Immer noch im Knast-Rhythmus: Peter Steudtner berichtet in der Berliner Gethsemanekirche von seiner Haft in der Türkei

Es war ein kleiner, persönlicher Moment an einem großen historischen Ort, Schauplatz eines wichtigen Teils der friedlichen Revolution im Herbst 1989: Als der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner am Dienstag zur Mittagszeit an das Mikrofon in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg tritt, versagt ihm die Stimme.

Dann räuspert sich der Mann mit den raspelkurzen Haaren, Bart, runder Brille und Wollweste über dem dunklen Hemd und bedankt sich: bei Familie, Freunden und Gemeindemitgliedern, die während seiner 113-tägigen Haft in der Türkei zu ihm gehalten und in dieser Kirche jeden Abend für ihn gebetet hätten; bei den Politikern und Diplomaten, die sich für seine Freilassung eingesetzt hätten. Bei Wolfgang Thierse. Aber eigentlich sei es ihm unangenehm, so im Rampenlicht zu stehen, sagt Steudtner. Alle in der Kirche werden es ihm sofort glauben.

Wolfgang Thierse, Prenzlauer Berger aus Berufung und gewesener Bundestagspräsident, hatte die Laudatio auf Peter Steudtner gehalten, die Laudatio auf den Träger des ersten Friedenspreises der Stiftung Quäker-Hilfe.

Die Preisverleihung war Steudtners erster öffentlicher Auftritt nach der Haft. Der Mann war abgetaucht, hatte sich bewusst Zeit gelassen beim behutsamen Ankommen, wie er es nennt. Zeit sei ein Luxus, den er sich gerne nehme. Er sagt, das habe er im Gefängnis gelernt.

Absurde Anklage

Anfang Juli war Peter Steudtner zu einem Workshop türkischer Menschenrechtsorganisationen in ein Hotel auf der Istanbuler Insel Büyükada gereist. Der 46-jährige Diplom-Politologe und Dokumentarfilmer aus Berlin coacht Aktivisten zum Thema Sicherheit, unter anderem berät er sie, wie sie ihre Daten vor staatlichem Zugriff schützen können.

Am 5. Juli wurden zehn Workshop-Teilnehmer in dem Hotel festgenommen – neben Steudtner ein Aktivist aus Schweden sowie die Direktorin von Amnesty International in der Türkei. Es folgte eine Einlieferung ins Gefängnis, noch zweimal wurde er danach verlegt. Schließlich kam er nach Silivri bei Istanbul, mit bis zu 13.000 Plätzen der wohl größte Knast Europas.

Nach Wochen und Monaten der Ungewissheit begann am 25. Oktober in Istanbul der Prozess gegen Steudtner und die neun anderen, bekannt geworden als die „Istanbul 10“. Die Anklage gegen ihn lautete auf Vorbereitung für einen Umsturz. Ein absurder Vorwurf, offenkundig politisch motiviert. Dennoch: Ihm drohten fünf bis zehn Jahre Haft.

Noch in der Nacht zum 26. Oktober beantragte die Staatsanwaltschaft Steudtners Freilassung aus der Untersuchungshaft. Nach 113 Tagen. Das Gericht folgte dem.

„Ich will ihnen nah sein“

Wie das gewesen sei, als er von seiner bevorstehenden Freilassung erfahren habe, wird Steudtner gefragt. Einer seiner Anwälte habe ihm gesagt: „You are free!“ Das sei überwältigend gewesen, dennoch habe er erst später realisiert, dass er tatsächlich frei war, die Türkei zu verlassen, wie er sagt.

Noch am selben Tag saß Steudtner im Flugzeug nach Deutschland. Für die Ankunft in Tegel hatte das Auswärtige Amt arrangiert, dass Steudtner unbemerkt an der Menge wartender Journalisten vorbei den Flughafen verlassen konnte. „Danke auch dafür“, so Steudtner.

Dankbarkeit verbindet Steudtner nach eigenen Worten bis jetzt mit seinen Schicksalsgenossen, von denen einige noch im Gefängnis sitzen. Bis heute lebe er den Knast-Rhythmus mit: die morgendliche Zellenkontrolle, die ganze Routine. „Ich will ihnen nah sein.“

Ironie am Rande: Erst am Vortag seiner unvermuteten Freilassung hatte Steudtner große Mengen Schokolade im Gefängnis-Laden bestellt. „Ich dachte: Wenn ich weiter einsitzen muss, brauche ich die Schokolade – wenn nicht, können meine Mitgefangenen sie gebrauchen. Wir haben uns häufig abgesprochen, wer was bestellt. Und dann geteilt. Wir waren ein gutes Team.“

"Wellbeing" als Form des zivilen Ungehorsams

Bestimmte Fähigkeiten waren hilfreich. „Ich habe ein bisschen Yoga und Tai Chi gelernt. Dass ich das anwenden konnte, hat mir sehr geholfen.“ Ebenso ein Motto, das er sich bereitgelegt habe. „Ich habe mir immer gesagt: Ich schaffe den nächsten Tag. Das reicht.“ Er habe mit Wasserflaschen, die es täglich frisch gab, jongliert, um etwas zu tun.

Andere Gefangene hätten es dann auch geübt. Außerdem habe er vorsichtig die Etiketten auf den Flaschen abgepult, diese in Streifen gerissen, daraus Schnürsenkel gebastelt. In Silivri werden den Gefangenen die Schnürsenkel abgenommen, sie könnten sich erdrosseln. Oder er hat einfach Armbänder daraus gedreht. Einige dieser Armbänder habe er den Mitgefangenen geschenkt. Als Andenken.

In seinen Workshops coacht Steudtner auch die Technik des Wellbeings, des Wohlbefindens, als Form des zivilen Widerstands. Er habe sich regelrecht wohlgefühlt im Gefängnis, sagt er. Dabei wolle das Regime doch erreichen, dass man sich maximal unwohl fühle.

Doch Steudtner ist kein Draufgänger. Nein, er habe keine Pläne für eine neue Reise in die Türkei oder sonst wohin.