In der Berliner Betriebszentrale der Deutschen Bahn geht es hoch her

Normalerweise hätte Erik Hinke die Nacht schlafend im Bett verbracht. Aber was ist in diesem Sommer schon normal? Während das Sturmtief Nadine wütete, Bäume auf Bahnstrecken und Fahrleitungen kippte, Züge stoppte und Fahrgäste stranden ließ, legte der 52-Jährige eine Extraschicht ein. Die ganze Nacht lang versuchte er mit seinen Kollegen von der Berliner Betriebszentrale der Deutschen Bahn (DB), das Chaos auf den Gleisen im Nordosten zu bändigen. „Ich habe schon viele Sommer erlebt“, sagt Hinke, der immerhin schon seit 1982 Eisenbahner ist. Aber dieser Sommer sei besonders. Besonders heiß. Besonders belastend. Besonders arbeitsreich.

Die Nacht zu Freitag ist vorbei, Nadine hat sich ausgetobt. Zwischen Berlin und Hamburg konnten vier Züge zum nächsten Bahnsteig weiterfahren, damit die Reisenden nicht auf freier Strecke warten mussten. Gleise wurden wieder frei gemacht.

Aber das bedeutete nicht, dass Hinke am Morgen seinen Bereitschaftsdienst beenden und nach Hause fahren konnte, in Richtung Bett. „Nach Stürmen ist immer noch viel zu tun,“ sagt er. Auch Nadine hatte den Fahrplan nachhaltig durcheinander gebracht. Weil es viele Züge nicht bis zu ihren Zielorten schafften, fehlten sie dort in der Frühe. Ersatz musste gefunden werden, und das gelang leider nicht immer. Erst Stunden später war das Chaos wirklich zu Ende. Wer weiß, vielleicht braut sich bald der nächste Sturm zusammen.

Seit 36 Jahren bei der Bahn

Erik Hinke steht im Raum C-O- 056, einem der vier „Bedienräume“ der Betriebszentrale von DB Netz, die sich in einem wenig spektakulären Gebäude in der Pankower Granitzstraße verbirgt. Die Hitze bleibt draußen, und das muss auch so sein. Denn das Elektronenhirn der Bahn für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern braucht einen kühlen Kopf, um sein gewaltiges Arbeitspensum leisten zu können.

Von hier aus werden im Schnitt pro Tag etwa 4400 Regional-, Fern- und Güterzüge überwacht und gesteuert, dazu zählt fast die Hälfte aller deutschen Fernzüge. Bei Störungen sind Umleitungen zu arrangieren, bei Verspätungen Anschlüsse zu sichern – falls möglich. Auf mehr als 800 Bildschirmen, die vielfarbig im Halbdunkel der Zentrale leuchten, haben die Mitarbeiter etwa 4600 Kilometer Bahnstrecken im Blick.

Auch der Chef, Leiter Netzdisposition genannt, geht kühl an die Dinge heran. Erik Hinke spricht leise mit sächsischer Färbung. 36 Jahre ist er bereits bei der Bahn, und da zählt Exakt-, nicht Aufgeregtheit. Angefangen hat Hinke als Lehrling im Betriebsdienst, im Stellwerk des Dresdener Hauptbahnhofs. In der Hauptstadt lebt er seit 1989: „Ich hatte eine Berlinerin kennengelernt.“

Kein Durchatmen in diesem Sommer

Volle Züge, Urlauber mit viel Gepäck, eine Änderung der Verkehrsströme, mit einem deutlichen Drang ans Meer: Das gab es auch damals, aber das Ausmaß hat zugenommen: Das ist es, was Erik Hinke auffällt. „In diesem Sommer habe ich den Eindruck, dass die Menschen noch mobiler, noch aktiver geworden sind.“ Deutschland scheint auf einen Zustand zuzusteuern, der sich nur als paradox beschreiben lässt: rasender Stillstand. Das Verkehrssystem erreicht seine Grenzen. Auf Autobahnen nerven immer mehr Staus, Baustellen und endlose LKW-Schlangen, viele große Flughäfen wie Tegel und Schönefeld sind überlastet – also vielleicht doch die Bahn nehmen?

In einem anderen Raum der Berliner Betriebszentrale steht Harald Mundry von der Verkehrsleitung Fernverkehr. „Früher gab es Zeiten, da war der Andrang nicht so stark, da konnten wir zwischendurch mal durchatmen. In diesem Sommer ist das kaum noch möglich“, sagt er. Das hat sich verändert, das ist neu.

So drängen in diesem sonnenreichen Jahr besonders viele Menschen an die Ostseestrände – was eindringlich vor Augen führt, dass die Kapazität der Bahn zu gering bemessen sind. Ein weiterer Trend in diesem Sommer: Immer mehr Fahrgäste nehmen ihre Fahrräder mit in die Bahn, auch hier steuert die Belastung auf einen kritischen Wert zu.

„Mittlerweile sind Helfer im Einsatz, die beim Ein- und Aussteigen assistieren. Auch im Berliner Hauptbahnhof“, erzählt Hinke. Trotzdem verspäten sich Züge, weil besonders viele Fahrräder zu verladen sind – aber auch, weil nicht jeder mit den schmalen Zugtüren zurecht kommt, nicht jeder sein Gepäck vom Rad nimmt. Wenn Chaos, dann richtig!

Die Eisenbahner spüren zudem, dass der Tourismus boomt. „In den Zügen nach Prag haben wir ein höheres Aufkommen an internationalen Fahrgästen als sonst“, sagt Hinke. Der Zug fährt ein – und auf dem Bahnsteig stehen Hunderte Fahrgäste, von denen viele noch nie oder fast noch nie Zug gefahren sind. „Die Haltezeiten reichen oft nicht mehr aus. Wir prüfen eine Ausdehnung.“

Je länger die Türen offen sind und Wärme in die Züge dringen kann, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Klimaanlagen kollabieren. Immerhin, die Zahl der Weichenstörungen liege diesen Sommer nicht höher als sonst. „Fünf oder sechs am Tag – im gesamten Gebiet unserer Betriebszentrale“, sagt Hinke.

Im Norden kommen die Züge pünktlicher

Dafür wiegen sommerspezifische Herausforderungen schwerer, zum Beispiel Böschungsbrände. Meist sind es ein oder zwei pro Tag.

Oder auch Kinder, die Bahnanlagen erkunden. Vielen Schülern wird es immer langweiliger, je länger die Ferien dauern – und manche kommen auf dumme Ideen. Das ist Pech für die Fahrgäste, denn wenn Kinder am Gleis gemeldet werden, ist der Zugverkehr erst einmal einzustellen. Für die Beschäftigten der Betriebszentrale Berlin, etwa 45 pro Schicht, bedeutet das viel zusätzliche Arbeit.

Immerhin: Während im übrigen Bundesgebiet im Schnitt nur 65 Prozent der Fernzugfahrten als pünktlich registriert werden, betrage die Quote im Nordosten 80 bis 85 Prozent, sagt Hinke. Beim Regionalverkehr liege der Anteil sogar zwischen 93 bis 95 Prozent. Fahrpläne wurden justiert, Zugfolgen und Bahnsteigbelegungen entzerrt, erzählt er. „Wir sind noch nicht am Ziel, was die Pünktlichkeit anbelangt. Aber wir sind weiter gekommen.“

Doch nun möchte Erik Hinke erst einmal schlafen – ohne von Nadine zu träumen.