Doppeldeckerbusse sind bei den Fahrgästen beliebt, aber in die Jahre gekommen. Dieses Exemplar, geführt als Neoman DL07, wurde 2007 geliefert.
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BerlinSie gehören zu den Dingen, die diese Stadt zu etwas Besonderem machen. Touristen freuen sich über die Aussicht vom Oberdeck, Berliner mögen sie, weil sie relativ viele Sitzplätze bieten. Doch die Zahl der Doppeldeckerbusse schrumpft immer weiter. Weniger als die Hälfte der Fahrzeuge, die es vor einigen Jahren bei den Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) gab, sind heute noch im Einsatz. Das ärgert viele Fahrgäste. Sie müssen mit kleineren Bussen vorliebnehmen, die dem Andrang häufig nicht gewachsen sind. Bis sich die Lage spürbar bessert, wird noch einige Zeit vergehen.

„Von ehemals 416 Fahrzeugen sind noch 330 im Bestand“, sagte die BVG-Sprecherin Petra Nelken der Berliner Zeitung. Doch längst nicht alle verbliebenen Doppeldeckerbusse befördern noch Fahrgäste. „Von den 330 befinden sich 130 in der Hauptwerkstatt zum technischen Bearbeitung“, teilte das Landesunternehmen weiter mit. Unterm Strich werden also gerade mal 200 Doppeldeckerbusse im täglichen Betrieb eingesetzt – nur 48 Prozent des früheren Bestands.

Auf stark genutzten Linien wie der M29 oder M48, wo einst alle Fahrten mit Doppeldeckern abgewickelt wurde, tauchen immer öfter kleine Busse auf – und dann kann es voll werden. „Auf manchen Strecken sind Gelenkbusse nicht zugelassen. Daher müssen teilweise Eindecker eingesetzt werden“, erklärte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Attraktiver Nahverkehr sieht anders aus.

Oberdeck für Frauen verboten

Die prekäre Situation markiert eine weitere Etappe des Niedergangs einer Berliner Ikone. Dabei sind doppelstöckige Fahrzeuge aus dem Berliner Straßenbild seit vielen Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken.  Schon bald, nachdem die Omnibus-Compagnie 1846 auf fünf Pferdebuslinien den Betrieb aufgenommen hatte, rollten Wagen mit Oberdeck durch die Stadt. Frauen durften erst 1896 nach oben, aus Gründen der „Schicklichkeit“. Die Obrigkeit befürchtete, dass Männer unter die Röcke schauen. Auch die ersten Berliner Motorbusse hatten 1905 zwei Etagen, wobei die obere zunächst ohne Dach auskommen musste. Seit 1925 fahren Doppeldeckerbusse mit geschlossenem Oberdeck durch die Stadt. Bei der BVG wuchs die Zahl zeitweise auf mehr als 1100 – aber das ist schon viele Jahre her.

Die jüngste Anschaffung liegt ebenfalls lang zurück.  Die langen Dreiachser vom Typ DL A39, aus denen die Flotte bis heute besteht, kamen von 2005 bis 2010 von MAN zur BVG. Die Fahrzeuge, die auch unter der Bezeichnung Lion's City DD bekannt sind, haben 83 Sitz- und 45 Stehplätze für insgesamt 128 Fahrgäste, sie sind 13,70 Meter lang und verfügen über zwei Treppen. Bei den Fahrgästen sind sie beliebt. Doch schon bald wurde den Fachleuten klar, dass sie über eine weitere Bus-Generation nachdenken müssen. Wie beim Vorgängertyp SD 202 begann Rost an den Karosserien zu nagen.

Personalabbau verschlimmerte die Situation

Personalabbau in den Werkstätten trug dazu bei, dass sich das Problem verschlimmerte. Nicht nur bei der S-Bahn sei rationalisiert worden, sagte ein Mitglied des BVG-Gesamtpersonalrats damals. Von den rund 600 Arbeitsplätzen, die es früher in den Buswerkstätten gegeben habe, wären lediglich 400 übrig geblieben. Und weil der Einkauf aus Spargründen warte, bis größere Ersatzteilbestellungen zusammenkommen, stünden kaputte Busse oft tagelang still.

Zwar wurden zwei Rost-Busse 2012 probehalber erneuert, aber erst 2016 begann ein größeres Sanierungsprogramm. Auch die große Ausschreibung neuer Doppeldecker, die immer wieder in Aussicht gestellt wurde, kam über Jahre nicht in Gang. Doppeldecker, die noch mehr als andere Busse als Manufakturware gelten, sind ungefähr doppelt so teuer wie Gelenkbusse – das war eines der internen Argumente. Auch der Betrieb ist verhältnismäßig aufwendig. So werden auf 100 Kilometer bis zu 60 Liter Dieselkraftstoff verbraucht.

Als Ausweg aus dem Dilemma wurde geprüft, kurze Doppeldecker anzuschaffen, die zehn bis zwölf Meter lang sind und mit einer einzigen Treppe auskommen. Steigende Fahrgastzahlen trugen aber dazu bei, dass dieser Plan wieder verschwand. 2018, das ist die jüngste Zahl, wurden Busse und Fähren von 456 Millionen Fahrgästen frequentiert – rund 18 Prozent mehr als 2010. Die Zahl der Busse stieg in diesem Zeitraum auf 1440, ein Plus von acht Prozent.

2016 begann endlich ein Vergabeverfahren für neue Doppelstockbusse, das der britische Hersteller Alexander Dennis knapp zwei Jahre später gewann. Der mit Diesel betriebene Enviro 500 ist 13,8 Meter lang und hat Platz für bis zu 128 Fahrgäste – so viele wie die jetzigen Doppeldecker. Zunächst geht es um 200 Busse, doch der Rahmenvertrag beläuft sich auf bis zu 430 Fahrzeuge.

Auf Verschleiß gefahren

Inzwischen hat sich der Zustand der jetzigen BVG-Doppeldeckerbusse weiter verschlechtert. „Die Busse werden auf Verschleiß gefahren“, wird berichtet. In den Substanzerhalt werde kaum etwas investiert. Immer mehr Fahrzeuge werden ausgemustert. Laut BVG sind davon Fahrzeuge betroffen, deren Weiterbetrieb unwirtschaftlich wäre – weil die Instandsetzung der Karosserie, von Motoren, Getrieben und Achsen angesichts der begrenzten Restlaufzeit zu teuer würde. Besonders viele Ausmusterungen werden vor allem von den Busbetriebshöfen  Cicerostraße (Wilmersdorf), Britz sowie Müllerstraße (Wedding) gemeldet. Aber auch der Hof Indira-Gandhi-Straße in Weißensee verzeichnet Abgänge bei den Doppeldeckern.   

Immerhin: Die ersten beiden neuen Doppeldeckerbusse von Alexander Dennis befinden sich gerade auf der britischen Insel in der Produktion. „Wir erwarten die Vorserienfahrzeuge im September 2020“, sagte Nelken. Bewähren sie sich, werden im Anschluss daran weitere 198 Dreiachser geliefert: 20 im Jahr 2021, der Rest 2022. Dem Vernehmen nach soll der Großteil im Betriebshof Cicerostraße stationiert werden. Das würde bedeuten, dass Doppeldeckerbusse auf manchen Linien künftig noch seltener werden – oder dort gar nicht mehr fahren. Die Zukunft des beliebten Bustyps ist keineswegs sicher.