Nach Kündigung: Berlinerin bewahrt Frau Hoang vor der Wohnungslosigkeit

Thi Thai Hoang und ihren Töchtern droht die Wohnungslosigkeit, wir berichteten. Nun haben sich Helfer bei ihr gemeldet. Die Familie schöpft Hoffnung.

Thi Thai Hoang in ihrer Wohnung
Thi Thai Hoang in ihrer WohnungMaurice Weiss/Ostkreuz

Ein Hochhaus in der Friedrichstraße, 23. Stock. Der Blick aus dem Fenster schweift über die Museumsinsel und den Dom zum nebelverhangenen Alex, wo der Fernsehturm kaum noch zu erkennen ist. Thi Tai Hoang und Stefan Katz stehen still vor diesem Fenster und schauen auf das frühwinterliche Berlin zu ihren Füßen. Hätte man ihnen vor ein paar Wochen erzählt, dass sie nun hier oben stehen würden, sie hätten es vermutlich nicht geglaubt. Aber jetzt sind sie hier und noch wichtiger: Jemand möchte ihnen helfen.

Es war Anfang Oktober als Stefan Katz eine E-Mail an die Berliner Zeitung schickte mit dem Betreff: „Hilfe?“ Es ging um seine Nachbarin Frau Hoang. Ihr und ihren beiden Töchtern drohe die Wohnungslosigkeit, schrieb Katz, zum Ende des Jahres müsse sie raus, weil ihre Vermieterin Eigenbedarf angemeldet hatte. Doch obwohl Hoang mithilfe von Katz bereits über 200 Bewerbungen verschickt habe, finde sie keine bezahlbare Unterkunft und immer wieder lehne das Wohnungsamt ihren Antrag auf einen Wohnberechtigungsschein (WBS) ab. Er wisse allmählich nicht mehr, schrieb Stefan Katz, wie er seiner Nachbarin noch helfen könne.

Thi Tai Hoang wohnt bereits seit 2009 in Berlin-Weißensee, musste viel Leid ertragen: Sie überlebte einen Angriff auf ihr Leben durch ihren gewalttätigen Ex-Mann, ihr zweiter Ehemann starb früh an Herzversagen. Sie arbeitete als Zimmermädchen und später in verschiedenen Fabriken. 2020 begann sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin, seit diesem Jahr arbeitet sie fest in der Pflege. Obwohl sie schon so lange in Berlin lebt, ist Hoangs Deutsch nicht besonders gut. Es ist einer der Gründe, warum sie es noch schwerer auf dem Wohnungsmarkt hat, als andere.

Die Berliner Zeitung berichtete über die Situation von Frau Hoang und bekam eine Menge Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die helfen wollten. Manche boten Kontakte an, andere hatten schon eine Wohnung im Kopf, bei der man es versuchen könnte. Auch Milda Gerber meldete sich. „Das Schicksal von Frau Hoang hat mich nicht mehr losgelassen“, schrieb sie. Sie habe eine Zweitwohnung am Alexanderplatz, die könne sie Frau Hoang zur Miete anbieten. Die Berliner Zeitung vermittelte.

Im 23. Stock an der Friedrichstraße. Frau Hoang (hinten rechts) bekommt Hilfe von Milda Gerber und Anwalt Philipp Brandt (links).
Im 23. Stock an der Friedrichstraße. Frau Hoang (hinten rechts) bekommt Hilfe von Milda Gerber und Anwalt Philipp Brandt (links).Niklas Liebetrau

Zwar stellte sich die Zweitwohnung mit gerade einmal 30 Quadratmetern als zu klein für Hoang und ihre beiden Töchter heraus. Doch Gerber wollte wirklich helfen. Sie, die selbst in der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe beruflich tätig ist, sah sich die Situation von Hoang genauer an und stellte fest: „Bislang ist da ja nur eine Kündigung ausgesprochen worden, aber noch kein Räumungstitel erwirkt.“

Solange die Vermieterin nicht vor Gericht einklage, dass Frau Hoang ausziehen müsse, könne sie erst mal weiterhin dort wohnen bleiben, so Gerber. Da ein solcher Rechtsstreit für gewöhnlich eine längere Zeit in Anspruch nehme, könne vermutlich mindestens ein Jahr Zeit gewonnen werden. Und weil dies aber auch mit Anwalts- und Prozesskosten verbunden sei, die Hoang vermutlich nicht stemmen könnte, habe Gerber einen Anwalt besorgt, der Frau Hoang pro bono vertrete – also kostenlos.

Viele Berliner wissen nicht, wann sie ausziehen müssen

Deswegen stehen Stefan Katz und Thi Tai Hoang nun hier im 23. Stock an der Friedrichsstraße im Büro von Anwalt Philipp Brandt. „Es wird Ihnen aber auch alles ganz schön schwer gemacht“, sagt er zu Frau Hoang. Dann setzen sich alle an einen Tisch, es gibt Kaffee und Säfte, Hoang und Katz möchten nichts. Der Anwalt geht Schritt für Schritt die Lage von Hoang noch einmal durch und er sieht Chancen, nicht nur, den Auszug hinauszuzögern, sondern auch dafür zu sorgen, dass Frau Hoang ganz in ihrer Wohnung bleiben kann.

Milda Gerber sagt: „Das wichtigste ist jetzt erst mal, wir haben Zeit.“ Sie berichtet von ihren eigenen Erfahrungen bei der Arbeit und davon, dass die meisten Menschen nach einer Kündigung gar nicht wüssten, dass sie erst wirklich aus der Wohnung müssen, wenn der Vermieter vor Gericht geklagt und einen Räumungstitel erwirkt hat. Sie will sich nun auch dafür einsetzen, dass Frau Hoang endlich der ihr zustehende WBS vom Wohnungsamt in Pankow bewilligt wird. Oft helfe es bei Schwierigkeiten mit dem Sachbearbeiter schon, ein klärendes Gespräch mit dem Gruppenleiter zu suchen, sagt sie. Auch das wüssten viele nicht.

Weihnachten und Silvester wird Frau Hoang mit ihren Töchtern beruhigt in ihrer Wohnung bleiben können. Es ist wieder etwas Hoffnung in ihr Leben getreten. Stefan Katz erzählt, neulich sei Frau Hoang tanzend zur Arbeit gegangen. So habe er sie in den 13 Jahren, die sie nun schon Nachbarn seien, noch nie gesehen.