Sham wartet bereits an der Haustür auf die Arche-Mitarbeiter. Die Dreijährige besuchte seit kurzer Zeit die Arche in Hellerdorf.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSham wartet an diesem sonnigen Märztag schon im Treppenhaus, hinter der Eingangstür aus Glas. Die Familie der Dreijährigen wohnt in der obersten Etage des viergeschossigen Plattenbaus in der Hermsdorfer Straße in Hellersdorf. Sina Wollmann und Bernd Siggelkow heben einen Korb mit Spielsachen und eine große weiße Plastiktüte aus dem Kleinbus, der vor dem Hauseingang geparkt ist. Der Wagen trägt eine Aufschrift: „Die Arche, damit jedes Kind die gleichen Chancen hat“.

Mit Tüte und Korb laufen sie dem Kind hinter der Glastür entgegen. Das Mädchen winkt aufgeregt, es hüpft und lacht. Dann drückt es seine rechte Hand an die Scheibe. Siggelkow stellt die vollgepackte Plastiktüte ab, in der Mehl, Eier, Nudeln, Konserven und Brot stecken, und drückt seine Hand von außen an das Glas – auf die Hand des Kindes. In dieser Zeit, in der man sich vor der Ansteckung mit dem Coronavirus in Acht nehmen muss, ist das der Ersatz für eine Umarmung.

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Sham hat noch keinen Kitaplatz. Deswegen ging das Kind einer syrischen Flüchtlingsfamilie drei Monate lang in die Einrichtung der Arche in der Tangermünder Straße in Hellersdorf. Das Mädchen wurde dort betreut. Sham bekam jeden Tag ein warmes Essen, konnte mit anderen Kindern spielen und sich Märchen erzählen lassen.

Seit einer Woche sind wegen der Pandemie nicht nur die Geschäfte dicht, sondern auch die deutschlandweit 27 Zweigstellen des christlichen Kinder- und Jugendhilfswerks „Die Arche“. Bernd Siggelkow hat die Stiftung 1995 gegründet. Die Organisation bietet Kindern aus armen Verhältnissen kostenlos Essen, Hilfe bei den Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten an. Nun versuchen die Arche-Mitarbeiter die 4000 Kinder und Jugendlichen und deren Familien, die sie normalerweise betreuen, auf anderen Wegen zu unterstützen. Kommen die Kinder nicht zur Arche, dann kommt die Arche zu den Kindern. Das ist Siggelkows Plan in diesen Zeiten.

Ein Teddy aus dem Spielzeugkorb

Shams Vater öffnet die Haustür, dann nimmt er seine Tochter auf den Arm und läuft die vier Treppen hinauf. In einigem Abstand folgen Sina Wollmann, die den Korb mit den Spielsachen trägt, und Bernd Siggelkow, der befürchtet, dass der Griff der schweren Tüte reißen könnte. Oben angekommen, werden Korb und Tüte vor die offene Wohnungstür der Familie Alsjouri abgestellt.

Seit einem Jahr lebt die Familie in Hellersdorf. „Das ist für euch“, sagt Sina Wollmann. Mohamed Alsjouri sagt Danke, immer wieder, und neigt dazu ein wenig den Kopf. Seine Frau lächelt und nickt. Sie spricht kaum Deutsch. Shams Eltern arbeiten noch nicht. Erst müssen sie ihren Deutschkurs beenden.

Sina Wollmann und Bernd Siggelkow sind auf den Weg zu einer bedürftigen Familie.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sina Wollmann kennt diese Szenen offensichtlicher Dankbarkeit bei Menschen, wenn die Arche-Mitarbeiter vor der Tür stehen. Fünf Familien besucht Wollmann jeden Tag, sie bringt ihnen das Nötigste zum Überleben mit. Die 36-jährige Erzieherin hat 2008 ein Praktikum bei der Arche absolviert, dann arbeitete sie jahrelang in einer Kita mit 200 Kindern. 2016 kehrte sie zur Arche zurück, weil es „hier familiärer und herzlicher“ zugehe.

Sina Wollmann bittet die kleine Sham, sich das schönste Spielzeug aus dem Korb zu nehmen. Das Mädchen lacht und greift sich ohne zu überlegen den braunen Teddy. Sie hält ihn so fest, als befürchte sie, jemand könnte ihr das Plüschtier wieder wegnehmen. Ihr Vater streicht ihr über den Kopf. Mohamed Alsjouri sagt, die Arche fehle seiner Tochter sehr. Die anderen Kinder, die Erzieher. Sina Wollmann und Bernd Siggelkow reden noch fünf Minuten mit Shams Eltern, die versprechen müssen, sich bei Problemen zu melden.

