in Berlin leben mehr als 160.000 Kinder in Armut.
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BerlinIn Deutschland wächst mehr als jedes fünfte Kind in Armut auf. Allein in Berlin leben mehr als 160.000 Mädchen und Jungen in prekären finanziellen Verhältnissen. Das ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Durch die Corona-Pandemie dürfte deren Zahl noch stark steigen, sagt Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung.

Frau Stein, 2,8 Millionen Kinder leben in Deutschland in Armut. Bedeutet das einen Anstieg?

Nein, die Zahl ist sogar leicht gesunken – von 14,5 Prozent im Jahr 2014 auf 13,8 Prozent zum Ende des vergangenen Jahres. Dieser Rückgang ist ausschließlich auf die Entwicklung in Ostdeutschland zurückzuführen. Dort ging die Zahl der von Armut betroffenen Kinder von 22,1 Prozent auf 16,9 Prozent zurück, was immer noch eine ziemlich hohe Zahl ist.

Und wie viele Mädchen und Jungen betrifft die Armut in Westdeutschland?

Dort gab es einen leichten Anstieg: Die Zahl der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen liegt bei 13,1 Prozent, das sind 0,2 Prozentpunkte mehr als fünf Jahre zuvor.

Sind wir also auf einem guten Weg?

Zunächst einmal ist sehr erfreulich, dass die Zahl der jungen Menschen in der Grundsicherung in Ostdeutschland deutlich gesunken ist. Das reicht aber noch nicht aus. Wenn immer noch fast jedes sechste Kind in einer Familie aufwächst, die materiell unterversorgt ist, muss die Sozial- und Familienpolitik neue Wege gehen.

Wie viele Mädchen und Jungen unter 18 Jahre leben in Berlin in prekären finanziellen Verhältnissen?

Dort sind es 161.319 Kinder und Jugendliche. Damit sind 27 Prozent der Mädchen und Jungen, die in der Hauptstadt leben, von Armut betroffen. Im Jahr 2014 waren es noch 31,8 Prozent. Es hat sich also auch in Berlin die Situation ein wenig verbessert. Aber das wird sich vermutlich ändern.

Warum?

Die Zahlen wurden vor der Corona-Pandemie erhoben. Es deutet sich an, dass es bei der Kinderarmut eine deutliche Steigerung geben wird. Ein Anzeichen dafür ist, dass die Quote der Menschen, die in dieser Zeit Hartz IV beantragt haben, deutlich gestiegen ist. Deren Kinder sind natürlich auch betroffen. Außerdem leben diese Mädchen und Jungen sehr häufig bei nur einem Elternteil, meist bei der Mutter. Diese Alleinerziehenden sind oftmals in Minijobs oder in nichtregulären Beschäftigungsverhältnissen tätig.

Das bedeutet?

Diese Arbeitsverhältnisse sind während des Lockdowns weggefallen. Allein bis Ende April gab es plötzlich eine halbe Million Minijobs nicht mehr. Alle Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass das viele Familien in noch größere finanzielle Nöte gebracht hat - und Kinder in die Kinderarmut.

Mit welchen Einschränkungen müssen Kinder aus armen Verhältnissen leben?

Die stärkste Unterversorgung gibt es in den Bereichen Mobilität, Freizeit und soziale Teilhabe. Und in der Corona-Zeit ist besonders das Thema Homeschooling problematisch. Jede vierte betroffene Familie besitzt keinen internetfähigen Computer. Hinzu kommt, dass ungefähr die Hälfte der Kinder in einer Wohnung lebt, in der es nicht ausreichend Zimmer gibt, um ungestört lernen zu können.

Stimmt es, dass arme Kinder weniger Freunde haben?

Es stimmt. Sie bringen selten andere Mädchen und Jungen mit nach Hause. Dafür gibt es viele Gründe: Weil sie kein eigenes Zimmer haben. Weil ihre Freunde nicht mit der Familie mitessen können, weil einfach nicht genug zum Essen da ist. Oftmals schämen sie sich auch über den Zustand der elterlichen Wohnung, über alte oder kaputte Möbel. Aus finanziellen Gründen können sie auch an Klassenfahrten nicht teilnehmen. Mal einfach so 100 oder 200 Euro dafür ausgeben, das kann die Familie nicht. Es fehlt überall an Geld. Wenn die Waschmaschine kaputt geht, ist das eine Katastrophe.

