TaipehZum ersten Mal seit elf Jahren kam Audrey im Sommer nicht nach Berlin. Meine taiwanische Freundin liebt Berlin, diese flirrende Metropole der individuellen Freiheit, deren Bewohner Regeln und Gesetze gerne in ihrem Sinne auslegen. Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Effizienz, Humorlosigkeit – die gängigen Stereotypen über Deutschland, sie stehen in der Hauptstadt Kopf. Die unerträgliche Seite an dieser Leichtigkeit des Berliner Seins führt uns der Corona-Lagebericht täglich vor Augen. Vierstellige Neuinfektions-Zahlen und Dutzende Tote, Intensivstationen an der Grenze der Belastbarkeit – fahrlässige Folge der Lässigkeit im Umgang mit Corona-Regeln.

Abstandsregeln, Maskenpflicht, Verzicht auf Reisen und Kontakte: Ein erheblicher Teil der Berliner pfeift darauf, je später der Abend, desto dreister. Kurz vor Mitternacht in der S2. An der Station Attilastraße nimmt ein junger Mann Platz, Fünftagebart, außer Atem, er hüstelt, die Maske unterm Kinn. Meine Bitte, die Maske vor Mund und Nase zu schieben, quittiert er mit einem feindseligen Blick: „Ich verstehe Sie nicht.“ „Ich werde das nicht diskutieren“, antworte ich müde. Springt er mir nun an die Gurgel? Er setzt sich in das nächste Abteil und hustet laut vor sich hin.

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