BerlinNach einer nächtlichen Schießerei in der Nürnberger Straße geht die Polizei dem Verdacht nach, ob es sich um eine erneute Auseinandersetzung zwischen Verbrecher-Clans handelte. In den vergangenen Wochen gab es mehrere gewalttätige Zusammentreffen, die dieser Szene zugeschrieben werden.

Gegen 0.45 Uhr waren an der Bezirksgrenze zwischen Schöneberg und Charlottenburg mehrere Schüsse gefallen. Zuvor sollen dort drei Autos gehalten haben, ein Mercedes, ein BMW und ein Smart. Nach Angaben einer Polizeisprecherin stiegen die Insassen aus und begrüßten sich. Ein Fußgänger näherte sich ihnen und nahm die Gruppe vom Gehweg aus unter Beschuss. Anschließend flüchtete der Angreifer in Richtung Tauentzienstraße, die beschossene Gruppe in Richtung Augsburger Straße.

Polizisten fanden die Fahrer (beide 28 Jahre alt) des BMW und des Smart in der Nähe des Tatorts. Beide erklärten, weder zur Tat noch zu den Beteiligten etwas sagen zu können. Verletzt wurde bei dem Angriff anscheinend niemand. Die Polizei konnte Kugeln und Patronenhülsen sicherstellen.

Foto; Morris Pudwell
Ein Projektil schlug eine Delle in ein Verkehrsschild.

Kurze Zeit nach der Tat umstellten Polizeibeamte an der Ranke- Ecke Augsburger Straße einen weißen Mercedes AMG, dessen Fahrer und Insassen angeblich einem stadtbekannten Clan angehören. Das wurde von der Polizei bislang nicht bestätigt, sodass unklar ist, ob sich die Personen zufällig in der Nähe des Tatorts aufhielten.

In Kreuzberg wurde kürzlich ein Mann niedergeschossen

Am 27. November hatte es in Kreuzberg eine Schießerei gegeben, die vermutlich aus Clan-Streitigkeiten resultierte. An jenem Abend waren drei vermummte Männer auf eine Gruppe von Menschen zugegangen, die sich vor einem Laden Mittenwalder Ecke Fürbringerstraße aufhielten. Sie schossen einen 29-jährigen Mann nieder und flüchteten mit einem Auto, das später in der Nähe gefunden wurde. Das arabischstämmige Opfer musste im Kreuzberger Urban-Klinikum notoperiert werden.

Die Schießerei zog drei Tage später einen weiteren Angriff nach sich. In der Gneisenaustraße, nicht weit vom ersten Tatort entfernt, kamen mehrere Männer zu einem Haus und schlugen mehrere Scheiben einer Erdgeschosswohnung ein. Anschließend flüchteten sie. In der Wohnung leben Angehörige des niedergeschossenen Mannes.

An jenem Montagabend soll es vor dem Angriff auf das Haus an der Gneisenaustraße bereits Schlägereien von Mitgliedern verfeindeter Clans an der Schönlein-, Ecke Böckhstraße sowie an der Mittenwalder Straße gegeben haben.

Die Auseinandersetzungen zogen einen massiven Polizeieinsatz nach sich. Die Beamten kontrollierten unter anderem vier Männer, in deren Auto sich Baseballschläger, Messer und Tränengas-Dosen befanden. Das Auto wurde beschlagnahmt, die Männer nach erkennungsdienstlicher Behandlung entlassen.

Blutiger Zigaretten-Krieg unter Vietnamesen 

Nach den Kriegen zwischen Vietnamesen, die im Kampf um den Handel mit unverzollten Zigaretten in den 1990er-Jahren 39 Todesopfer in Berlin forderten, sind die Feindseligkeiten zwischen arabischstämmigen Clans trotz mehrerer Schießereien der letzten Jahre bislang ohne Todesopfer geblieben – mit einer Ausnahme: Im September 2018 erschossen vier Männer den vielfach vorbestraften 36-jährigen Nidal R. am Rande des Tempelhofer Felds vor den Augen seiner Kinder und seiner Frau. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt, laut einem Aussteiger aus der Szene musste der Mann wegen einer Ehrverletzung sterben.

  Foto: Paul Zinken/dpa
Gelbe Markierungen der Polizei verweisen auf Spuren an der Oderstraße, wo Nidal R. erschossen worden war.

Wegen des Begriffs „Clan-Kriminalität“ gibt es unterdessen politische Auseinandersetzungen. Die AG Migration der SPD und die Jusos verlangen, den Begriff nicht mehr zu verwenden, weil er rassistisch sei. Ein Verlangen, das bei der neuen SPD-Landesvorsitzenden Franziska Giffey und ihrem Nachfolger auf dem Stuhl des Neuköllner Bürgermeisters, Martin Hikel (SPD), auf wenig Verständnis stößt.