Dann versichert Sina Wollmann, in dieser Woche noch einmal wiederzukommen – mit Obst und Gemüse. Als das Mädchen hört, dass der gesamte Inhalt des Korbes nun ihr und ihrer kleinen Schwester gehört, werden die Kinderaugen groß. „Spielsachen sind für bedürftige Familien in dieser Zeit besonders wichtig“, erklärt Siggelkow noch im Treppenhaus.

Smartphones sind wichtig für die Kinder

Auf dem Weg nach unten erzählt Sina Wollmann, dass sich an den Wohnungstüren in den vergangenen Tagen herzzerreißende Szenen abgespielt hätten. Es habe Tränen auf beiden Seiten gegeben. „Vor allem den Kleinen ist schwer zu vermitteln, warum wir sie nicht mehr in den Arm nehmen, warum sie nicht mehr zu uns kommen dürfen.“ Dann geht es auch schon zur nächsten Adresse.

200 bis 300 bedürftige Familien aus Marzahn-Hellersdorf besuchen die Arche-Mitarbeiter nun jede Woche ein- bis zweimal, darunter viele kinderreiche Familien und alleinerziehende Mütter. Sie bringen Lebensmittel, Waschpulver, Spielzeug und gespendete Smartphones, mit denen die Erzieher und Lehrer der Arche in Zeiten von Corona mit den Kindern in Kontakt bleiben. Sei es beim täglichen Life-Chat mit Spielen, Rätseln oder kleinen Kochkursen, sei es bei der Hausaufgabenhilfe oder in Whatsapp-Gruppen. Kein Kind soll sich alleingelassen fühlen, sagt Siggelkow. Auch in den anderen Einrichtungen der Arche wird dieses Angebot gemacht.

„Wir wuppen das alles hier in Hellersdorf derzeit mit 15 Mitarbeitern“, sagt der 56-jährige Arche-Gründer Siggelkow. Normalerweise arbeiten in der Hellersdorfer Arche 40 Angestellte. Doch einige hätten wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben müssen und die Verwaltung sei im Homeoffice. Die Arbeit müsse aber weitergehen, damit die Kinderarmut nicht noch größer werde.

Die Bertelsmann-Stiftung untersucht seit zehn Jahren in Studien Kinderarmut. Demnach sind in Deutschland 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. In Berlin sind es 165 692 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren, sagt Anette Stein, die Direktorin des Programms „Wirksame Bildungsinvestitionen“ der Bertelsmann-Stiftung. Das sei mehr als jedes vierte Kind. Sie geht davon aus, dass die Zahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Epidemie dramatisch steigen wird.

„Hilfe für die betroffenen Familien kam über die Infrastruktur, und die ist von heute auf morgen weggebrochen“, erklärt Anette Stein. Die Schulen wurden geschlossen, damit fiel das Schulessen weg. Wichtige Anlaufstellen wie die Tafeln, die Arche oder die Suppenküchen mussten ihren Betrieb stark einschränken. „Das ist für die Familien ein echtes existenziellen Problem, denn Geld ist dort nicht vorhanden“, sagt die Expertin.

Fatale Situation für die Ärmsten der Armen

Deswegen sei es sehr gut, dass diese Anlaufstellen nun alternative Hilfsangebote anbieten würden und die Kinder somit nicht alleine ließen. Die Mädchen und Jungen würden die finanzielle Engpässe mitbekommen, sie wüssten, wie ihre Eltern darunter leiden. Gerade in dieser Situation brauchten die betroffenen Kinder vertraute Ansprechpartner, die ihnen Sicherheit geben.

„Die Situation ist für die Ärmsten der Armen fatal. Viele leben auf sehr beengten Wohnraum, haben nicht einmal die Möglichkeit, zu Hause Internet zu nutzen“, sagt Anette Stein. Nach ihrer Meinung sollten Smartphones heutzutage ab einem gewissen Alter zum Standard gehören, darüber liefen die sozialen Kontakte. „Wer kein Smartphone hat, ist ausgeschlossen“, sagt Stein. Der Satz, „Einmal arm, immer arm.“, stimme nicht. „Aber der Weg raus aus der Armut ist verdammt schwer.“ Und die jetzige Situation mache ihn noch beschwerlicher.

