Eberswalde - Ganz hinten, am Horizont, ist eine verdächtige Rauchfahne zu sehen, die in den Himmel steigt. Was könnte das sein? Robert Burmeister sieht den Rauch auf einem seiner vier Bildschirme und versucht nun, die Frage nach der Ursache so schnell wie möglich zu klären. Er sitzt in der neuen Waldbrandzentrale in Eberswalde. Von dieser Leitstelle aus werden alle Wälder in ganz Nordbrandenburg beobachtet. Nun zählt jede Minute. 

Es gibt acht Arbeitsplätze, an denen alle Informationen eines weltweit einmaligen Frühwarnsystems zusammengeführt werden. Robert Burmeister schaut unablässig auf die vier Bildschirme, auf die unablässig Bilder einlaufen. Sie werden von Kameras aufgenommen, die auf 44 Schornsteinen installiert sind, auf Türmen oder Windrädern. Jede Kamera dreht sich in luftiger Höhe innerhalb von sechs Minuten einmal um sich selbst und nimmt dabei die Landschaft ringsum auf. So wurden auch die verdächtige Rauchfahne eingefangen.

Eine Totalüberwachung gegen die Waldbrandgefahr

Big Brother is watching you – eine Totalüberwachung als Schutz vor Waldbränden. Weltweit nehmen Naturkatastrophen seit Jahren zu und verursachten im Vorjahr nach Angaben der Versicherung Munich Re Schäden in Höhe von 210 Milliarden Euro. An der Westküste der USA wüteten Ende 2020 wochenlang die größten Waldbrände seit fast einhundert Jahren. Die Bilder gingen um die Welt. Allein in Kalifornien waren es 9600 Feuer. Die Bilanz: 47 Tote, 10.500 beschädigte oder zerstörte Häuser, 16 Milliarden Dollar Schaden.

Foto: Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Jede Bilderreihe zeigt die Kamerabilder von einem Überwachungsturm.

In Brandenburg gab es glücklicherweise seit Jahren keine Todesopfer, aber vor drei Jahren mussten sicherheitshalber einige Dörfer evakuiert werden, als sich die Flammen bis zum Ortsrand fraßen. Um die Schäden kleinzuhalten, muss Robert Burmeister nun schnell herausfinden, ob die Rauchwolke tatsächlich der erste große Waldbrand des Jahres 2021 in Brandenburg ist.

Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen, denn die Bilder auf dem Monitor sind winzig klein. Auf dem linken Bildschirm sind acht lange Bilderreihen untereinander gruppiert. Es sieht aus wie einem Briefmarkenalbum. Die Überwachungstechnik hat den Rauch erkannt und mit einem roten Kästchen markiert.

Das Bundesland mit den meisten Waldbränden

Burmeister zieht nun die Bilderreihe auf einen anderen Bildschirm und vergrößert sie. Zu sehen sind die Wipfel eines endlosen Kiefernwaldes, ganz hinten dann Rauch. „Das könnte alles Mögliche sein“, sagt der 32-jährige studierte Vermessungstechniker. „Vielleicht verbrennt jemand Laub in einem Garten. Das kann auch Qualm aus einem Schornstein sein. Im Hochsommer könnte es eine Staubwolke sein, die ein Traktor auf einem trockenen Feld hinter sich herzieht. An einem Flugplatz kann es die Staubwolke sein, die ein Flieger aufwirbelt. Oder es ist ein Waldbrand.“

Bei einem Waldbrand wäre der Handlungsbedarf akut. Brandenburg ist das am meisten von Waldbränden betroffene Bundesland. Dort wütete auch das größte Feuer der vergangenen Jahrzehnte: Bei Treuenbrietzen jagten die Flammen am 23. August 2018 mit Tempo 80 durch die Kiefern und fraßen 380 Hektar Wald. Bei diesem Feuer wurde so viel Wald vernichtet wie im ganzen Jahr davor – im gesamten Bundesgebiet.

Burmeister hat einen Verdacht bei der Rauchsäule. „Es ist ein Schornstein.“ Doch ein Verdacht bleibt solange nur ein Verdacht, bis er bewiesen oder widerlegt ist. Also recherchiert er weiter. Er schaltet sich in die Aufnahmen eines zweiten Kameraturms. Die Standorte der landesweit 133 Türme sind nicht nur so gewählt, dass ganz Brandenburg überschaut werden kann, sondern auch so, dass sich die Blickwinkel überschneiden und eine sogenannte Kreuzpeilung möglich ist. So schaut Burmeister nun von zwei Seiten auf den Rauch. „Die Wolke bewegt sich nicht, das kann kein Traktor sein, der über ein Feld fährt.“ Außerdem steigt der Qualm von einem kleinen Punkt auf. „Bei einem Waldbrand wäre der Fuß der Rauchwolke viel breiter, weil unten Wald brennt.“

Nun errechnet das System die Koordinaten des Qualms – und die Karte auf einem anderen Bildschirm bringt Klarheit: ein Industriegebiet. „Ein Schornstein“, sagt Burmeister. „Kein Waldbrand. Entwarnung.“ Wäre es ein Brand, hätte er alle Infos an die Leitstelle der Feuerwehr gemailt. „Vom ersten Verdacht bis zur Alarmierung ist das meist in sechs Minuten erledigt“, sagt er und wendet sich wieder den Bildschirmen zu.

