Berlin - Tegel, der ehemalige Flughafen, Terminal C. Draußen geht die Welt unter, versinkt im Schnee wie unter Tonnen von Puderzucker. Drinnen sitzen Soldaten vor Computern, auf ihren Bildschirmen Berlin-Pläne: Leuchtpunkte und Linien. Keine Isobaren, kein Niederschlag, sondern die Routen der mobilen Impfteams durch die Stadt. Eine Flotte mit 60 Fahrzeugen wird von diesem Ort aus dirigiert; früher checkten hier Passagiere der Fluglinie Air Berlin ein.

Dilek Kalayci besucht an diesem Sonntagvormittag die Zentrale der mobilen Impfteams. Die Gesundheitssenatorin will darüber berichten, wie weit Berlin im Kampf gegen die Corona-Pandemie gekommen ist. Sie erklärt, dass die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen und auf 100.000 Einwohner gerechnet insgesamt sinkt. Die Inzidenz, sagt sie, lasse hoffen, der Lockdown zeige Wirkung. Sie sagt, dass diese Inzidenz mit dem Alter jedoch zunehme: „Bei den unter 80-Jährigen beträgt sie 60, bei den 80- bis 90-Jährigen verdoppelt sie sich auf 120, und bei den über 90-Jährigen liegt sie bei 145.“

Kalayci betont das, weil längst eine Verteilungsdebatte eingesetzt hat, in der es darum geht, wer wann und warum seine Spritze gegen das Virus erhält. Die SPD-Politikerin ist der festen Überzeugung, dass Berlin die Prioritäten richtig setzt. „Bis auf die Nachzügler sind wir in den stationären Pflegeeinrichtungen mit den Erstimpfungen durch, 70 Prozent haben die Zweitimpfung.“ Rund 30.000 Berliner insgesamt leben in solchen Einrichtungen. Der schwierigste Teil kommt noch.

Nur ein Drittel der Pflegebedürftigen hierzulande lebt in einem Heim. Die überwiegende Mehrheit wird zu Hause versorgt, meist von Angehörigen. Diese Menschen ausfindig zu machen, wird die Herausforderung der kommenden Wochen sein – neben der Beschaffung von ausreichenden Mengen Vakzin. Von den Berlinern, die älter als 80 Jahre alt sind und nicht stationär in einer Einrichtung betreut werden, haben erst rund 38 Prozent ihre erste Dosis erhalten.

Problematisch werde die Suche wohl nach all jenen, die nicht mehr ihre Wohnung verlassen können. „Dafür gibt es zwei Möglichkeiten“, sagt Kalayci: „Die erste ist die Abfrage der ambulanten Pflegedienste, denn die wissen, welche ihrer Patienten nicht mehr eines der Impfzentren aufsuchen können.“ Möglichkeit zwei: „Wir haben in der Hotline eine Extra-Hotline für diese Fälle eingerichtet.“ Wer schon mal für Angehörige telefonisch einen Impftermin vereinbaren wollte, weiß, dass bei Möglichkeit zwei Geduld sehr hilfreich ist.

Bei einer anderen Gruppe ist noch völlig unklar, wie man ihrer habhaft wird: die chronisch Kranken. „Da gibt es bundesweit noch keine Strategie, da sind wir in Gesprächen mit den Krankenkassen.“ Und dann sind da noch die Kontaktpersonen, die Angehörigen zumeist. „Jeder Pflegebedürftige kann zwei Personen benennen, die geimpft werden sollen“, sagt Kalayci. Doch auch in den Heimen ist noch längst nicht das ganze Personal geimpft, bei 40 Prozent liegt dort die Quote.

Immerhin, ein anfängliches Hindernis für die mobilen Teams ist aus dem Weg geräumt. „Wir haben Informationen vom Hersteller Biontech erhalten, auf deren Grundlage unsere Pharmazeuten den Impfstoff transportfähig machen können.“ Pro Bezirk und Tag steuert nun ein mobiles Team die Impflinge in häuslicher Pflege an.

Das klingt nach einem Prozedere, das Zeit kostet. Doch Zeit ist neben Impfstoff im Kampf gegen die Pandemie Mangelware. Darauf hat Burkhard Ruppert hingewiesen, der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV), der am Sonntag nach Tegel gekommen ist und erst mal den Einsatz der niedergelassenen Mediziner gewürdigt hat. „Das ist eine Riesenaufgabe, die da vor uns steht“, erklärt Ruppert dann und gemahnt: „Wir müssen schneller sein als das Virus. Wir müssen schneller sein als die Veränderungen, damit wir überhaupt eine Chance haben, die Pandemie in diesem Jahr zu beenden.“ Die niedergelassenen Ärzte Berlin, sagt Ruppert, stünden bereit.

Ohne sie wird es nicht gehen, da stimmt Dilek Kalayci zu. Sie redet von Massenimpfung, zwei Säulen und einem möglichst schnellen Übergang von der einen zur anderen. „Die erste Säule sind die Impfzentren und die mobilen Teams, die zweite Säule die Hausärzte.“

Schließlich kommt die Senatorin auf Mutationen, die in Berlin vermehrt auftreten und ihr große Sorge bereiten würden, zu sprechen. Sie betont, dass Erleichterungen im Lockdown fatal sein und das Erreichte zunichte machen würden. „Das kann sehr schnell gehen.“

Nebenan sitzen Soldaten vor Computern, still und konzentriert. Draußen wird das Schneetreiben dichter. Die Welt geht gerade unter. So sieht es jedenfalls aus.