Berlin - 1400 Meter lang, 140 Häuser und rund 4000 Bewohner: Die Emser Straße zwischen den U-Bahnstationen Neukölln und Hermannstraße steht sinnbildlich für die bunte Vielfalt unterschiedlicher sozio-ökonomischer Berliner Milieus. Hier leben Rentner, Studierende und Großfamilien aus allen erdenklichen Schichten. Alle mit ganz eigenen Biografien im Gepäck und verschiedenen Lebensstilen im Blick.

Eine schützenswertes Soziotop, das trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Mannigfaltigkeit zwischen Freiheit und Ignoranz gratwandelt. So läuft das lebendige Miteinander stets Gefahr, durch großstädtische Unverbindlichkeit zu einem anonymen Nebeneinder zersetzt zu werden. Da ist es nicht ungewöhnlich, dass die Bewohner jahrelang in ihrem Haus leben, ohne den Nachbarn jemals begegnet zu sein. Fotografin Jenny Fitz will mit ihrer Porträtserie „Emser Köpfe“ bewirken, dass sich die Menschen, die in der Emser Straße leben, kennenlernen und so ein neues Miteinander entsteht.

An die 70 Bewohner der Emser Straße haben sie und ihre Projektpartner inzwischen fotografiert. Sie wollen Neugier wecken: Wer sind die Menschen, die Tür an Tür mit einem selbst wohnen? Was machen sie in ihrem Leben? Was haben sie gemeinsam? Fitz und ihre Kollegen animierten Teilnehmer dazu, die Fotos anderer Porträtierter zeitweise bei sich ins Fenster zu hängen – und die Emser Straße in einen öffentlichen Ausstellungsraum zu verwandeln. Wir haben mit Jenny Fitz über das Projekt gesprochen.

Frau Fitz, wo in Berlin leben Sie? 

Im Norden Neuköllns, in der Emser Straße.

Sie haben also einen persönlichen Bezug zu den „Emser Köpfen“.

Der Umstand, das ich hier wohne und arbeite, stellt tatsächlich einen persönlichen Bezug her. Es lag also nahe, mich mit dem Umfeld zu beschäftigen, in dem ich mich täglich bewege. Aufgewachsen bin ich allerdings eher in dörflichen Verhältnissen, wo Nachbarschaft sicher anders gelebt wird als in einer Großstadt. Man kannte sich, man redete miteinander, man half sich aus, nahm Anteil an dem, was um einen herum passierte. 

Es gab vorrangig ein Gemeinschaftsgefühl, das mein Bild von Nachbarschaft geprägt hat. Viele lebten seit mehreren Generationen im gleichen Viertel, meine Eltern kannten manche unserer Nachbarn noch aus Kindertagen, die Großeltern hatte gemeinsam Häuser gebaut, so etwas verbindet. 

Was macht gerade die Emser Straße für Ihr Projekt so interessant, sowohl in aktueller Hinsicht als auch im historischen Kontext?

Die Straße ist sehr vielfältig, hat die letzten Jahrzehnte immer wieder starke Wandel durchlaufen, nicht zuletzt durch Zu- und Abwanderung. Seit Neukölln zum begehrten Wohnviertel wurde oder gemacht wurde, hat sie - wie unzählige andere Straßen in Berlin auch - mit Symptomen von Gentrifizierung zu kämpfen: jahrelanger Leerstand, zunächst billiger Wohnraum, dadurch Zuzug von Künstlern und Studenten, Cafés, Shops. 

Und dann Investoren, die am allgemeinen Ausverkauf natürlich auch mitmachen, und für die Häuser in erster Linie Waren sind, mit denen man verdienen kann, schließlich sind wir ja im Land der Märkte. Modernisierungen, Verdrängung von Alt-Mietern und so weiter. Manches beobachte ich, manche der beschriebenen Auswirkungen bekomme ich am eigenen Leib zu spüren. 

Inwiefern?

Das Haus, in dem ich wohne, gehörte früher einem großen kommunalen Wohnungsbauunternehmen. Vor allem einkommensschwächere Haushalte sollten damit „gut, sicher und bezahlbar wohnen“. Vor einigen Jahren privatisiert, gingen unzählige Häuser über den Ladentisch, sicherten damit vor allem die Profite und haben die Mieten zu Mondpreisen ansteigen lassen. Wohnungen, die saniert bzw. modernisiert und nach zwei, drei Jahren einfach nochmal saniert bzw. modernisiert wurden, um dann fast 20 Euro pro Quadratmeter zu verlangen: Das macht mich wütend. 

