Die Zahl der Taschendiebstähle in Berlin sinkt. Die Polizei erfasste nach Angaben eines Sprechers von Januar bis Ende April dieses Jahres nur noch 7 586 Fälle von Taschendiebstahl. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es noch mehr als doppelt so viele: 15.267 Fälle.

44.722 Mal waren im vergangenen Jahr in der Hauptstadt Berliner und Touristen bestohlen worden. Das war der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre. Nur 5,3 Prozent der Taten wurden aufgeklärt.

In diesem Jahr registriert auch die Bundespolizei, zuständig für die Sicherheit auf Bahnanlagen und Flughäfen, einen Rückgang. „Von Januar bis Ende April haben wir deutliche Rückgänge verzeichnet“, sagt Jens Schobranski, Sprecher der Bundespolizei. „Die Zahl der Taschendiebstähle sank von rund 4400 im Vergleichszeitraum des Vorjahres auf nunmehr 2800.“ Im vorigen Jahr hatte allein die Bundespolizei mehr als 14.000 Taschendiebstähle verzeichnet – ein Rekord.

Für die positive Entwicklung sehen die Polizeibehörden drei Gründe: mehr Präventionsarbeit, etwa mit Infoständen. Hinzu kommen Ermittlungserfolge gegen Banden und deren Hintermänner sowie eine bessere Zusammenarbeit mit der Justiz.

„Scara Rulanta“ und „Charlotte“ 

Die Bundespolizei leitete im vergangenen Jahr zwei große Verfahren unter den Namen „Scara Rulanta“ (rumänisch für Rolltreppe) und „Charlotte“ ein. Sie richteten sich gegen zwei große rumänische Banden. Eine Gruppierung hatte sich auf Diebstähle auf Rolltreppen spezialisiert. Die Täter nutzten die Enge und die Staus auf den Treppen aus und betätigten unter anderem die Not-Ausschalter. Durch den plötzlichen Stillstand der Treppen wurden die Opfer abgelenkt, die Diebe griffen zu.

Eine andere Bande agierte vom S-Bahnhof Charlottenburg und vom Stuttgarter Platz aus. Die Bundespolizisten konnten nicht nur einzelne Diebe ermitteln sondern auch die Bandenchefs – Oberhäupter eines Clans in Rumänien. Mehr als 100 Täter wurden zu Haftstrafen verurteilt. 

Der Rückgang der Diebstähle hängt offenbar nicht nur mit der Ergreifung von bandenmäßig organisierten Intensivtätern zusammen, sondern auch mit einem besseren Verständnis bei der Justiz. Seit dem vergangenen Jahr hospitieren Amtsanwälte im Landeskriminalamt und gewinnen Einblick in die Praxis der Taschendieb-Fahnder. Polizeipräsident Klaus Kandt hatte bereits im März gesagt: „Wir haben den Staatsanwälten die Lage vor Ort dargestellt, die durch bloßes Studium der Ermittlungsakten nicht vermittelbar ist. Dadurch seien die Haftquoten gestiegen. 

Seit August schlage sich das auch in einer rückläufigen Entwicklung bei Taschendiebstählen nieder, die sich auch in diesem Jahr fortgesetzt habe.
Früher ließen Staatsanwälte und Richter ertappte Täter nach kurzer Zeit wieder laufen, weil ein oder zwei Taschendiebstähle als Kleinkriminalität gewertet wurden. So passierte es mitunter, dass Fahnder, die zu Schichtbeginn einen Täter festgenommen hatten, den gleichen Täter bei Schichtende wieder beim Diebstahl erwischten. Jetzt sehen die Juristen das gewerbs- und bandenmäßige Vorgehen hinter den Taten.

1000 bis 2000 Euro Beute an den Clanchef abführen

Diese Einsicht gibt es in Bundesländern wie Bayern schon seit mehreren Jahren, wo die Haftquote wesentlich höher liegt als in Berlin. Viele der Festgenommenen kommen allerdings nach dem Haftprüfungstermin 14 Tage oder vier Wochen später wieder in Freiheit. Dennoch haben Ermittler diese Zeit, die Hintergründe des Täters weiter zu erhellen. Und die Haft hat einen Nebeneffekt: bandenmäßig organisierte Taschendiebe müssen pro Tag 1000 bis 2000 Euro Beute an ihren Clanchef abführen. Wenn sie nicht liefern, ist das für den Clan schmerzhaft.

Grund zur Entwarnung besteht nicht: „Nach wie vor wird es den Dieben zu leicht gemacht“, sagt Schobranski. „Weil viele Menschen zu unvorsichtig sind, Smartphone oder Portemonnaie in der Gesäßtasche tragen oder den offenen Rucksack auf dem Rücken.“