Berlin - Das letzte Mal Schlittschuh gelaufen ist Michael Grylewicz, 61, im vergangenen August. „Da hatten wir das Eis in der Halle für die neue Saison fertig“, sagt er. Privat dreht er normalerweise kaum Runden auf dem Eis. Als Eismeister des Erika-Heß-Stadions in Wedding gehört es jedoch seit Beginn seiner Tätigkeit 1983 zu seinen Aufgaben, die Eisschicht in der Arena zu testen und Schlittschuhfahrer – bei einem Zusammenstoß etwa – von der spiegelglatten Oberfläche zu holen.

„Auf der Eisbahn läuft er doch, der Winter“, lautete vor ziemlich genau einem Jahr die Überschrift eines Kollegen der Berliner Zeitung, der Grylewicz für einen Artikel bei seiner täglichen Arbeit im Eisstadion an der Müllerstraße begleitet hatte. Damals zählten seine Mitarbeiter und er in der Wintersaison über 95.000 Besucher. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen konnte: Es sollten über das ganze Jahr hinweg nicht mehr viele dazukommen.

Zwar kommen in der Nebensaison zwischen Ostern und Ende August ohnehin weniger Eisläufer, aber mit einer globalen Pandemie, einem Lockdown im Frühjahr und dem Umbau des Stadions zu einem Corona-Impfzentrum konnte da noch keiner rechnen. Nun ist wieder Winter und die Vorzeichen haben sich grundlegend geändert.

Auf dem Monitor in seinem Büro sieht Grylewicz nun nicht mehr die Eislaufbahn im Inneren des Stadions, sondern unzählige Kabinen. Mitte November beschloss der Senat, dass auf dem Gelände in Wedding eines der sechs Berliner Impfzentren entstehen soll. Das einzige, das vorher nicht leer gestanden hatte und in dem – zumindest für den Leistungs- und Breitensport – ein wenig Trainingsbetrieb auf dem Eis herrschte.

Wie findet Grylewicz diese Entscheidung? Er lächelt und erklärt zunächst, dass er sich dazu nicht äußern möchte. Dann sagt er aber doch noch etwas: „Wir sind die einzige große Anlage in Mitte, die die Quadratmeterzahl hat, die gebraucht wird. Wir liegen zentral, haben U- und S-Bahn vor der Tür. Es war alternativlos.“ Ein bisschen enttäuscht darüber, dass in der diesjährigen Hauptsaison kein Betrieb mehr stattfinden werde, seien sein elfköpfiges Team und er aber schon. „Wir hatten viel Arbeit reingesteckt. Dass wir keinen öffentlichen Lauf haben, ist komisch und fehlt mir“, sagt Grylewicz.

In die Impf-Abläufe in der Halle sind seine Kollegen und er weniger involviert. „Wir wurden hin und wieder angefragt, wenn es beispielsweise um Strom- oder Telefonanschlüsse ging“, sagt er. „Durch unsere Arbeit müssen wir immer zwei Fachkundige vor Ort haben, deswegen sind wir hier von sieben bis 23 Uhr in einem Zwei-Schicht-System permanent ansprechbar.“ Auch dann, wenn in dieser Woche die ersten Berliner im Eisstadion geimpft werden. 

Sein Arbeitsalltag habe sich ansonsten nicht allzu sehr verändert. Mit der fahrbaren Eismaschine „Zamboni“ säubert und poliert er nach wie vor mehrmals täglich die Eislaufbahn vor dem Stadion unter freiem Himmel. Denn einige junge Breitensportler, die nicht älter als zwölf Jahre sind, dürfen im Erika-Heß-Stadion noch trainieren. Grylewicz kann sie durch die rechteckige breite Glasscheibe in seinem Büro beobachten. Dort klingelt an diesem Mittag ein ums andere Mal das Telefon. Stammgäste fragen, ob man in dieser Saison noch Schlittschuh laufen könne. Grylewicz muss das verneinen.

Er hofft, dass er im kommenden August die Halle wieder vereisen kann und man dann „mit allem durch“ sei. „Wenn wir im Herbst wieder für den Publikumsverkehr öffnen können, würde ich mich sehr freuen“, sagt er. Vor allem ältere Menschen kamen in der Vergangenheit gerne tagsüber zum Eislaufen ins Stadion, erzählt Grylewicz. Nun werden sie hier vorrangig geimpft.