Berlin - Nach dem Beschluss von Bund und Ländern, dass ab Ende März auch Hausärzte impfen dürfen, haben sich im Land Brandenburg viele Praxen dazu bereit erklärt. „Über 1000 Vertragsärzte im Land Brandenburg haben uns signalisiert, dass sie Corona-Impfungen in ihren Praxen vornehmen wollen“, sagte Peter Noack, Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg. In Berlin könnten es bis zu  3000 Praxen sein. 

Noack rechnet vor, dass dies eine deutliche Entlastung bringen würde. „Wenn jede Praxis nur 100 Menschen wöchentlich impft, können wir in unseren Praxen über 100.000 Brandenburgerinnen und Brandenburger pro Woche impfen“, sagte er. „Nur so ist das politische Ziel zu erreichen, eine Herdenimmunität bis zum Ende des Sommers aufzu­bauen.“

Wahrscheinlich wird die reale Zahl sogar noch höher liegen, denn die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet derzeit sogar damit, dass jede Praxis pro Tag 20 Personen impfen könnte. Es könnten sich 50.000 der 75.000 Arztpraxen beteiligen. Dann könnten etwa eine Million Bürger pro Tag geimpft werden. Das Problem derzeit: Solche Mengen an Impfstoff sind derzeit nicht vorrätig.

In Brandenburg läuft seit Mittwoch ein Modellprojekt, an dem sich 50 Praxen beteiligen, die nun probeweise impfen. Ab kommender Woche sollen auch in Berlin die ersten Praxen impfen. In einem ersten Schritt sollen etwa 100 Modell-Praxen an den Start gehen. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin mit. Demnach sollen sich darunter diabetologische und onkologische Schwerpunktpraxen sowie Hausarztpraxen befinden. In einem zweiten Schritt werde eine flächendeckende Einbeziehung aller Arztpraxen vorbereitet, die ihren Patienten Impfangebote machen wollen. Auf diesem Weg könnten in einem Monat 1,8 Millionen Menschen geimpft werden.

Forderung: Alle, die wollen, sollen sich impfen lassen dürfen

„Wir begrüßen, dass der Gesetzgeber mit dem aktuell vorliegenden Entwurf der Impfverordnung den Weg frei macht für einen flächendeckenden Impf-Rollout in der vertragsärztlichen Versorgung“, heißt es von Seiten des Berliner KV-Vorstands, der dies bereits seit Anfang des Jahres fordert. Nun sollten zunächst „Prozesse durchgespielt“ werden. Sobald ausreichend Impfstoff in Berlin eintreffe, wolle man sukzessive alle anderen Praxen in den Impfprozess mit einbeziehen.

Der Kassenärzteverband geht davon aus, dass in der Startphase Astrazeneca verimpft wird. Die etwa 100 Modellpraxen würden nach den Priorisierungsvorgaben der Impfverordnung impfen. Zunächst sollen nur sogenannte Bestandspatienten eingeladen, die an einer chronischen Erkrankung leiden und zwischen 18 und 64 Jahre alt sind. Sobald ausreichend Impfstoff vorhanden ist und alle Patienten der Priorisierungsgruppe 2 geimpft worden sind, fordern die niedergelassenen Ärzte, dass sich alle in den Praxen impfen lassen können, die dies wollen. 

Jens Spahn: „Wir müssen schneller werden“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte im Donnerstag im Bundestag noch einmal, wie wichtig es sei, die Arztpraxen einzubeziehen. „Wir müssen schneller werden“, forderte Spahn. Dies sei die berechtigte Erwartung der Bürger. Das Virus habe nicht aufgegeben. „Aber alles spricht dafür, dass das das letzte Frühjahr in dieser Pandemie wird“, sagte der Minister.

Peter Noack, der Chef der Brandenburger Kassenärzte, sagte: „Endlich hat auch die Bundespolitik unsere Forderung verstanden, dass Corona-Impfungen in die Praxen gehören. Impfungen sind ein zentraler Bestandteil unseres Berufes.“ Tagtäglich würde eine Vielzahl von Impfungen in den Arztpraxen vorgenommen. „Gleichzeitig ergeben sich durch die dezentrale Struktur und die kurzen Wege Vorteile für alle Menschen im Land“, sagte Noack.

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sagte: „Der eigentliche Game Changer werden die Praxen der niedergelassenen Haus- und Fachärzte sein.“ Die Verbände betonen, dass die Ärzte bereitstünden und dass das bundesdeutsche System im Vergleich zu anderen Staaten sehr gut für solche Impfaktionen geeignet sei. Zum einen gibt es eine hohe Zahl an Ärzten pro Einwohner. Aber noch wichtiger ist die dezentrale Ausrichtung des System. In anderen Staaten müssen die Leute immer in die Krankenhäuser oder haben keine freie Arztwahl und werden von Behörden zu bestimmen Ärzten geschickt. Gerade die ambulante Versorgung in Deutschland durch das dichte Netz von Haus- und Fachärzten gilt als einzigartig, da damit die Wohnortnähe der Ärzte garantiert ist: 99,8 Prozent der Bevölkerung wohnen maximal zehn Kilometer entfernt vom nächsten Hausarzt.

Foto: dpa/Hannibal Hanschke
Spritzen mit Corona-Impfstoff liegen auf dem Tisch in einer Arztpraxis.

Das Problem für den Impfstart in den Praxen wird allerdings sein, ab wann genügend Impfstoff zur Verfügung steht. „Das Allerwichtigste sind verlässliche Zusagen über die Lieferung der Impfstoffe“, sagte Christian Wehry von der KV Brandenburg. „Nur so können wir verlässlich planen. Wir können nur so viele Termine vergeben, wie Impfstoff-Dosen wirklich da sind. Das ist Rückgrat des Plans.“

Die Ärzteverbände erwarten schon bald einen sogenannten Impfstau. Das bedeutet, dass von den Herstellern für die kommenden Wochen und Monate die Lieferung von sehr vielen Impfdosen angekündigt ist. Größere Mengen an Impfstoff sind für Ende März/Anfang April avisiert. Dann wäre eine solche Menge an Impfstoff vorhanden, dass die bundesweit 433 Impfzentren die Abarbeitung gar nicht schaffen würden. Zuletzt wurden dort etwa 140.000 Leute pro Tag geimpft. Diese Zahl könnte nach Angaben der Länder auf etwa 550.000 gesteigert werden. Deshalb fordern die Ärzte schon länger, möglichst schnell die Arztpraxen einzubeziehen, da dort etwa eine Millionen Impfungen pro Tag möglich wären.

Gesetz muss vom Bund geändert werden

Derzeit erlaubt die Impfverordnung des Bundes noch nicht, dass in Arztpraxen geimpft wird. Dies ist nur in den Impfzentren möglich, bei mobilen Impfungen zum Beispiel in Pflegeheimen und in Krankenhäusern.

Am Modellprojekt in Brandenburg sollen sich nun schnell 50 Praxen beteiligen. „Damit bereiten wir uns bestmöglich auf das flächendeckende Ausrollen vor“, sagte KV-Chef Peter Noack. „Jetzt ist unser Bundesgesundheitsminister gefordert. Die neue Impfverordnung darf kein Bürokratiemonster werden. Die Impfungen müssen sich problem­los in den Praxisalltag integrieren lassen.“