BerlinWann es anfing, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. 2018, vielleicht schon früher. Acht Briefe sind es jedenfalls inzwischen, Drohbriefe allesamt. Der Berliner Fußballschiedsrichter Jonas Tylewski hat sie als Beweisstücke aufbewahrt. Mit der Hand sind sie geschrieben, einige könnten den Tatbestand der Nötigung erfüllen. In einer Passage zum Beispiel heißt es, originalgetreu wiedergegeben: „Wer sich so wie Sie als SR benimmt darf sich nicht wundern wenn er auch die Schnauze bekommt.“

Die Briefe richten sich gegen Tylewski und seine Art der Spielleitung, Kollegen des 26-Jährigen haben ähnliche Drohungen erhalten. Sie betreffen Begegnungen verschiedener Vereine, vor allem von Berlinligisten, Landesligisten, vereinzelt Regionalligisten. Doch auch den Bundesliga-Profi Max Kruse vom 1. FC Union nahm der Verfasser offenbar schon ins Visier, eine Postkarte an den Stürmer sorgte für Aufsehen. „Wir haben festgestellt, dass die Handschrift auf Karte und Briefen identisch ist“, sagt Tylewski.

Einer Anzeige zu Beginn des Jahres ging die Staatsanwaltschaft nicht nach. Sie erkannte in der Schmähpost keine Bedrohung für den Empfänger. Doch auch ohne Strafverfahren wirft der Fall ein Schlaglicht auf die Situation von Schiedsrichtern in unteren Fußballklassen. Erneut scheint im Sport eine allgemeine Fehlentwicklung deutlich sichtbar zutage zu treten.

Rettungssanitäter werden in Hinterhalte gelockt, Feuerwehrleute beim Löschen behindert, Polizisten attackiert, einstige Autoritäten nicht mehr anerkannt. Einen Rückgang an Respekt und Empathie gegenüber Mitmenschen erkennt der Kriminologe Thomas Feltes in einer Studie zu derartigen Übergriffen. Der Professor der Bochumer Ruhruniversität macht eine allgemeine Tendenz zur Verrohung der Gesellschaft dafür verantwortlich.

Und im Fußball? „Wir erleben in jedem Spiel verbale Übergriffe, alles unter der Gürtellinie“, sagt Tylewski stellvertretend für seine Berliner Kollegen. „Das geht gegen Schiedsrichter, Gegenspieler, kommt aus den Reihen der Mannschaften, von Trainern, Funktionären, Zuschauern.“ Emotionen – damit werden die Entgleisungen entschuldigt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung soll Beleidigungen nachträglich entschärfen.

Auf Meinungsfreiheit berief sich auch der Berliner Drohbriefautor. Tylewski hat ihn angerufen, denn einmal hinterließ er einen Stempel mit Namen und Anschrift. „Er behauptete, nur die von ihm gezeichneten Schreiben stammten wirklich von ihm.“ Stets waren Spielberichte aus der Fußballwoche der Ausgangspunkt, meist unterzeichnete der Briefautor als Fan des angeblich benachteiligten Vereins. Einmal lautete die frei erfundene Signatur: „Berliner Türkenrat“. Der Klub Al-Dersimspor war diesmal angeblich Opfer einer Fehlentscheidung geworden.

Fälle von Gewalt und Diskriminierung nahmen zu

Dabei sind es gerade die Schiedsrichter, die Sonntag für Sonntag einen Kampf gegen Ignoranz und Vorurteile führen. „Wenn es in rassistische, homophobe Richtungen geht, bei Kollegen oder Gegenspielern, die nicht – in Anführungszeichen – biodeutsch aussehen oder die offen homosexuell leben, dann kann ich das nicht akzeptieren“, sagt Tylewski.

Früher hätten Unparteiische die alltäglichen Verbalattacken oft hingenommen, sagt Tylewski, nach einem Streik im Oktober vergangenen Jahres habe sich das Verhalten jedoch geändert. Mehr als 1000 Partien im Berliner Fußball mussten damals abgesagt werden, weil die Schiedsrichter sich weigerten, anzutreten. Gegenüber dem Vorjahr hatten die registrierten Fälle von Gewalt und Diskriminierung um 20 Prozent zugenommen. Während der noch jungen Saison registrierte der Berliner Fußball-Verband (BFV) bereits mehr als 100 Vergehen, rund die Hälfte betrafen Schiedsrichter. Nun sollte ein Zeichen gesetzt werden.