Das Lager mit gespendeten Lebensmitteln befindet sich im Keller der Arche.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das weiß auch Bernd Siggelkow. Er stammt aus Hamburg. Als er sechs Jahre alt war, verließ die Mutter die Familie, sein Vater kümmerte sich nicht um ihn und den Bruder. Siggelkow musste schon früh allein zurechtkommen. Seine Bedürfnisse kümmerten niemand. Er kam über die Heilsarmee zum christlichen Glauben, studierte Theologie, landete als Jugendreferent in Hellersdorf. Dort habe man damals eine Jugendkirche bauen wollen, erzählt er. Ausgerechnet an einem Ort, an dem es wenige Gläubige gab.

Die Kirche wurde dann nicht gebaut, Siggelkow blieb trotzdem. Er gründete das christliche Kinder- und Jugendhilfswerk „Die Arche“ für die Kinder, zu denen auch er einst gehört hatte. „Wenn ich von Armut rede, dann meine ich nicht nur die finanzielle Armut, sondern oft auch die emotionale Armut“, sagt Siggelkow. Die Arche sei wie eine große Familie. Sie gebe Halt.

Es ist 12.45 Uhr. Siggelkow lenkt den Kleinbus auf den Hof der Arche-Zentrale in der Tangermünder Straße. In den Spiel- und Unterrichtszimmern herrscht Ruhe. In einem Büro des Plattenbaus bereitet sich Florian Egert auf zwei Stunden Hausaufgabenhilfe vor. Der 44-Jährige ist seit zehn Jahren bei der Arche als Sportpädagoge angestellt, nun gibt er über Whatsapp und eine Audiokonferenz Nachhilfeunterricht in Mathe. Bis zur sechsten Klasse könne er das, danach übernehme eine ausgebildete Mathe-Pädagogin.

Der erste, mit dem der Lehrer an diesem Tag Hausaufgaben machen wird, ist Angelo. Der Junge ist elf und geht in die fünfte Klasse. Später wird Egert Kinder mit einer Leseschwäche vorlesen lassen. Florian Egert glaubt, dass seine Aufgabe wichtig ist. Er will die Chancen der Kids aus armen Verhältnissen verbessern – mit Bildung auch in Krisenzeiten.

„Hast Du Bock auf Mathe?"

Der groß gewachsene Mann erzählt von einstigen Arche-Kindern, die „ihren Weg gemacht haben“ und heute studieren. „Wir hatten hier mal ein Mädchen, das richtig schwierig war“, erinnert sich Egert. Vor zwei Jahren sei das Mädchen, nunmehr eine junge Frau, auf dem Sommerfest der Arche erschienen, als angehende Lehrerin. „Da geht einem das Herz auf“, sagt er.

Pünktlich um 13 Uhr setzt sich Egert die Kopfhörer auf. „Hallo Angelo, wie geht’s dir? Hast du Bock auf Mathe?“, fragt er. „Aha, ein bisschen“, wiederholt Egert dann die Antwort des Jungen am Telefon. Heute übt er mit Angelo  das Multiplizieren und Dividieren mit großen Zahlen. Eine halbe Stunde nimmt sich Egert für den Jungen Zeit. Vier weitere Kollegen unterrichten auf diese Weise in anderen Büros ebenfalls Arche-Kinder. So werden jeden Tag 20 Mädchen und Jungen erreicht. Fast so viel, wie zu normalen Zeiten, wenn die Kinder in dem Gebäude Hausaufgabenhilfe bekommen.

Die Arche lebt von Spenden. Im Keller lagern alle möglichen Dinge, die in einem Haushalt benötigt werden. Von der Konserve über Eier bis hin zu Toilettenpapier. Hier werden jeden Morgen die Lebensmitteltüten für die Familien gepackt, die besucht werden.

Nadin Gerks hat soeben zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter und dem neunjährigen Sohn mehrere Packungen Windeln vorbeigebracht, die nun in dem großen Kellerraum verstaut werden. Nadin Gerks hat im Fernsehen eine Reportage über die Arbeit der Arche in Coronazeiten gesehen und dabei Sina Wollmann wiedererkannt, die einst in der Kita ihres Sohnes Erzieherin war. „Ich habe sie angerufen und gefragt, was die Arche benötigt“, erzählt die 37-Jährige, die mit ihrer Familie in Lichtenberg lebt. Dann sei sie einkaufen gefahren. „Es kann doch nicht sein, dass die Armen jetzt einfach vergessen werden.“