Berlin - Marzahn, 8.45 Uhr, es ist kühl und regnerisch, aber André Schröder sitzt auf einem Campingstuhl auf dem Gehweg. Vor und hinter sich eine jeweils weit über hundert Meter lange Menschenschlange. Der Mann ist blendend gelaunt, grinst hinter seiner Maske und berlinert betont: „Ick freu mir 'nen Kullerkeks.“ Denn die erste Corona-Impfung des Industriekaufmanns steht bevor.

Er zählt zur Schar der Marzahner, die zur mittlerweile fünften „Schwerpunkt-Impfung“ der Berliner Bezirke und des Senats strömten, jetzt ohne Anmeldung und kostenlos angeboten im Trainingszentrum des „Cabuwazi“-Zirkus an der Otto-Rosenberg-Straße.

Der 34-jährige Schröder hatte auf den Rat seiner Mutter gehört und den Stuhl mitgebracht. Eine kluge Idee, die auch andere hatten, waren doch die ersten Impfwilligen schon im Morgengrauen da, und dann verzögerte sich der Impfbeginn noch um 45 Minuten bis 10.15 Uhr. Die zweite kluge Idee war das Mitbringen eines Regenschirms. Schröder ist pünktlich um 8 Uhr erschienen und hofft neben der Impfung auf eines: Dass seine Nadel-Phobie nicht zu Problemen bei der Injektion führt. „Ich musste mich schon bei Ärzten entschuldigen.“

Markus Wächter
Geduldig und zeitweise im Regen warten die Marzahner vor der Impfstation.

Weit vor ihm, am Kopf der Schlange, steht Alessia Fiori, Rezeptionistin eines Hotels in Mitte. Die Römerin, seit zwei Jahren in Berlin, war als Erste schon um 5 Uhr morgens da. „Seit zwei Jahren habe ich meine Familie nicht mehr besuchen können“, begründet die 25-Jährige ihren dringenden Impfwunsch. Und außerdem endet kommende Woche die Kurzarbeit, der Betrieb geht wieder los.

Markus Wächter
Alessia Fiori hat ihren Impfpass mitgebracht. Nach über fünf Stunden Wartezeit ist die eigentliche Impfprozedur nach 20 Minuten erledigt.

Der Bezirk hatte für die dreitägige Aktion „Impfen im Kiez“ nach seinen Sozial -und Gesundheitsdaten Straßen ausgewählt, deren Bewohner geimpft werden sollten, sagt Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) der Berliner Zeitung: mittelalte Bürger, die bislang keine Impf-Chance hatten, und Menschen aus Häusern, in denen etwa mehrere Familien unter schwierigen Verhältnissen leben. 

„Anders als andere Bezirke, haben wir uns dazu entschlossen, straßenweise und nicht nach Postleitzahlen aufzurufen, um die Ströme der Impfwilligen besser steuern zu können“, so Pohle. Dafür wurden in den Häusern Plakate aufgehängt, teilweise Info-Zettel in die Briefkästen gesteckt. Welche Straßen am Sonnabend und Sonntag zwischen 9.30 und 17.30 Uhr an der Reihe sind, steht auf der Internetseite des Bezirksamts.

Auch das Warten wurde anders organisiert, erklärt Berlins DRK-Präsident Mario Czaja. Es werden 800 Plastik-Chips ausgegeben – pro Tag sind 800 Impfungen möglich. So ist schnell klar, wer keine Chance mehr hat, an diesem Tag an die Reihe zu kommen. Mit dem Chip kann man auch wieder nach Hause gehen und später zurückkommen, um nicht lange am Ort warten zu müssen.

Der eigentliche Ort des Geschehens ist ungewöhnlich: Erst geht es durch eine Grünanlage ins Zirkuszelt, wo die Anamnese stattfindet, also die Aufnahme der Gesundheitsdaten. Dort muss man sich entscheiden, ob man sich mit dem Vakzin von Johnson & Johnson (nur ein Piks) oder mit Moderna (zweiter Termin am 17. Juli) immunisieren lassen will. 

Markus Wächter
Bundeswehr-Ärzte setzen in der Cabuwazi-Trainingshalle die Spritzen in acht Kabinen.

Anschließend gehen die Menschen in die unmittelbar benachbarte Cabuwazi-Trainingshalle: Im Eingangsbereich registrieren Soldaten eines Logistik-Bataillons aus Delmenhorst die Impf-Kandidaten elektronisch, ehe acht Bundeswehrärzte in acht Kabinen zur Tat schreiten. 

Am Schluss nehmen die frisch Geimpften in vier vom THW aufgestellten Zelten unter den Augen von DRK-Helfern Platz: Dort müssen sie 15 Minuten lang warten – für den Fall, dass es eine schnelle, möglicherweise gefährliche Impfreaktion gibt. In einem fünften Zelt steht eine DRK-Intensivstation samt Notfallmediziner bereit.

Alessia Fiori – sie hat sich für Moderna entschieden – hat die eigentliche Aufnahme- und Impfprozedur nach 20 Minuten durch, schmerz- und beschwerdelos.

Die nächste Schwerpunkt-Impfaktion ist für Sonnabend und Sonntag (9-17 Uhr) in der Prignitz-Schule  (Schöneberg, Eingang Begasstraße) vorgesehen. In die Wartenschlange einreihen können sich am Sonnabend Bewohner aus den Postleitzahl-Bereichen 10783 zwischen Kulmer Kiez und Nollendorfplatz sowie 12157 (auf Bezirksgebiet von Tempelhof-Schöneberg). Am Sonntag ist derselbe Bereich von 10783 sowie 10829 an der Reihe.