Foto: Imago/Marius Schwarz
Der bundesweit größte Waldbrand seit Jahrzehnten wütete ab dem 23. August 2018 bei Treuenbrietzen.

Raimund Engel öffnet seine Aktentasche und holt ein Blatt heraus, auf dem er die entscheidenden Daten zusammengetragen hat. Engel ist der Waldbrandschutzbeauftragte in Brandenburg. Und die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2019 gab es bundesweit 1523 Waldbrände, davon allein 429 in Brandenburg. „Fast jedes Jahr ereignet sich ein Drittel aller Brände bei uns“, sagt er. „Bei der vernichteten Fläche sind die Zahlen noch drastischer: Da haben wir oft die Hälfte.“

Trockenheit bedroht den Wald

Das liegt vor allem an den trockenen Sandböden, die nicht viel Wasser speichern können, sowie am geringen Niederschlag. Wegen des trockenen Kontinentalklimas regnet es in Brandenburg nur halb so viel wie im Schwarzwald.

Die Region ist ähnlich gefährdet wie Waldbrandgebiete in Spanien oder Griechenland. Auch deshalb hat die EU vier Millionen Euro überwiesen, um die moderne Zentrale einzurichten, die drei vorherige Leitstellen zusammenfasst. „An der Technik sind viele Länder interessiert“, sagt Engel und zählt auf: Australien, China, Brasilien, Kanada, Spanien, Griechenland, Portugal. Damit trägt hoffentlich der Lösungsansatz aus Brandenburg dazu bei, dass die tödliche Gefahr auch anderswo beherrschbarer wird.

Foto: Imago/ITAR-TASS
Waldbrände nehmen in anderen Staaten viel größere Dimensionen an: Russland, in der Region Rostow am Don.

In hiesigen Breiten werden Waldbrände glücklicherweise meist recht früh erkannt und die Schäden bleiben regional begrenzt. Anders sieht es mit anderen Gefahren aus: mit Stürmen, der Hitze, dem Klimawandel. Sie wirken überall und Kameras helfen da nicht.

Was Naturgewalten anrichten, zeigt sich ein paar Kilometer entfernt. An einem Hügel hinter Eberswalde hat ein Sturm eine gewaltige Wunde in den Wald geschlagen. Es sieht aus wie der Kriegsschauplatz nach einer Panzerschlacht. Auf 300 Meter Breite und weit mehr als einem Kilometer Länge ist hier fast alles platt. „Früher standen hier die Bäume dicht an dicht, dann kam dieser Sturm“, erzählt Michael-Egidius Luthardt. Er ist der Chef des Landeskompetenzzentrums Forst und muss keine 300 Meter von seinem Büro aus laufen, um die Auswirkungen der sich ändernden Welt im Wald zu zeigen.

Ein Sturm zerstörte den Wald in wenigen Minuten

„Es war Oktober 2017. Im Radio hörte ich eine Unwetterwarnung“, erzählt er. „Es war 16 Uhr. Ich dachte: Mal sehen, wie hart es wirklich wird. Und dann kam es. Es knallte und krachte heftig im Wald. Bäume brachen. Es dauerte 20 Minuten, dann lagen auch Bäume über der Straße und wir kamen nicht mehr nach Hause.“ Dieser Sturm stellt für Luthardt den Anfang der Misere von Brandenburgs Wäldern dar. Vorher ging es dem Wald 15 Jahre lang gut, dann kamen heftige Probleme.

Der deutsche Wald stirbt mal wieder. Langsam, aber kontinuierlich. Im trockenen Brandenburg sind die Schäden schon seit Jahren klar erkennbar. Der Grund: drei Jahre außergewöhnliche Trockenheit. Niemand kann die Dynamik dieses Prozesses vorhersagen. Niemand weiß, wie die Schäden des einen Jahres in der Zukunft fortwirken und ob sie sich potenzieren. „Denn ein Jahr Trockenheit gab es auch früher immer mal“, sagt Luthardt. „Aber drei Jahre in Folge sind einmalig.“

Foto: Gerd Engelsmann
Michael-Egidius Luthardt ist Leiter des Landeskompetenzzentrums Forst in Eberswalde.

Die Folgen des Klimawandels sind nun auch bundesweit klarer sichtbar, gerade verkündete Bundesforstministerin Julia Klöckner die Schadensbilanz: Vier von fünf Baumkronen sind inzwischen geschädigt. Und jeder Schaden zieht andere nach sich. Wälder sind lebendige Wesen mit Abermillionen Organismen und unzähligen Wechselwirkungen.