In anderen Häusern kommt es zu Entmietung, ehemalige Sozialwohnungen werden zu Luxus-Apartments umfunktioniert, Menschen bekommen Besuche von potentiellen Käufern ihrer Wohnungen. Was soll das und warum können die das mit uns machen, frage ich mich. Ein Haus ist doch in erster Linie ein Zuhause für seine Bewohner. Auf der anderen Seite muss ich natürlich auch meine eigene Position befragen. Als zugezogener Künstler bin ich ja selbst Teil der Veränderungsprozesse. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich und solche Gedanken fließen auch mit in meine Arbeit ein, das bleibt gar nicht aus. 

Würden Sie sagen, dass die Emser Straße quasi als Blaupause für die Probleme Berlins in Fragen der sozialen Entwicklung aber auch mit den Blick auf die städtebauliche Zukunft gesehen werden kann?

Vielleicht insofern, als dass sich meine Erfahrungen vielerorts in Berlin beobachten lassen. Die Emser Straße steht hier also stellvertretend für viele andere. Ich glaube auch, das wir eine Veränderung brauchen, oder überhaupt die Möglichkeit wieder sehen können, dass sich Dinge verändern können: die Wohnungspolitik geht momentan zugunsten weniger, auf Kosten vieler, was zu Hilflosigkeit, Ohnmacht und Sprachlosigkeit führt. 

Trotzdem kann ich die Frage eigentlich nur aus künstlerischer Sicht beantworten: Ein Projekt wie dieses befindet sich immer an der Schnittstelle zwischen Kunst und Realbezug, aus dieser Spannung entsteht meine Arbeit, die man sowohl für sich als auch im größeren Kontext deuten kann. Sie soll Fragen aufwerfen, Gefühle auslösen, im besten Fall einen Dialog. Mit allen Beteiligten.

So scheinen die „Emser Köpfe“ zweierlei motiviert: Einerseits mahnender Fingerzeig auf die Bedrohung der Vielfalt durch Mietspekulation. Andererseits eben auch der soziale Aspekt des einfachen, nachbarschaftlichen Miteinanders? 

Ja, die Straße besteht eben nicht nur aus 140 Mietobjekten, sondern erst einmal aus Menschen, die sie bewohnen und gestalten. Und Sie haben insofern recht, wenn man Vielfalt zeigen möchte, dass das zwangsläufig Fragen nach der Bedrohung dieser Vielfalt aufwirft. Wenn hier durch städtebauliche Maßnahmen eine Art Gleichmachung vorangetrieben wird, dann muss ich mich dagegen aussprechen. Eine Gesellschaft wird erst lebendig und schön durch Vielfalt und Widersprüche. Die Heterogenität ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Geht es vor allem auch darum, Neugier auf das Miteinander zu erwecken und unterschiedliche Menschen näherzubringen?

Auf jeden Fall. Da wir das Fotografieren auf die Straße verlegt haben, gab es oft auch Nachbarn, die stehenblieben und dadurch ins Gespräch kamen. Oder mehr über unsere Arbeit wissen und mithelfen wollten. Das ist ja das Faszinierende: Wenn man sich auf der Straße aufhält, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man irgendwann miteinander redet.

In der Nachkriegszeit muss es hier ein ganz außerordentliches Gemeinschaftsgefühl gegeben haben. Ein alter Mann, den wir letztes Jahr fotografierten, erinnerte sich, dass alles zerstört war. Man musste zusammenhalten und gemeinsam etwas aufbauen. Über zwanzig Kneipen gab es früher, sagte er, weil die Wohnungen teilweise stark überbelegt waren, sei man halt in die Kneipe gegangen. Und: „Wenn meine Frau morgens zum Bäcker wollte, kam sie manchmal erst zwei Stunden später wieder, weil sie dauernd jemanden traf, den sie kannte.“ Solche Geschichten sind spannend, weil klar wird, welchen starken Veränderungen ein Ort unterworfen ist.

Gab es in diesem Zusammenhang ein besonderes Erlebnis oder Ereignis, das Sie zu Ihrem Projekt gebracht hat? 

