Der U-Bahnhof Kottbusser Tor.
Foto: Eric Richard

BerlinAn diesem Wochentag ist die U-Bahn so voll wie zu normalen Zeiten sonntags. Doch nichts ist normal. Nicht auf den Straßen, nicht im Untergrund. Weil die U-Bahnen wegen der Corona-Pandemie vormittags nur im Zehn-Minuten-Takt fahren, zieht sich die Zeit an der Endhaltestelle Hermannstraße hin.

Keiner der Fahrgäste, die darauf warten, dass der Zug endlich losfährt, trägt eine Maske vor Mund und Nase. Ein Mann in Trainingshose schlurft durch den stehenden Zug mit einer Flasche Sternburg-Bier in der Hand. Er hält an der Tür, schaut raus, als suche er jemanden.   Von Station zu Station wird der Zug nun voller. Jeder Platz ist besetzt. Doch am Kottbusser Tor ist der Bahnsteig fast menschenleer. Oder auch nicht. An seinem Ende beschimpft sich eine Gruppe Männer, die Bierflaschen in den Händen halten. Vielleicht täuscht der Eindruck, aber es scheinen jene Männer zu fehlen, die sonst den Tag auf dem Bahnsteig hin und her schlendernd verbringen und die Wartenden taxieren. Den Drogendealern  sind jene Kunden abhanden gekommen, die sich hier für ihre Party- und Clubnächte eindecken.

Wegen Corona fehlen auch die „normalen“ Fahrgäste, die etwa zur Arbeit fahren. Als die Stadt im März ihren Betrieb herunterfuhr, brachen bei der BVG die Fahrgastzahlen um bis zu 75 Prozent ein. Übrig blieben Obdachlose, Junkies und Trinker, die auch vor allem die U8 bevölkern, aber sonst etwas weniger auffallen.

Über tausend Dienstkräftestunden am Kottbusser Tor

In der Zwischenebene des Kottbusser Tors streben drei Polizisten und eine Polizistin zur Treppe Richtung Bahnsteig. Sie tragen gelbe Westen und gehören zur Brennpunkt- und Präsenzeinheit. Diese im Januar gegründete Truppe soll das Sicherheitsgefühl verbessern. Die 125 Beamten laufen Streife an besonders stark mit Kriminalität belasteten Orten wie dem Kottbusser Tor.

Oben am „Kotti“ sieht es ähnlich aus wie unten. Es fehlen: Touristen und all die, die mit unbekanntem Ziel über die Bürgersteige hetzen. Nur der Obsthändler hält ein breites Angebot bereit. „Wenig normale Kunden“, sagt einer der Verkäufer. Neben den Obstständen stehen fünf Gruppentransporter der Polizei. Einem mutmaßlichen Drogendealer werden gerade die Hände auf dem Rücken gefesselt.

Polizisten nehmen am Kottbusser Tor einen mutmaßlichen Dealer fest.
Foto: Eric Richard

Man kann nicht sagen, dass die Polizei hier unterrepräsentiert ist. Laut Polizeisprecherin Anja Dierschke leistete die Brennpunkteinheit vom 16. März bis 15. April allein am Kottbusser Tor 857 Dienstkräftestunden. Unterstützt wurden sie von Bereitschaftspolizisten, die dort insgesamt 218 Stunden verbrachten. Sie registrierten dort zwischen dem 16. März und 12. April 223 Straftaten – in etwa so viele wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Zurück in Richtung Hermannstraße.

37,7 Prozent weniger Delikte im Öffentlichen Nahverkehr

Im U-Bahnhof Schönleinstraße, wo sonst Junkies auf den Bänken ihr Heroin rauchen, ist es leer. Zwei BVG-Sicherheitsmänner  passen auf. Auch die BVG behielt nach eigenen Angaben ihr Sicherheitspersonal von der Stärke her bei. Im Zug riecht jemand übel nach Kot. Wieder Männer mit Bierflaschen. Zwei Frauen starren in ihre Handys. Die Angst, belästigt oder gar überfallen zu werden, fährt mit.  

Jedoch registrierte die Polizei zwischen dem 16. März bis 12. April bei fast allen Delikten im öffentlichen Nahverkehr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang um 37,7 Prozent auf 748 Fälle. Gewalttaten nahmen um knapp 32 Prozent auf 216 Fälle ab. Auch Sachbeschädigungen, Diebstähle und Beleidigungen gingen um fast 40 Prozent zurück.

Ob das für Frauen, die mit der U-Bahn fahren müssen, ein Trost ist? BVG-Sprecher Jannes Schwentu weist auf die Informationssäulen auf jedem Bahnsteig hin: „Wenn man sich unsicher fühlt, gibt es die Möglichkeit, dort  die Notruftaste zu drücken. Dann wird sofort die Verbindung zum Sicherheitspersonal hergestellt, das Sie am Schirm sehen kann.“  

Wie in Gotham City

Wieder über der Erde. Auf der Mittelinsel des Hermannplatzes haben die Imbissbuden auf. Männer mit Bierflaschen haben sich auf den Steinkanten niedergelassen. Eine Curry mit Pommes – 3,90 Euro.  Kauft in dieser Zeit überhaupt noch jemand was? „Na ja“, sagt die Wurstverkäuferin. „Es ist weniger als sonst. Aber was soll man machen, die Leute wollen essen und leben, da müssen wir durch.“ In diesem Moment laufen vier Polizisten über den Platz. Die Polizei kann es sich leisten, Präsenz zu zeigen: es gibt keine Demos, keine Veranstaltungen und Fußballspiele.

Die U-Bahn-Linie 8 verläuft von der Hermannstraße in Neukölln nach Wittenau im Norden Berlins.
Foto: Eric Richard

Eine Papiertüte fliegt über die kaum befahrene Hermannstraße. Papier auch am Kottbusser Tor, Sperrmüllhaufen nahe des Moritzplatzes. Auch rund um die Gneisenaustraße ist es dreckiger als sonst. Papierkörbe hängen offen, der Müll liegt davor. Es wirkt, als ob die Stadtreinigung schon aufgegeben hätte. Auf ihrer Webseite schrieb die BSR am Donnerstag: Sie sei bestrebt, ihre Dienstleistungen „je nach Situation weitestgehend aufrechtzuerhalten“. Bei der Straßenreinigung könne es zu Einschränkungen bei den Reinigungsleistungen kommen. „Das ist aber nicht der Fall“, sagt BSR Sprecherin Sabine Thümler. Der Text stamme aus der Anfangszeit von Corona. „Den müssen wir mal von der Seite nehmen.“

Es ist ein Sonntag, der sich über die gesamte Woche erstreckt. Die verschwundenen Menschen, der verschwundene Alltag, die finsteren Gestalten – man fühlt sich teilweise an das fiktive verwahrloste Gotham City aus dem Batman-Comic erinnert. Laut Polizei sank die Kriminalität auf den Straßen Berlins seit Anfang März um rund 30 Prozent. Aber reale und gefühlte Sicherheit sind nicht das Gleiche.