BerlinMit dem Corona-Lockdown hat die häusliche Gewalt hinter den Wohnungstüren vermutlich zugenommen. Allerdings weichen die Statistiken der Polizei und die Erfahrungen von Hilfsorganisationen voneinander ab. Einen Zusammenhang zwischen dem Lockdown im Frühjahr und der jetzigen „Lockdown light“ und mehr häuslicher Gewalt kann zumindest die Polizei zurzeit noch nicht feststellen.

Im November gebe es im Unterschied zum Frühjahr „eine etwas geringere Belastung der familiären Situation“, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. Seine Verwaltung verglich die – angezeigten und damit bekannt gewordenen - Fälle von Partnerschafts- oder familiärer Gewalt: Ab dem 26. Oktober, der letzten Woche vor den aktuellen Corona-Einschränkungen, und der Woche danach zählte die Berliner Polizei gleich viele Fälle – nämlich jeweils 274.

Im Vergleichszeitraum des Vorjahres, als Begriffe wie Covid-19 oder Sars-CoV-2 noch unbekannt waren, lagen die Zahlen sogar etwas höher: bei 293 beziehungsweise 295 Fällen. „Die weiteren Entwicklungen sind aber abzuwarten“, sagte Geisel. Er schränkte ein, dass mit diesen Zahlen nur das sogenannte „Hellfeld“ erfasst werde. Es brauche als Ergänzung auch die entsprechenden Erfahrungen der Gewaltambulanzen.

„Das Dunkelfeld ist bisher nur durch Mutmaßungen untersetzt“, sagte Marianne Rühl-Andresen, Leiterin der Abteilung III - Frauen und Gleichstellung in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, im Innenausschuss. „Die Zahl der Hilfesuchenden, auch an den Telefonen, ist das ganze Jahr über gestiegen, um durchschnittlich 30 Prozent. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass das auch mit der Pandemie im Zusammenhang steht.“ Gestiegen sind nach ihren Worten auch „die Zahlen in den Notunterkünften und die Nachfrage nach Schutz“.

Möglicherweise habe dies aber auch mit dem seit April erfolgten Ausbau der Schutzplätze zu tun und sei Auswirkung der massiven Aufrufe über Hilfeplakate oder Aktionen von privaten Initiativen, die sich an von Gewalt betroffene Frauen wenden.

Die Polizei kann bei Fällen häuslicher Gewalt prügelnden Partnern zeitlich befristet untersagen, die Wohnung zu betreten, um die betroffenen Frauen und Kinder zu schützen. Die Zahl dieser sogenannten Wegweisungen sei jedoch während der Pandemie um 3,4 Prozent zurückgegangen, sagte die Abteilungsleiterin. „Das macht uns Sorge. Da scheint irgendwo etwas nicht ganz rund zu laufen, und wir sollten uns fragen: Warum ist das so? Es kann eigentlich nicht sein, dass eine Frau mit vier Kindern aus einer Wohnung fliehen muss, und der Peiniger kann dann in der Wohnung verbleiben.“

Gleichbleibende oder sinkende Anzeigenzahlen einerseits und die vermehrte Inanspruchnahme von Hilfsangeboten andererseits sind ein deutschlandweites Phänomen. Bundesweit sei die Zahl der Beratungskontakte gestiegen, wie auch Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons, in der vergangenen Woche sagte. Inzwischen gebe es etwa 1000 Beratungen wöchentlich. BKA-Chef Holger Münch vermutete, dass die niedrigen Anzeigenzahlen mit fehlender sozialer Kontrolle zu tun haben könnten – weniger Kontakte mit Arbeitskollegen, Krankschreibungen per Telefon und damit auch weniger Arztkontakte. Er glaubt, dass die häusliche Gewalt zugenommen habe. „Aber wir können es in der Auswertung nicht sehen.“