Berlin - Berlins Autofahrer stehen immer länger im Stau. Bei Pendlern, die in den Stoßzeiten unterwegs sind, summierte sich der durchschnittliche  Zeitverlust  im vergangenen Jahr  auf 107 Stunden – das sind zwei Stunden mehr als 2015.

Zu diesem Ergebnis kommt der jüngste Verkehrsindex des Navigationsherstellers TomTom. „Die Staubelastung ist gestiegen“,  sagt Andreas Erwig von TomTom. Er hält es für möglich, dass sich die Lage weiter verschärft.  Denn die beiden Entwicklungen, die zum Verkehrsanstieg   entscheidend beigetragen haben, sind noch nicht abgeschlossen:  der   wirtschaftliche Aufschwung und der Anstieg der Wohnungsmieten in der Innenstadt. 

„Wirtschaftswachstum bedeutet mehr Arbeitnehmer, die zu ihren Arbeitsplätzen gelangen müssen“, erklärt Erwig. Immer höhere Mieten – vor allem im Stadtzentrum – zwingen eine wachsende Zahl von Berlinern dazu, in Außenbezirke oder ins Umland zu ziehen. Und das verlängert meist die   Alltagswege.  

„Bei ihrer Suche nach einer neuen Wohnung blenden viele Menschen offenbar aus, dass sie für die Fahrt zur Arbeit mehr Zeit benötigen“, sagte Erwig. „Anstelle  einer fünfminütigen U-Bahn-Fahrt steht  plötzlich eine längere Autofahrt an.“ Gerade zu den Stoßzeiten sind   immer  Pendler unterwegs auf teilweise völlig überlasteten  Straßen.    Nach den Berechnungen von TomTom müssen  Autofahrer in Berlin im Durchschnitt 29 Prozent mehr Zeit einplanen, als wenn die Straßen frei wären.  Zum Vergleich: 2008 waren es 25 Prozent.

Besonders oft und lang andauernd staut sich der Verkehr auf den  Autobahnen A 100 und A 111, fanden die Experten heraus. Auch der Tempelhofer Damm, die Schnellerstraße und die Prenzlauer Promenade sind häufig zugestaut.   Es sei auffällig, wie stark manche Ausfallstraße in Richtung Umland belastet seien, so Erwig. „Sie kommen dem Verkehrskollaps immer näher.“

Staus bedeuten für viele Menschen Tag für Tag einen Verlust von Lebenszeit –  Stau-Hauptstadt ist Berlin trotzdem nicht. Im vergangenen Jahr hat der niederländische Navigationshersteller  seinen Verkehrsindex für 189 Städte auf der ganzen Welt errechnet. Berlin landete im Mittelfeld auf Platz 84 – weit hinter Mexiko City (Platz 1), Bukarest (5), Sankt Petersburg (21), London (25), Rom (27) und Brüssel (37).

„Auch die anderen deutschen Millionenstädte stehen schlechter da als Berlin: Köln (56), Hamburg (61) und München (76)“, sagte Stefan Kohte vom Verkehrsclub Deutschland. Selbst Wien, wo der Anteil der Autofahrten am Gesamtverkehr niedriger ist als hier, liegt im Stau-Index vor Berlin  – auf Platz 67. So schlimm sei die Situation in der deutschen Hauptstadt nicht, stellte  Kothe fest. Im Vergleich zu 2010 habe sie sich sogar verbessert.

Stau-Hauptstadt in Deutschland bleibt Stuttgart. Bei den deutschen Städten, für die Verkehrsdaten ausgewertet wurden, kam Berlin auf Rang 6 – 2015 war es Rang 5.

Automatische Daten

Für die jährliche Untersuchung wertet TomTom Millionen Daten aus. Fest eingebaute Navigationsgeräte sind eine wichtige Quelle. Auch Fahrzeugflotten, etwa von Servicebetrieben, liefern automatisch Daten.  Mobiltelefone und iPads von Apple tragen ebenfalls zu dem GPS-Datenpool bei, aus dem die Experten schöpfen können.

Jeder Gerätebesitzer müsse einer solchen Nutzung zustimmen, sagte  Erwig. Alle Daten werden anonymisiert, weder das Autofabrikat, noch das Kennzeichen oder der Name des Halters werden registriert. TomTom interessiert sich für die Verkehrsströme – und verkauft die gewonnenen Daten an öffentliche Einrichtungen  weiter. „In Berlin haben wir einen langfristigen Vertrag mit der Verkehrsinformationszentrale“, sagte der Experte.

Bei den Stadt-Umland-Verkehren gebe es Probleme, weitere exorbitante Steigerungsraten seien dort zu erwarten – und damit Staus, sagte Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne)  kurz nach seinem Amtsantritt. „Wer in Berlin zu viel Zeit hat, fährt Auto.“ Doch immer mehr Berliner steigen auf andere Verkehrsmittel um. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der S-Bahn ist die Zahl der Fahrgäste 2016 erneut  gestiegen.