„Wenn ein Baum Trockenstress hat, riechen die Insekten förmlich, dass er krank und geschwächt ist“, sagt Luthardt. „Der Baum hat keine Abwehrkräfte. Bei einem Insektenbefall würde er normalerweise Stoffe im Baum verteilen, die den Käfern nicht schmecken.“

Luthardt zeigt auf die rechte Seite des Weges. Dort sind Esskastanien gepflanzt. Die stammen aus Italien, weil sie besser mit Trockenheit klarkommen. Damit das junge Grün nicht von Rehen gefressen wird, ist es mit einem Zaun gesichert. Rechts des Weges wird gewartet, was von allein wächst. „Das nennt sich Naturverjüngung“, sagt er. „Die Natur weiß am besten, was an diesem Standort überleben könnte.“ Es gibt eine kleine Senke, da strecken sich etwa 500 fingerdicke Buchen in die Höhe.

Naturverjüngung des Waldes: Buche gegen Ahorn

Aber ob die Buchen langfristig gewinnen, ist unklar. „Auf der Fläche werden in 150 Jahren vielleicht noch fünf ganz große Bäume stehen.“ Alle anderen seien vorher in einer knallharten natürlichen Auslese abgestorben. Luthardt zeigt, dass aus den 500 kleinen Buchen auch 20 Ahornbäume herausragen, die schon doppelt so hoch sind. „Vielleicht machen die das Rennen.“

Unklar ist auch, wie es mit dem deutschen Wald an sich weitergeht. Denn niemand weiß, ob nun das nächste Dürrejahr kommt oder ob eine Regensaison etwas Entspannung bringt. Klar scheint nur: Das gesamte System Wald in der jetzigen Form braucht wohl einen Systemwechsel.

Foto: Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Luthardt an jenem Hügel, an dem im Herbst 2017 ein Sturm eine breite kahle Schneise in den Wald geschlagen hat. 

Luthardt geht weiter durch diesen ehemaligen Wald. Irgendwo krächzt laut ein Kolkrabe, ein anderer antwortet. Diesen Wald bewirtschaftet die Stadt seit Ewigkeiten, einst diente er der Vorsorge, damit die Bürger auch in schlechten Zeiten Holz zum Heizen und Bauen hatten. Heute fragen Stadtverordnete, ob es wirklich nötig ist, die Sache weiter zu finanzieren. Denn immer öfter wird Holz zum Minusgeschäft, auch für den Landeswald.

Inzwischen werden immer mehr Wälder zum Zuschussgeschäft.

Michael-Egidius Luthardt

„Früher haben die meisten Waldbesitzer sich mit dem Prinzip der schwarzen Null zufriedengegeben“, sagt Luthardt. Gemeint ist, dass auch private Waldbesitzer ihr Geld nicht mit Holz verdienten, sondern mit ihrer Landwirtschaft oder anderen Betrieben. „Den Wald hielten sie sich aus Tradition, weil er schön ist, weil sie dort jagen können.“ Aber nur solange sie plus/minus null aus der Sache herauskamen, also ohne tiefrote Zahlen. „Inzwischen werden immer mehr Wälder zum Zuschussgeschäft“, sagt Luthardt.

Er steht unter einer riesigen Eiche, die vielleicht 150 Jahre alt ist und als eine der wenigen den Sturm überstanden hat. Sie steht recht einsam auf der weiten Fläche. Im Sommer ist das hier eine Art Gluthölle. Da andere Bäume fehlen, es pfeift der Wind über die freie Fläche, die Sonne brennt, der wenige Regen verdunstet schnell, es gibt keinen Schatten, es wächst kaum was neu. Ein paar große Bäume haben den Sturm zwar überstanden, nicht aber die Hitze danach. „Die werden nicht mehr lange leben“, sagt Luthardt.

Nun muss nicht nur die Stadt entscheiden, was werden soll, sondern auch die gesamte Gesellschaft muss überlegen, wie es mit dem deutschen Wald weitergeht. „Die schwarze Null muss zu einer grünen Null werden“, sagt Luthardt. Gemeint ist, dass mit Holzverkauf wohl auf Dauer nicht so viel verdient werden kann, dass sich die Wälder selbst tragen. Mit grüner Null ist gemeint, dass die Gesellschaft bereit sein muss, Geld in die Wälder zu stecken, um sie als grüne Lungen zu erhalten – quasi eine Öko-Abgabe zum Erhalt der Bäume.

„Sonst ist der Wald in der jetzigen Form langfristig nur schwer zu retten“, sagt Luthardt. Er tippt leicht mit der Schuhspitze an die Rinde eines hohen Baums, der den Sturm ebenfalls überstanden hat. Die Rinde ist bröckelig. Selbst Laien sehen, dass jegliche Abwehrkraft fehlt. Leichte Beute also.

„Den deutschen Wald wird es natürlich auch in 50 Jahren noch geben“, sagt Luthardt. „Es wird auch noch viel Wald sein. Aber vielerorts wohl nicht mehr ganz so, wie wir ihn kennen.“ Einige Regionen könnten versteppen. Und dort wird es Leute geben, die sich die Kosten der Forstwirtschaft nicht mehr leisten wollen oder können. „Die werden ihre Wälder einfach sich selbst überlassen“, sagt er. Und dann sieht es dort so aus wie in diesem einst so stolzen Wald hier. Kahl, fast ohne Bäume, trostlos.