für die Fahrgäste benötigt wird. Jetzt hat sich das Amt, das auch Aufgaben der Bauaufsicht wahrnimmt, mit der Bahn in Verbindung gesetzt. Sie muss nachweisen, dass bei dem Bau der „Vermarktungsstätten auf den Bahnsteigen“ alle Bestimmungen eingehalten werden. Dem Vernehmen nach geht es auch um die Fluchtwege.

„Das wird ganz schön eng im Berufsverkehr“

Mit 210.000 Reisenden und Besuchern pro Tag ist das Ostkreuz einer der wichtigsten Bahnhöfe Berlins. In dem Knotenpunkt am Rande von Friedrichshain kreuzt der Ring nicht minder stark genutzte Ost-West-Linien der S-Bahn. Auch im Regionalverkehr wird das Ostkreuz immer bedeutender. Nach dem Fahrplanwechsel im Dezember halten dort auch die Regionalexpresszüge nach Potsdam, Wismar, Frankfurt (Oder), Cottbus und zu anderen Zielen.

Seit elf Jahren wird der aus zwei Etagen bestehende „Turmbahnhof“ saniert. Eine halbe Milliarde Euro wird das Projekt, das Ende 2018 abgeschlossen werden soll, kosten. Am einstigen „Rostkreuz“ entstanden viele Anlagen neu, manche wurden vergrößert. Doch auf dem Ringbahnsteig ging ein Teil des Platzes wieder verloren. Jetzt entstehen auch auf den Bahnsteigen im unteren Teil des Bahnhofs Pavillons, in denen es Kaffee, Zeitungen und anderen Reisebedarf geben wird.

Nützliche Dinge – aber die Bauten, in denen sie verkauft werden, nehmen viele Quadratmeter in Anspruch. „Das wird ganz schön eng im Berufsverkehr“, befürchtet Sven Heinemann. Die Bahnsteige würden unnötig verschmälert, heißt es beim Fahrgastverband IGEB.

Reichen die Fluchtwege aus?

Die Kritik ist inzwischen auch beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) angekommen. Die Behörde habe das Thema „im Rahmen der Bauaufsicht aufgegriffen und steht hierzu mit der Bahn in Kontakt“, teilte Sprecher Moritz Huckebrink auf Anfrage mit. „Das Unternehmen hat zugesagt, in diesem Zusammenhang weitere Auskünfte beziehungsweise Nachweise vorzulegen. Wenn das EBA diese bewertet hat, wird gegebenenfalls über das weitere Vorgehen entschieden.“

Das klingt nach dürrem Behördendeutsch. Doch für EBA-Verhältnisse ist es eine deutliche Stellungnahme. Das gilt auch für diesen Hinweis: „Das Eisenbahn-Bundesamt kontrolliert, ob die bundeseigenen Infrastrukturunternehmen beim Bau von Eisenbahnanlagen ihrer gesetzlich verankerten Sicherheitsverantwortung nachkommen und die einschlägigen Gesetze und Regelwerke beachten.“ Das lässt ahnen, dass es hier wirklich ein Problem geben könnte. Es gehe unter anderem um die Frage, ob die Fluchtwege ausreichen, so ein Beobachter.

Bei der Bahn ist man jedoch mit sich im Reinen. Gebaut werde, was genehmigt worden ist, sagte Christian Welzel, Leiter des Projekts Ostkreuz. „Die Verkaufseinrichtungen sind im Planfeststellungsbeschluss vorgesehen“, so der Bauingenieur.

Ein so großer Umsteigebahnhof komme nicht ohne Einkaufsangebote aus, sagte Alexander Kaczmarek, der Konzernbevollmächtigte der Bahn für das Land Berlin. „Von der Größe her passt das schon.“ Auf dem Bahnsteig D, wo derzeit die S-Bahnen in Richtung Strausberg und Ahrensfelde abfahren, sehe man sich zudem in einer „großen Tradition“: Dort befand sich vor dem Umbau ein gut sortierter Obststand, der auch nachts geöffnet war.

Während am Ostkreuz der Bau der Verkaufspavillons vorangeht, lassen die neuen Vorplätze, die insgesamt 5,45 Millionen Euro kosten sollen, auf sich warten. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher dem Hauptausschuss vorgelegt hat. Zwar gab es einen Gestaltungswettbewerb und die Vereinbarung, dass die Bahn Bauherrin für alle Vorplätze sein soll, heißt es. Doch nachdem das Tochterunternehmen DB Projekt 2015 aufgelöst wurde, „sah sich die Bahn nicht mehr in der Lage, die Bauherrenschaft zu übernehmen“.

Auf der Südseite des Bahnhofs baut nun Lichtenberg – voraussichtlich ab 2019. Wer Bauherr auf der Nordseite wird, stünde noch nicht fest, so Lüscher. Der Bezirk Lichtenberg habe dies für seine Flächen in Aussicht gestellt.

„Hört sich leider nach Verzögerungen an“

Vielleicht könne er auch Bereiche, die schon im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg liegen, mitbauen. Das hänge aber davon ab, ob es genug Personal gebe. Baubeginn: voraussichtlich 2020 – also ebenfalls nach der Fertigstellung des Bahnhofs. „Vorher muss noch die Entwässerung fertiggestellt werden“, teilte Lüscher mit.

Aber auch hier gebe es Schwierigkeiten – für die Regen-Entwässerung auf der Südseite hätten weder die Bahn noch die beteiligten Bezirke Bedarf angemeldet. Folge sei, dass der Kanal in der angrenzenden Hauptstraße „nicht ausreichend“ dimensioniert wurde und nur noch sehr wenig Wasser aufnehmen könne. Darum werde nun erwogen, unter den Plätzen Regenrückhaltebecken oder Staukanäle anzulegen. „Hört sich leider nach Verzögerungen an“, sagte Sven Heinemann. So oder so: Das Ostkreuz wird wohl noch lange eine Baustelle bleiben.