Polizisten besichtigen den Rohbau für die Schießbahnen.
Foto: Andreas Kopietz / Berliner Zeitung

BerlinEtliche Polizisten klagen über Gesundheitsbeschwerden, weil die Schießstände der Berliner Polizei lange marode waren. Wegen schlechter Entlüftungsanlagen wurden die giftigen Pulverdämpfe nur ungenügend abgesaugt.

So etwas soll nie wieder passieren. Berlins Polizei ist dabei, die seit Jahren andauernde Misere auf ihren Schießständen zu beseitigen. Am Dienstag feierte sie bei Nackensteak und Grillkäse in Biesdorf Richtfest für eine neue Schießanlage. Das Gebäude entsteht auf dem Polizeigelände Cecilienstraße, Ecke Blumberger Damm.

9,5 Millionen Euro Baukosten

Hieß es im Mai noch, dass das neue Einsatztrainingszentrum (ETZ) samt Schießanlage im Frühjahr 2020 fertiggestellt sein soll, geht die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) nun davon aus, dass es im dritten Quartal des nächsten Jahres eröffnet wird.

Die Kosten für die Schießanlage liegen bei 9,5 Millionen Euro. In einem Nachbarhaus entstehen zudem weitere Ausbildungsräume. Der Ausbau zum Einsatztrainingszentrum kostet weitere 32 Millionen Euro.

Antimon und Asbest

Einsatztraining
Das Land Berlin plant die Errichtung fünf neuer Einsatztrainingszentren (ETZ). Sie sollen regelmäßiges Schießtraining gewährleisten und die Voraussetzungen für Einsatztraining erfüllen. Unter anderem erhalten die ETC Übungswohnungen und Übungstreppenhäuser und eine Lasersimulationsnlage.

Marode Schießstände:
Ab 2013 musste die Polizei zahlreiche Schießstände schließen. Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich aus den Wänden Asbestfasern lösten, die krebserregend sein können. Außerdem war in einigen Schießständen die Atemluft unter anderem mit dem giftigen Halbmetall Antimon belastet.

Erkrankung:
Eine Charité-Studie konnte keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Schadstoffbelastung und Krebserkrankungen betroffener Polizisten feststellen. Gleichwohl legte das Land einen Entschädigungsfonds auf. 453 von 785 Beamten erhielten Geld. Einen Rechtsanspruch haben die Antragsteller jedoch nicht.

In dem Rohbau der Schießanlage werden nun sechs 25-Meter-Schießbahnen installiert, auf denen mit Pistolen und Maschinenpistolen geübt werden kann.

An einer Lasersimulationsanlage – im Polizeijargon „Schießkino“ genannt – können anhand von Videos verschiedene Situationen geprobt werden. Von einem Regie-Raum aus kann der Trainer verschiedene Szenen einspielen, in denen die trainierenden Beamten entsprechend reagieren müssen.

Beschwerden von Anwohnern

Folgt man den Worten von Polizei-Vizepräsident Marco Langner ist die Entlüftungsanlage das Modernste, was es zur Zeit am Markt gibt. Diese Technik werde normalerweise in Hightech-Labors verwendet, sagt er. Die Finessen der Entlüftung bestehen unter anderem darin, dass es gelingen muss, die schwermetallhaltigen Pulverdampfwolken auch dann von den Nasen der Trainierenden fernzuhalten, wenn diese beim Schießen vorwärtslaufen.

Die Schießhalle soll maximal ausgelastet werden: 24 Stunden an sieben Tagen der Woche. Weil zwar jeder von der Polizei beschützt aber niemand eine Schießbahn in seiner Nähe haben will, gab es im Vorfeld zahlreiche Beschwerden von Anwohnern gegen das Projekt. Angeblich soll nichts vom Schießtraining zu hören sein, dafür soll anspruchsvoller Schallschutz sorgen. Nach Angaben von Sven Lemiss sind die Wände 30 Zentimeter dick. „Die Decke ist ungewöhnlich dick und besteht aus 40 Zentimetern Ortbeton“, sagte Sven Lemiss beim Richtfest. Unübersehbar ist auch, dass die Wände doppelt mit Isolierplatten eingepackt sind.

Das Trainingszentrum ist eines von fünf geplanten Einrichtungen dieser Art: An der Gallwitzallee in Lankwitz wurde vor einigen Wochen der Grundstein gelegt. Veranschlagte Kosten: rund 29 Millionen Euro. Auch an der Charlottenburger Chaussee in Ruhleben sollen bis zum nächsten Jahr 27 Schießbahnen neu entstanden sein – Kosten: rund 40 Millionen Euro. Neue ETZ soll es auch an der Kruppstraße in Moabit geben (Kostenschätzung noch offen) und eines für die Spezialkräfte, die mit Sturmgewehr trainieren, an der Ruppiner Chaussee in Reinickendorf. Letzteres wird mit mindestens 70 Millionen Euro das teuerste ETZ.

„Heute ist ein schöner Tag“, freute sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) beim Richtfest in Biesdorf. „Die hohe Belastung der Polizei macht es erforderlich, dass es Trainingsmöglichkeiten geben muss.“ Er verwies auf 24 000 neue Pistolen, die gerade ausgeliefert würden. „Dafür brauchen wir Trainingsstätten.“

Klage eingereicht

Die Gewerkschaft der Polizei zeigt sich zufrieden über die absehbare Erweiterung der Trainingskapazitäten. „Sicherheit darf keine Frage des Geldes sein“, sagt Sprecher Benjamin Jendro. „Wir hoffen, dass auch der einst geplante Standort an der Ruppiner Chaussee nicht dem Rotstift des Finanzsenators zum Opfer fällt und die Polizeiführung entsprechende Überzeugungsarbeit leistet.“

Die Investitionen leistet sich Berlin, weil die Steuereinnahmen in den vergangenen Jahren üppiger als früher flossen. Viele Jahre lang waren die Schießstätten der Polizei auf Verschleiß gefahren worden. Ab 2013 wurden dann immer mehr Schießbahnen aus Fürsorgegründen geschlossen. Ende 2016 waren nur noch elf von 76 Schießahnen offen. Der Polizeiführung war offenbar schon länger bekannt, dass die Trainingsstätten mit Schwermetall beziehungsweise Mineralfasern belastet waren. Betroffene und an Krebs erkrankte Schießtrainer reichten deshalb Klage ein wegen Körperverletzung im Amt durch Unterlassen.