Die Tübinger Kriminologin Thaya Vester hatte zuvor in einer Langzeitstudie keine Zunahme der Brutalität auf dem Fußballplatz festgestellt. Die Zahl der Spielabbrüche als mögliches Indiz etwa blieb gleich. „Vielmehr hat das etwas mit Sensibilisierung zu tun, die generell angebracht und gut ist“, hat sie vor einem Jahr in einem Interview auf dem Portal des Deutschen Fußball-Bundes gesagt.

Das ist auch die Beobachtung von Jörg Wehling, der dem BFV-Schiedsrichterausschuss vorsteht. „Schiedsrichter trauen sich öfter, Regelverstöße öffentlich zu machen.“ Wehling meint, der Streik 2019 habe diesen Bewusstseinswandel bewirkt. Außerdem verschärfte der BFV die Strafen. Sechs Monate statt zuvor sechs Wochen Sperre verhängt das Sportgericht jetzt bei Übergriffen auf Schiedsrichter.

Vom kommenden Jahr an erhalten die Unparteiischen noch auf eine ganz andere Art Rückendeckung. „Wir haben einen Sponsoren gefunden, der die Stelle einer Sportpsychologin finanziert“, sagt Wehling. Die coronabedingte Spielpause kommt dem Start des Projekts zugute. Die Schiedsrichter gewinnen Zeit, um auf Konflikte vorbereitet zu werden. Sie trainieren im Rollenspiel das Verhalten in erhitzter Atmosphäre, erproben Strategien der Deeskalation. Läuft die Saison wieder an, steht die Psychologin jenen zur Seite, die Opfer von Übergriffen geworden sind. „Das ist in Deutschland einzigartig“, sagt Wehling.

Dennoch dürfte sich auch der BFV von anderen Landesverbänden ruhig etwas abgucken, findet Schiedsrichter Tylewski. „Wenn wir im Austausch Spiele in Brandenburg leiten“, sagt er, „begleiten uns zwei Ordner von der Kabine zum Spielfeld und zurück.“ Die Ordner gehören zu den gastgebenden Vereinen, tragen Westen, sind für jedermann erkennbar, erkennen ihrerseits potenzielle Störenfriede auf und neben dem Platz, führen ein sogenanntes Ordnerbuch, in das besondere Vorkommnisse eingetragen werden. Sie stehen in der Verantwortung. „Das gibt es in Berlin nicht“, sagt Tylewski. „Es ist offenbar nicht von allen Vereinen gewünscht, dass es das gibt.“

Viele Spieler, Trainer und Funktionäre sehen in Schiedsrichtern eine Notwendigkeit, nicht einen Teil des Spiels. Vereine müssen Schiedsrichter in ihren Reihen haben, falls nicht, kostet das Geld und Punkte in der Tabelle. „Wir bieten immer wieder Regelschulungen an“, sagt Tylewski, der Mitglied bei Concordia Britz ist. „Da ist aber bisher nichts zurückgekommen. Dass solche Angebote nicht wahrgenommen werden, höre ich von vielen anderen Vereinen auch.“

Strafanzeige gegen den Drohbriefschreiber

Einen Perspektivwechsel schaffen, sagt Wehling, als Spieler einmal die Blickrichtung des Schiedsrichters einnehmen, das würde vermutlich mehr bewirken als die härtesten Strafen. „Wir werden als Dienstleister gesehen“, meint der Berliner Schiedsrichterchef. Das würde in eine Gesellschaft passen, die bis in den letzten Winkel durchökonomisiert ist. Gefällt die Dienstleistung nicht, weil dadurch die eigene Mannschaft angeblich benachteiligt wird, wird sich lautstark zur Wehr gesetzt. Eine Geld-zurück-Garantie ist schließlich nicht vorgesehen.

Das ist eine Sicht der Dinge, die gewinnmaximierende. Es gibt allerdings noch eine andere, die ehrenwert ehrenamtliche. Nach dem Streik im Oktober 2019 meldeten sich beim BFV so viele Interessenten zur Schiedsrichter-Ausbildung an wie nie zuvor. Spielleiter zu sein, schien sehr attraktiv zu sein. „Die Konfrontation mit der Realität hat die Begeisterung bei so manchem allerdings getrübt“, sagt Wehling.

Entscheidend ist auf dem Platz, lautet eine Floskel auf Fußballdeutsch. Auch abseits davon wird Wichtiges entschieden, sagt dagegen Tylewski. Er prüft eine erneute Klage gegen den mutmaßlichen Drohbriefschreiber. Dessen Wirken ist ja nun öffentlich bekannt, nicht zuletzt dank Max Kruse vom 1. FC Union. Jonas Tylewski wiederum ist von Beruf Jurist, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Kanzlei für Medien- und Urheberrecht. Er kennt sich bestens aus mit der Meinungsfreiheit. Und mit ihren Grenzen.