Was bewirkt die Armut bei den Kindern?

Sie ziehen sich zurück, werden in der Schule öfter gehänselt, geschlagen und ausgegrenzt. Das ist eine enorme psychische Belastung, die krank machen kann.

Wo gibt es laut Ihrer Studie die größten Unterschiede zu Kindern, die in gesicherten finanziellen Verhältnissen aufwachsen?

Am schärfsten ist der Unterschied beim Urlaub. 73 Prozent der Familien, die von Grundsicherung leben, fahren nicht einmal für eine Woche im Jahr in den Urlaub. Bei denen, die in finanziell gesicherten Verhältnissen leben, sind es 17 Prozent. Einen anderen krassen Gegensatz gibt es beim Auto. Über 60 Prozent der armen Familien haben kein Fahrzeug. Bei Familien, die keine finanziellen Sorgen haben, sind es nur 4,5 Prozent. In Berlin ist das sicherlich kein Problem, weil es dort öffentliche Verkehrsmittel gibt und Schulkinder gratis fahren.

Hat Berlin eigentlich die meisten armen Kinder?

Nein, in Bremen sind die meisten Kinder von Armut betroffen. Dort sind es 31,6 Prozent. Dann folgt Berlin. Die wenigsten bedürftigen Kinder hat Bayern.

Warum tritt Kinderarmut vor allem in Stadtstaaten wie Berlin und Bremen auf?

Das hat mit der wirtschaftlichen Gesamtlage der Regionen zu tun. In Berlin und Bremen sind zudem die Gehälter im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ niedrig. Arme Kinder sind da, wo arme Eltern sind. Familien mit Kindern leben eher in Städten als auf den Land – schon wegen der Infrastruktur.

Anette Stein.
Foto: Bertelsmann Stiftung
Zur Person:

Anette Stein arbeitet seit 23 Jahren bei der Bertelsmann-Stiftung. Die 55-Jährige ist Direktorin des Programms „Wirksame Bildungsinvestitionen“.

Die Bertelsmann-Stiftung untersucht seit zehn Jahren in Studien Kinderarmut in Deutschland.
Bayern hat mit einem Anteil von 6,3 Prozent die geringste Zahl bedürftiger Kinder und Jugendlicher. Bremen mit 31,6 Prozent die höchste Quote. Im Durchschnitt liegt die Zahl armer Mädchen und Jungen in Deutschland bei 13,8 Prozent.

In Brandenburg liegt die Kinderarmut bei 12,3 Prozent. Die Stadt, in der die meisten bedürftigen Kinder leben, ist Frankfurt (Oder) mit 25 Prozent. Die wenigsten armen Kinder leben im Landkreis Potsdam-Mittelmark, dort sind es 4,9 Prozent.

Was müsste sich ändern, um der Kinderarmut Herr zu werden?

Es muss eine Grundsicherung für Kinder geben, ein Teilhabegeld. Das fordern wir schon lange. Jedes Mädchen und jeder Junge hat ein Anrecht auf Leistungen, die nicht nur die Minimalexistenz absichern, sondern auch eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.

Wie soll das Teilhabegeld aussehen?

Dieses Geld sollte jedem Kind und Jugendlichen zustehen und abgeschmolzen werden mit steigendem Einkommen der Eltern. Derzeit wird jede Kindergelderhöhung von Hartz IV abgezogen.

Was bedeutet eigentlich arm?

Arm heißt hier nicht, dass man nichts zu essen hat und kein Dach über dem Kopf. Armut heißt, dass man von der Teilnahme am sozialen Leben ausgeschlossen wird. Arm oder armutsgefährdet ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat oder Hartz IV bezieht.

Wie kamen die Zahlen in Ihrer Studie eigentlich zustande?

Die finanzielle Situation wurde anhand von 21 Fragen ermittelt. Erstmals wurden auch mit vier Fragen der Bedarf der Mädchen und Jungen analysiert.

Was waren das für Fragen?

Die Eltern wurden gefragt, ob ihre Kinder Freunde nach Hause einladen, ob sie ausreichend Winterbekleidung haben, ob sie ein Taschengeld erhalten und ob sie zuhause einen geeigneten Platz zum Lernen haben.

