Berlin - Der Umzug ist erst zwei Monate her, aber die Wohnung wirkt schon heimelig. Das liegt vor allem an den vielen Bildern, die Elvira Wunsch und ihr Mann gleich zu Beginn aufgehängt haben. Gemälde sind dabei, Fotos von der früheren Schokoladenfabrik der Schwiegereltern, eine Ecke mit Leuchtturmzeichnungen. Dicht an dicht, russische Hängung.

Leben auf der Baustelle

Dabei lebt das Ehepaar, zuletzt in der baden-württembergischen Kleinstadt Kehl beheimatet, noch auf einer Baustelle. Von ihrem hinteren Balkon aus blicken sie auf den Hof des Markgrafenkarrees in Mitte, einem Neubaublock mit 345 Mietwohnungen und Büroflächen, die bis September nach und nach fertig werden. Die große Anlage zwischen den Hochhäusern an der Leipziger Straße und dem Axel-Springer-Haus wird später Spielplätze und Grünanlagen in ihrem breiten Innenhof haben, auf dem jetzt noch Bauzäune, Bagger und Dixi-Toiletten stehen. Die neuen Mieter nehmen es in Kauf. „Wir sind hellauf begeistert, hier mitten in der City wohnen zu können“, sagt Elvira Wunsch.

Das Markgrafenkarree ist eines von vielen Neubauprojekten, die derzeit in Berlin entstehen. Doch orientiert sich der Wohnungsneubau wirklich am Bedarf? Schließlich nimmt der Mangel an preiswertem Wohnraum seit Jahren immer mehr zu. Viele Berliner können sich einen Umzug nicht mehr leisten, weil die Angebotsmieten vor allem in den Innenstadtbezirken massiv steigen. 2014 führte der Senat aus diesem Grund das Instrument der sozialen Wohnungsbauförderung wieder ein. So sollen vergleichsweise geringe Mietpreise von durchschnittlich 6,50 Euro pro Quadratmeter kalt ermöglicht werden.

Erst in Prenzlauer Berg gesucht

Bislang kommen die meisten Wohnungen allerdings ohne Mietpreisbindung auf den Markt, errichtet größtenteils von privaten Bauträgern. So wie im Markgrafenkarree, wo Elvira Wunsch und ihr Mann 12,40 Euro pro Quadratmeter zahlen, zuzüglich drei Euro je Quadratmeter für die Nebenkosten. Ein stolzer Preis, der bei Neubauten allerdings noch im mittleren Segment liegt. „Das war für uns auch das Maximum“, sagt Elvira Wunsch. Zuerst hätten sie in Prenzlauer Berg nach Mietwohnungen gesucht – wegen der guten Ausgehmöglichkeiten. Aber sie hätten nichts gefunden, was ihren Vorstellungen entsprach.

Viele Nachbarn hat Elvira Wunsch seit ihrem Einzug noch nicht getroffen. Dafür gehen die Interessenten in der Musterwohnung einige Stockwerke unter ihr ein und aus. Eine Vier-Zimmer-Wohnung mit 116 Quadratmetern für knapp 1 790 Euro warm. „Es läuft gut. Wir haben seit November schon 180 Wohnungen vermietet“, sagt Heinz-Gerd Ahlfänger von der Projektgesellschaft Gold.Stein aus Frankfurt/Main. Ahlfänger führt die Interessenten durch das Apartment. Rund 85 Prozent seien Neu-Berliner, viele Gutverdiener, Leute aus der IT-Branche, Mitarbeiter des nahe gelegenen Springer-Verlags, Beamte, Unternehmensberater. „Der Preis wird akzeptiert, es wird nicht gejammert“, sagt Ahlfänger.

Senat will mehr Mietwohnungsbau

Durchaus zum Jammern zumute ist allerdings Reiner Wild, dem Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. „Der Wohnungsneubau ist sehr auf einkommensstarke Haushalte ausgerichtet“, sagt er. „Es kann keine Rede davon sein, dass er sich am Bedarf von Familien orientiert.“ Die durchschnittlichen Angebotsmieten seien mit etwa neun Euro pro Quadratmeter ohnehin hoch, die im Neubau üblichen elf bis 16 Euro für die meisten utopisch. Auch die mit 90 Quadratmetern hohe durchschnittliche Wohnungsgröße im Neubau sieht Wild kritisch.

Vor allem, weil Berlin viele Ein- und Zwei-Personenhaushalte hat und die durchschnittliche Größe aller Wohnungen in der Stadt bei gerade einmal 70 Quadratmetern liegt. „Die aktuellen Daten zeigen aber, dass die durchschnittliche Wohnungsgröße im Neubau sinkt“, sagt Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Das sei wichtig auf dem Weg zu mehr bezahlbarem Wohnraum. In der Neubauförderung würden vor allem kleine Wohnungen subventioniert, auch durch Vorgaben für maximale Größen.

Senat verspricht Mietwohnungen

Preistreibend wirkt Experten zufolge auch ein großer Anteil an Eigentumswohnungen. Ein Drittel der 2015 genehmigten Neubauwohnungen in Berlin sind laut dem Amt für Statistik als Eigentumswohnungen geplant. Der Senat versucht gegenzusteuern: „Wir müssen auch in Zukunft vor allem Mietwohnungen bauen“, sagt Staatssekretär Lütke Daldrup. Neben der Kooperation mit privaten Investoren setzt der Senat auf die städtischen Wohnungsunternehmen. „Bis 2026 werden wir allein 60 000 Wohnungen im öffentlichen Besitz neu bauen und so den Bestand auf 400 000 erhöhen“, sagt der Staatssekretär.