Vor ein paar Jahren gab es in meinem Haus eine alte Dame, die hier schon sehr lange wohnte. Man wusste, wie sie hieß, aber kaum einer hatte Kontakt zu ihr. Ich sah sie oft auf der Straße herumlaufen, manchmal hatte sie große Tüten dabei, viel zu schwer für sie, aber sie bestand darauf, sie alleine zu tragen. Eigenbrötlerisch, manchmal auch etwas abweisend, muss sie doch aber den Kontakt nach draußen gesucht haben, denn sie war sehr oft auf der Straße. Gerne auch mal nachts mit einem Bier, sitzend vor einer Kneipe, fast immer aber alleine.  

Dann war sie mit einem Mal nicht mehr da, und es ist mir auch erst gar nicht weiter aufgefallen, bis ich erfahren habe, das sie in der Zwischenzeit gestorben war, und mehrere Wochen unbemerkt in ihrer Wohnung lag, bis man sie gefunden hat. Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Wie stehe ich denn zu meinen Nachbarn? Weiß ich etwas von den Menschen, die ich nachts durch die dünnen Wände hindurch husten höre?

Kann das Projekt tatsächlich dabei helfen, soziale Spannungen im alltäglichen Miteinander zu überwinden?

Das lässt sich so einfach nicht beantworten. Spontan würde ich sagen, nein, nicht so direkt, da könnte man ja mit ein paar Fotos die Welt verändern. Aber die Fotografie ist ein wirksames Instrument, um in Kontakt zu kommen, und Themen in den Blick zu nehmen. Nachbarschaft ist kein starres Konstrukt, sie verändert sich, Differenzen entstehen, werden wieder beigelegt, indem man miteinander spricht. 

Ein Späti, bei dem sich alle treffen, ist zum Beispiel ein Ort oder Knotenpunkt, um sich im alltäglichen Miteinander zu üben, ebenso wie ein Friseur oder ein Café. Er hat von daher sicher mehr Einfluss auf Konflikte als ein Fotoprojekt. Die Wirkung, die eine künstlerische Arbeit haben kann, ist eine andere: Sie kann etwas sichtbar machen, was oft im Alltag verloren geht, oder man vergisst es schnell wieder: die Schönheit eines Gesichts, auch eines fremden Gesichts, das einen anschaut. Die Flüchtigkeit einer menschlichen Begegnung in ein Bild bringen, als Ausdruck einer Bewegung hin zum Anderen.

Sie porträtieren Köpfe und fokussieren sich somit ausschließlich auf die Personen selbst. Sie könnten die Menschen doch aber auch in ihrer Umgebung fotografieren, zum Beispiel in ihrer Wohnung oder auf der Arbeit - und uns damit noch mehr Informationen über die Personen geben?

Darauf wollte ich hinaus. Die Aufmerksamkeit gilt dem Gesicht oder vielmehr dem Blick. Die direkteste Form der Begegnung zwischen zwei Menschen ist der Blickkontakt, sie teilen einen Augenblick, im Moment der Aufnahme unglaublich flüchtig, aber trotzdem passiert dieser Moment. Der Porträtierte schaut direkt in die Kamera, es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Fotograf, Fotografiertem und Kamera. In der Betrachtung des Fotos findet dann auch wieder eine Begegnung statt. Ein Porträt kann für mich lebendig werden, und mich genauso anschauen, wie ich es anschaue.

Sie wollen also alles vermeiden, was im Bild von der Person ablenken könnte?

Ja. Die minimalistische Form, erlaubt es, sich auf den Blick eines Menschen zu konzentrieren, gleichsam herausgeschält. Ein Gesicht ist absolut einzigartig, und erzählt mir etwas von seiner Erfahrung, seiner Haltung, sein Blick konfrontiert mich mit einer Art unmittelbarer Wahrheit, die über das rein Informelle hinausgeht. Sobald Dinge hinzukommen, fange ich an zu abstrahieren und zu werten: Wohnungseinrichtung? Schuhe? Beruf?  Es geht aber um das Ansehen von jemandem in einem anders gedachten Sinn. Etwas, was ich in erster Linie wahrnehmen kann, aber nicht sogleich deuten kann, weil mir die Hinweise zur Deutung fehlen. Kurz gesagt: es geht um Persönlichkeiten.

