Neulich in einer Neuköllner Eisdiele: lange Warteschlange, ich mittendrin, meine Blicke schweifen gelangweilt umher. Sie bleiben unten an den Schuhen hängen, ich kann’s nicht fassen: Alle tragen diese Gesundheitslatschen von Birkenstock. Berlin läuft im Latschen-Look!

Angespitzt schaue ich seitdem den Leuten ständig auf die Füße. Und sehe – ob in Zehlendorf oder Köpenick – immer öfter „Birkis“. So nennt die Direktorin des Kunstgewerbemuseums in Tiergarten die derben flachen Gesundheitsschuhe der Firma Birkenstock. Sabine Thümmler empfängt am Kulturforum im elegant-sportlichen schwarz-weißen Hemdblusenkleid, neon-orange lackierte Fußnägel in silber-glitzernden Latschen, Form „Gizeh“ (das sind die mit dem Zehentrenner). Den Charme der Lässigkeit erklärt sie mit „der Kombination von weichem bequemen Fußbett und schickem Lack-, Farb- und Glitzer-Look. Nicht unsexy.“ Seit Juni hat sie ihre, eine Freundin empfahl das lässige Styling. „Ich bin wie frisch verliebt“, sagt sie und strahlt.

„Alle Linien dieses Schuhs sind durchdacht"

Wie schafft es ein eigentlich hässlicher Schuh ins Herz von Millionen? Birkenstock, die Jahrhunderte alte Firma aus Hessen, macht flott Kasse mit den Dingern. 2015 waren es 600 bis 700 Millionen Euro Umsatz, doppelt so viel wie 2013, schreibt die Wirtschaftswoche.

Die Kunsthistorikerin sinniert: „Es ist der Hauch von Freiheit, den sie ausstrahlen. Die Hippies in der 70-ern trugen sie.“ In den 2000er-Jahren startete Birkenstock durch, der Marketing-Trick mit Prominenten wie Model Heidi Klum funktionierte. Aber nur, weil das Produkt überzeugt, auch optisch. Sabine Thümmler weiß warum: „Alle Linien dieses Schuhs sind durchdacht. Er hat ein gutes Design.“ Deshalb dürfen Birkenstocks demnächst bei ihr als Ausstellungsstück ins Museum in die Modeabteilung. Kult wurde der Schuh mit Pink, Glitzer, Silber, Gold.

 Es ist wie ein religiöser Kult

Klingt teuer, aber schon ab 20, 30 Euro ist ein Paar zu haben. „Das ist so etwas wie der kleine Luxus für jedermann“, sagt Thümmler. Jetzt gibt es ihn sogar mit dem edlen „Kurland“-Dekor von Berlins berühmter Porzellan-Manufaktur KPM. Kostet allerdings 280 Euro, teuer wie das Service. 

Obwohl unsere Gesellschaft so viel Wert auf Individualität legt, tragen viele die gleichen Schuhe. „So funktioniert Mode.“ Es ist wie ein religiöser Kult. „Kleidung zeigt, dass man dabei ist, als Teil einer Gruppe. Wir Menschen brauchen das Gefühl, dazuzugehören. Es stärkt, gibt uns Sicherheit.“ Die Psychologie der Klamotten.