Hat die Studie für Sie etwas Außergewöhnliches erbracht?

Interessant ist, dass Kinder aus armen Familien weniger unterversorgt sind als ihre Eltern. Das heißt, dass Eltern in den meisten armen Familien zunächst bei sich selbst sparen. Damit wird der Vorwurf entkräftet, dass sich diese Mütter und Väter weniger um ihre Kinder kümmern und dass das Geld nicht bei den Kindern ankommt. Sicherlich gibt es solche Fälle, aber sie rechtfertigen nicht, all diese Familien unter Generalverdacht zu stellen.

Welche Bedeutung haben Institutionen wie die Tafeln, die bedürftigen Kindern eine Betreuung anbieten, für die Bekämpfung der Kinderarmut?

Sie sind total wichtig. Gerade in der Corona-Krise. Zwar mussten auch die Tafeln schließen. Doch die Mitarbeiter sind mit Spenden in die Familien gegangen. Sicherlich konnten sie nicht alles kompensieren, was weggebrochen ist. Es gab kein Schulessen, keine sozialen Kontakte, selbst die Spielplätze waren dicht. Allerdings: Wenn wir die Grundsicherung für Kinder hätten, bräuchten wir die Tafeln nicht.

Müsste das, was die Tafeln leisten, nicht der Staat übernehmen?

Ja, selbstverständlich! Der Staat müsste dafür sorgen, dass diese Familien genügend Geld haben. Dass das nicht geschieht, liegt am Misstrauen. Es wird bezweifelt, dass bedürftige Eltern mit Geld umgehen können. Das muss sich ändern.

Gibt es für Kinder einen Weg aus der Armut? Oder bedeutet einmal arm immer arm?

Sicherlich gibt es Einzelne, die es aus der Armut schaffen. Der Weg ist aber schwer. Meist ist es tatsächlich so, dass sich Armut vererbt. Für die allermeisten Kinder ist die Bedürftigkeit leider ein Dauerzustand. Sie haben auch oftmals eine belastete Bildungsbiografie, werden nicht regulär eingeschult, bleiben sitzen, schaffen es nicht auf weiterführende Schulen. Damit haben sie schlechtere Ausbildungschancen. Arme Kinder haben es sehr viel schwerer als Kinder aus finanziell abgesicherten Verhältnissen. Aber wir sollten immer daran denken: Kein Kind kann etwas dafür, in eine arme Familie hineingeboren zu sein.

Wie steht Deutschland mit der Kinderarmut eigentlich im europäischen Vergleich da?

Die aktuellsten Zahlen dazu stammen von 2018. Damals galten 14,5 Prozent der Kinder in Deutschland als arm. Der europäische Durchschnitt lag bei 19,6 Prozent. Am besten sahen Dänemark und Finnland mit jeweils elf Prozent aus. Auch Tschechien und Polen schnitten besser ab.

Wie kommt das?

Armut ist immer relativ. Polen und Tschechien sind keine Länder, deren Bevölkerung als wohlhabend gilt. Es hört sich grotesk an. Aber in Ländern, die wirtschaftlich nicht so gut laufen, kann die Kinderarmut im internationalen Vergleich niedriger sein als in wohlhabenden Ländern.

Was geschieht mit den Ergebnissen Ihrer Studie?

Wir können als Bertelsmann-Stiftung nicht selbst Politik, wohl aber auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen. Die Kinderarmut ist eine Dauerbaustelle. Es besteht die Gefahr, dass das Thema durch die Corona-Krise unter die Räder kommt. Kinder und Jugendliche waren in all der Zeit nie Thema, sie wurden reduziert auf ihre Rolle als Schülerinnen und Schüler. Wir werden weiter für eine Grundsicherung von Kindern werben.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass es die Kindergrundsicherung geben wird?

Ich bin optimistisch, dass die Kindergrundsicherung in der nächsten Legislaturperiode realisiert wird. Parteien wie die Grünen, die Linke, FDP und SPD diskutieren das Thema bereits. Ich hoffe, dass die Einführung einer Kindergrundsicherung nicht nur in den Wahlprogrammen, sondern später auch im Koalitionsvertrag steht.