Interessant ist, dass Sie die Porträts in einen „Kreislauf“ bringen, indem sie die Fotos etwa auf Festivals wie „48 Stunden Neukölln“ ausstellen und dazu Bildpaten suchen. Warum machen Sie das?

Die Bildpaten sind Menschen, die wir gebeten haben, in der Straße das Porträt eines anderen bei sich ins Fenster zu hängen, also für den Zeitraum eines Wochenendes einen ihnen nicht bekannten Nachbarn zu beherbergen, ihn also für zwei Tage bei sich aufzunehmen. Was dann auch zu Verbindungen führen kann: Wenn man sich als Bildpate fragt, wer ist das denn, der da in meinem Schaufenster oder Wohnzimmerfenster hängt? 

Diese Art der Installation hat natürlich auch ihre Tücken. Da die Fenster alle unterschiedliche Formate haben, musste jedes Bild auch individuell zugeschnitten werden, manche sind groß und müssen aus mehreren Teilen zusammenmontiert werden. Ein ziemlicher Aufwand, der ohne die Menge an Helfern gar nicht zu stemmen gewesen wäre. Die Emser Straße wurde also für zwei Tage zum öffentlichen Kunstraum, die Ausstellung ist dabei eher als Teil des Projektes zu sehen, im Vordergrund steht die soziale Diffusion.

Das Projekt ist dialogisch, quasi auch ein Stück weit interaktiv angelegt?

Wenn man bei dem Gedanken des Gemeinschaftsprojekt bleibt, kommt man gar nicht umhin, das Ganze interaktiv zu denken. Ich kann mir alles mögliche ausdenken als Künstler, eine Skulptur, ein Bild schaffen, alles ohne fremde Hilfe in meiner Kammer. Wenn ich aber andere einbeziehe, dann entsteht etwas außerhalb meiner Kontrolle. Natürlich auch mit dem Risiko des Scheiterns. Zum Beispiel wenn keiner mitmacht.

Konkret heißt das: Bewohner kommen in Kontakt mit anderen, erzählen ihre Geschichten. Die Präsentation der Ergebnisse dieses Austauschs könnte man als Reokkupation betrachten. Sich selbst organisieren, Initiative ergreifen, heißt das für mich, mit dem, was einem gegeben ist, sich einsetzen für eine bunte Straße, in der man sich gerne aufhält, wo Leben und Kunst gleichermaßen stattfindet.

Das Projekt läuft immer noch weiter und geht beim Festival „48 Stunden Neukölln“ in diesem Jahr in die zweite Runde . Wann und wie glauben Sie, hätten Sie Ihr „Ziel“ erreicht? 

Ein Projektziel im klassischen Sinne gibt es nicht, so nach dem Motto: „Wenn wir erst alle fotografiert haben, dann ist die Sache erledigt.“ Das ist auch insofern utopisch, weil eine Gesellschaft nie fertig ist, also kann auch die Erzählung nie fertig sein. Und da Sie den interaktiven Part angesprochen haben, würde ich sogar sagen, nein, es ist extrem spannend, zu schauen: Wie könnte eine Reokkupation der Straße aussehen? Wer hat okkupiert? 

Was wünschen Sie sich in Fragen der Sozialpolitik und Wohnungsbau von der Berliner Politik?

Zunächst haben die initiierten Maßnahmen wie Mietpreisbremse, Zweckentfremdung und Milieuschutz Hoffnung darauf gemacht, dass sich die extremen Entwicklungen wie Gentrifizierung, Verdrängung und Kommerzialisierung wenigstens verlangsamen. In der Realität sieht das leider oft anders aus. Ein Bekannter, der eine Wohnung anmieten wollte und den illegalen neuen Mietpreis zur Sprache brachte, wurde abgekanzelt. Wehren kann man sich kaum bis gar nicht. 

Auch nicht, wenn die Wohnung mehrmals hintereinander saniert und  modernisiert wird und man über lange Monate mit Lärm, Schmutz und Baugerüsten gestört wird. Vor allem ältere Menschen haben wenig Kraft, Geld und Mut, um für Ihre Rechte einzustehen. Mein Wunsch wäre also die tatsächliche Durchsetzung der Regeln, die Mieter und Milieus schützen sollten.

Das Gespräch führte Clemens Schnur.

Mehr Informationen finden Sie unter https://www.emserkoepfe.de/ und https://www.facebook.com/emserkoepfe